Eine elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt Partikel des Coronavirus Sars-CoV-2.
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Eine elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt Partikel des Coronavirus Sars-CoV-2.

„Übersterblichkeit von 100 Prozent“

„Bin ich eher skeptisch“: LMU-Professor kritisiert RKI - und teilt alarmierende Beobachtung

  • Franziska Schwarz
    vonFranziska Schwarz
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Ein Statistik-Professor antwortet auf „Querdenker“-Theorien zur Übersterblichkeit mit einem klaren Nein - hat aber auch einen Rat an das Robert-Koch-Institut.

  • In der Debatte um Übersterblichkeit wird ein wichtiger Faktor übersehen, sagt ein Münchner Statistiker.
  • Deshalb schließt er sich einer Voraussage des Virologen Hendrik Streeck an.
  • Dafür sei allerdings die Entwicklung in Sachsen „eklatant“ - auch das Statistische Bundesamt sei irritiert.

München - „Hätte das RKI die Daten richtig visualisiert, dann wäre gleich klar gewesen, was wirklich in Deutschland geschieht“: Der Statistiker und LMU-Professor Göran Kauermann hat sich in einem Welt-Interview unzufrieden mit der Behörde gezeigt. „Dass die Infektionskurve trotz Lockdown bei den Alten nach oben schoss, kam nur durch eine statistische Fingerübung von uns heraus“, erläuterte er seinen Vorwurf.

„Wir hatten die Daten des RKI einmal grafisch anders dargestellt. Das war profan.“ Sein Frust betrifft aber nicht nur das RKI*, sondern die Datenqualität in Deutschland allgemein, die er als „einzige Katastrophe“ bezeichnete.

Münchner Professor kritisiert RKI: „Angesichts der Datenqualität bin ich skeptisch“

Auf die Frage, ob zunehmend jüngere Menschen an Covid-19 sterben, antwortete er der Zeitung: „Angesichts der Datenqualität des Robert-Koch-Instituts (RKI) bin ich eher skeptisch, ob wir irgendwann zu aussagekräftigen Analysen kommen. Wir würden das gerne untersuchen, aber zu Intensivpatienten gibt es keine Altersangaben. Das Gleiche gilt für die Mutanten. Oder das Testgeschehen.“

Übersterblichkeit wegen Corona? Professor aus München sieht Streeck-Prognose bestätigt

Ein weiteres Thema in dem Gespräch war die Übersterblichkeit wegen Corona*. „Nach unseren Berechnungen sind tatsächlich nicht unerwartet mehr Menschen gestorben als im Schnitt der vier Jahre davor“, sagte er - und bestätigte damit eine frühere Prognose des Virologen Hendrik Streeck. Wie kann das sein, wenn das Statistische Bundesamt 48.000 mehr Tote als im Zeitraum 2016-2019 meldet?, lautete die Nachfrage. Laut Kauermann eine Frage der Interpretation - denn man müsse dabei die Altersstruktur berücksichtigen.

Die heute 80-Jährigen seien in einem besonders geburtenstarken Jahrgang geboren und die höheren Sterbezahlen somit zu erwarten gewesen. Der „Querdenker“-Bewegung, aus der Behauptungen kommen, dass es sogar weniger Tote gäbe, konterte Kauermann aber: „Da ist nichts dran.“ Seine Zweifel an einer Übersterblichkeit äußerte er bereits im BR:

Corona in Sachsen: „Selbst ohne Covid-19 eine Übersterblichkeit von 50 Prozent“

Dennoch, für das Gesundheitssystem sind mehr Tote eine Herausforderung - und Kauermann teilte in dem Interview eine alarmierende Beobachtung mit: „In den vergangenen Wochen hat sich vor allem in Ostdeutschland eine massive Übersterblichkeit eingestellt, in Sachsen gegenwärtig fast 100 Prozent, also eine Verdoppelung. Eklatant ist: Selbst ohne die Covid-19-Todesfälle gibt es dort eine Übersterblichkeit von 50 Prozent.“

Sein Forschungs-Team (die „Corona Data Analysis Group“ an der LMU) werde wiederholt von Betroffenen aus dem Bundesland kontaktiert, die berichteten, mit Sars-CoV-2 infizierte Angehörige in Pflegeheimen seien ohne medizinische Hilfe verblieben und gestorben, so Kauermann, und konstatierte: „Jedenfalls stimmt da etwas nicht, das spiegelt sich auffällig in den Zahlen wider.“ Man habe die Beobachtung an das Statistische Bundesamt weitergeleitet. „Auch dort war man irritiert“, sagte er der Welt. (frs) *Merkur.de gehört zum Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk.

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