Thomas Mettenleiter, Leiter des Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems, unterhält sich gestikulierend.
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Thomas Mettenleiter ist Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI). (Archivbild)

„Fehler können einfach passieren“

Corona-Ursprung: Experte bezeichnet Labor-Theorie als „unwahrscheinlich“ – und schließt sie dennoch nicht aus

Der Corona-Ursprung ist weiterhin ungeklärt. Thomas Mettenleiter hält die Theorie eines Laborunfalls in China für unwahrscheinlich, schließt sie aber nicht endgültig aus.

Riems - Die Frage nach dem Ursprung des Coronavirus wird seit dem Beginn der Pandemie gestellt. Eine endgültige Antwort haben Forscher weltweit noch nicht gefunden. Seit langem kursieren unbelegte Mutmaßungen, das Virus könne womöglich aus einem Labor in der chinesischen Stadt Wuhan entwichen sein, wo es vermutlich erstmals aufgetreten ist. China hat derartige Vorwürfe bislang vehement zurückgewiesen.

Corona-Ursprung: WHO-Ermittler untersuchen Daten in China - Laborunfall „extrem unwahrscheinlich“

Ein Ermittlungsteam der Weltgesundheitsorganisation (WHO) machte sich im Januar und Februar in China auf die Suche nach dem Ursprung des Coronavirus. In ihrer im März vorgelegten Studie bezeichneten sie die Theorie eines Laborunfalls als „extrem unwahrscheinlich“. Es sei vielmehr „wahrscheinlich bis sehr wahrscheinlich“, dass Sars-CoV-2 von einer Fledermaus über ein Zwischenwirt-Tier auf den Menschen übergegangen sei.

Auch der US-Gesundheitsexperte Anthony Fauci geht nicht davon aus, dass das Coronavirus aus einem chinesischen Labor entwichen ist, wie er in einem Podcast der New York Times Ende Juni mitteilte. Dennoch unterstützt er die Pläne von US-Präsident Joe Biden, die neue Ermittlungen der amerikanischen Geheimdienste zum Corona-Ursprung vorsehen. Als Wissenschaftler bleibe er so lange offen für neue Erkenntnisse, bis eine Theorie endgültig bewiesen sei. „Wenn uns eine Untersuchung dabei hilft, bin ich natürlich dafür“, sagte Fauci.

Corona-Ursprung: FLI-Präsident Mettenleiter hält Labor-Theorie für „höchst unwahrscheinlich“

Ähnlicher Ansicht ist Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) auf der Ostseeinsel Riems. Das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit arbeitet in Hochsicherheitslaboren insbesondere mit Tierseuchenerregern und Erregern, die zwischen Mensch und Tier hin- und herspringen können, sogenannte Zoonosen. Weltweit gibt es laut Mettenleiter rund 50 Labore, die auf hochansteckende Viren spezialisiert sind – darunter auch das Wuhan Institute of Virology in China.

Den Ausbruch von Viren aus solchen Hochsicherheitslaboren halte der FLI-Präsident für „höchst unwahrscheinlich, aber ganz ausschließen kann man das nie“, erklärte er Focus Online. Die Sicherheitsvorkehrungen in solchen Einrichtungen seien sehr hoch und komplex. „Diese Schutzmaßnahmen sind weltweit Standard in solchen Laboren – dennoch gibt es natürlich den menschlichen Faktor. Fehler können einfach passieren“, sagte Mettenleiter.

Corona-Ursprung: „Spekulationen Tür und Tor geöffnet“ – Chancen für Aufklärung sinken

„Wir wissen nicht woher der Erreger stammt, deshalb sind Spekulationen Tür und Tor geöffnet – ich glaube nicht, dass eine bewusste Veränderung des Erregers stattfand, aber 100-prozentig ausschließen kann ich diese Hypothese auch nicht“, so die Einschätzung des FLI-Präsidenten zu den Mutmaßungen um den Corona-Ursprung durch einen Laborunfall. Die Veränderung von Viren zu Forschungszwecken sei nicht unüblich, etwa um zu sehen, wie gefährlich ein Erreger potenziell für Menschen und Tiere werden kann.

Die Theorie, dass Corona auf dem Wildtiermarkt in Wuhan auf den Menschen übergesprungen ist, kann Mettenleiter ebenfalls nicht ausschließen. „Wenn viele verschiedene Tierarten aus unterschiedlichen Regionen an einem Ort zusammenkommen, bringt jedes Tier sein Erregerreservoir mit - da kann es durchaus zum Austausch und auch zum Übersprung auf den Menschen kommen“, sagte der Experte gegenüber Focus Online. Er stellte allerdings auch klar: „Es ist möglich, aber dennoch fehlen für die Wildtiermarkt-These genauso die Beweise wie für alle anderen Thesen.“

Die Chancen, den tatsächlichen Corona-Ursprung herauszufinden, sinken laut Mettenleiter zunehmend. „Je weiter wir uns zeitlich vom Initialereignis entfernen, desto schwieriger wird es, die Ursprünge zu finden“, so die Prognose des Forschers. (ph)

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