Inzidenz von 800

Coronavirus-Alarm in Tschechien: Mathematiker erschreckt mit Prognose - „Ende Mai sind wir aus dem Schneider“

  • Martina Lippl
    vonMartina Lippl
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Tschechien kämpft mit einer dramatischen Corona-Welle. Die Infektionszahlen explodieren. Kein Land in Europa verzeichnet mehr Corona-Fälle. Ein Experte gibt jetzt eine erschütternde Prognose ab.

München - Die Corona-Fallzahlen in Tschechien sind momentan zehnmal so hoch wie in Deutschland. Die Infektionsrate ist enorm. Die 7-Tage-Inzidenz liegt bei 800. Krankenhäuser sind am Limit. Nach langem Zögern bat die tschechische Regierung Nachbarländer bei der Behandlung von Covid-19-Patienten um Hilfe - auch Deutschland.

Corona-Krise in Tschechien - Kliniken am Limit

„Wir sind in einer Situation, in der wir niemals sein wollten“, sagte der Gesundheitsminister Jan Blatny vergangene Woche. Dabei schlugen die Krankenhäuser in Tschechien schon Anfang März Alarm. Meldeten Rekordzahlen an Corona-Patienten. Deutschland hatte zuvor schon Tschechien vom Coronavirus-Risikogebiet zum Hochinzidenzgebiet (24. Januar) hochgestuft. Seit Mitte Februar gilt das Nachbarland als Virusvarianten-Gebiet (seit 14. Februar). Die Grenzkontrollen wurden schließlich bis zum 17. März verlängert.

„Man sollte nie die Werte, die Tschechien hat, erreichen. Dann gibt es keinen Weg zurück“, sagt Ökonom und Mathematiker René Levínský im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (SZ) Seit Beginn der Corona-Pandemie befasst sich René Levínský mit dem Infektionsgeschehen in seinem Land. Er stellt Prognosen mit einem Team von Wissenschaftlern auf, berät die Politik.

Corona in Tschechien - Infektionszahlen explodieren

Die britische Mutante B.1.1.7 hat, laut dem Mathematiker, alles durcheinander gebracht. „Die Leute stecken sich schneller an, als sie geimpft werden. 20 bis 25 Prozent der Menschen sind schon immun, weil die Zahl der Infizierten so groß ist“, erklärt Levínský im SZ-Interview. Nach seinen Daten hätten die Menschen im Schnitt derzeit etwa zwölf Kontakte. Vor der Pandemie seien es durchschnittlich 22 Kontakte gewesen. Portugal und Großbritannien hätten den Kampf gegen die Mutante gewonnen, meint er. Und das mit der gesunkene Mobilität und mehr Homeoffice erreicht.

Trotz der hohen Todeszahl verschlossen viele Menschen in Tschechien „Augen und Ohren“, andere würden gleichgültig. Für den Pandemie-Experten sei das schwer zu verstehen. Ein weiteres Problem bestünde für Levínský auch darin, dass es in Tschechien keinen Sozialstaat gebe, der in so einer Situation überlebenswichtig sei. Zudem fehlten starke Institutionen, auch etwas Vergleichbares wie das Robert-Koch-Institut (RKI).

„Ende Mai sind wir aus dem Schneider“ - Pandemie-Prognose für Tschechien

Gerät das Coronavirus in Tschechien weiter außer Kontrolle oder ist das schlimmste überstanden? René Levínský gibt eine bittere Prognose ab: „Ende Mai sind wir aus dem Schneider. Bis dahin sind alle infiziert oder geimpft. Es tut mir leid, es ist so. Und das ist die Politik, das ist die Strategie unserer Regierung, die nicht laut ausgesprochen wird. Es ist sehr traurig. Am Ende sind vielleicht 50.000 Menschen gestorben. Völlig unnötig. Denn der Weg war gar nicht so weit, die Impfstoffe kamen schnell.“

Corona in Tschechien: Ein Soldat in Schutzkleidung wartet auf Patienten zum Testen.

Tschechien meldet mehr als 10.000 Corona-Neuinfektionen

Der Lockdown in Tschechien wurde Anfang März verschärft. Die Bürger dürfen ihren Bezirk nur noch in Ausnahmefällen verlassen - diese Regeln gelten voraussichtlich bis zum 21. März. Lockerungen zu Ostern sind momentan wohl in weite Ferne gerückt. An diesem Dienstag meldeten die Behörden 10.466 neue Fälle innerhalb von 24 Stunden. Das waren knapp 2000 weniger als am Dienstag vor einer Woche.

Tschechien bringt erstmals Covid-19-Patienten ins Ausland

Seit Beginn der Corona-Pandemie haben sich bisher mehr als 1,3 Millionen Menschen mit Corona infiziert. 22.147 Todesfälle wurden bisher nach Angaben des Ministeriums verzeichnet (Stand: 8. März).

Erstmals wird an diesem Dienstag ein Covid-19-Intensivpatient aus dem stark betroffenen Tschechien zur Behandlung ins Ausland gebracht, berichtet die Nachrichtenagentur dpa. Ein Rettungswagen mit einer schwerstkranken Frau an Bord brach am Dienstagmorgen in Usti nad Orlici auf, wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen CT berichtete. Ziel der zweieinhalbstündigen Fahrt sei das Krankenhaus in Raciborz in der polnischen Woiwodschaft Schlesien. Die 68 Jahre alte Patientin werde dabei von einem Notfallmediziner begleitet.(ml) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Michal Cizek/afp

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