Eine Person in Schutzkleidung hält sich die Händen an den Kopf, dahinter steht eine weitere Person in Schutzkleidung.
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Rasant ansteigende Fallzahlen: In Uruguay kam trotz Impfkampagne zuletzt viel Arbeit auf die Klinikmitarbeiter zu.

Viele Impfungen, aber auch viele Infektionen

Mahnendes Beispiel für Deutschland? Dieser Fehler brachte Uruguay urplötzlich arge Corona-Probleme

  • Marcus Giebel
    vonMarcus Giebel
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Uruguay galt monatelang als Paradebeispiel für eine Pandemiebekämpfung mit Weitsicht. Doch das kann auch fatale Fehleinschätzungen zur Folge haben, wie sich zeigen sollte.

München/Montevideo - Wenn der Blick auf Diagramme und Fallzahlen in der Pandemie zur Routine geworden ist, wird nur noch wirklich rasanten Entwicklungen weltweit Beachtung geschenkt. Wie es Uruguay in diesem Frühjahr zweimal gelungen ist - aber nur beim ersten Mal zum Wohl des südamerikanischen Staates.

Das verhältnismäßig kleine Land im Südosten des schwer vom Coronavirus heimgesuchten Kontinents überraschte erst mit einer enorm ambitionierten Impfkampagne. Obwohl Uruguay erst Ende Februar loslegte, ist zwei Monate später schon ein Drittel der Bevölkerung mindestens einmal immunisiert. Die Impfkurve schoss auch dank entschlossener Vakzin-Beschaffung empor, seit Mitte April sind auf 100 Einwohner gerechnet mehr Bürger und Bürgerinnen im Land geimpft als in Deutschland.

Corona-Falle in Uruguay: Mit den zunehmenden Impfungen nahm auch die Zahl der Neuinfektionen rasant zu

Um diese Zeit preschte jedoch auch eine zweite Kurve nach oben - die der Neuinfektionen. Waren hier im November überhaupt erstmals dreistellige Zahlen und bis Anfang März kaum einmal mehr als 1000 frische Fälle pro Tag vermeldet worden, explodierten sie seither förmlich. Trauriger Rekord war der 9. April mit fast 7300 neuen Corona-Infizierten binnen 24 Stunden. Der rollierende Sieben-Tages-Schnitt umgerechnet auf eine Million Einwohner durchbrach zeitweise die 1000er-Marke und torpedierte sogar den Wert des besonders schwer getroffenen Nachbarlands Brasilien, das nicht einmal ein Drittel davon erreichte.

Aus zwei Gründen war Uruguay urplötzlich in den weltweiten Schlagzeilen. Ein Land, das für seine Corona-Politik zuvor gelobt wurde oder zumindest anerkennenden Beifall einheimste. Doch wie konnte es so weit kommen?

Corona-Falle in Uruguay: Geringe Bevölkerungszahl und zwei Problemkinder als Nachbarn

Zur Wahrheit gehört auch ein Blick auf die Bevölkerungszahl. Das Land ist zwar halb so groß wie Deutschland, beherbergt jedoch mit 3,45 Millionen weniger Menschen als Berlin. Bei relativen Statistiken hat somit jeder Corona-Fall automatisch einen deutlich größeren Effekt als in der Bundesrepublik, Brasilien, Spanien oder den USA. Daher gestalten sich auch Hotspots folgenschwerer. Hier sollte noch erwähnt werden, dass sich in der Hauptstadt Montevideo mehr als ein Drittel der Bevölkerung tummelt.

Erschwerend kam auch die geografische Lage hinzu. Denn die beiden Nachbarn - Brasilien im Norden und Argentinien im Süden - haben kaum wirksame Mittel gegen das Virus gefunden. So verbreitete sich in der uruguayischen Grenzregion nach Brasilien bereits die dort entstandene Mutation P.1.

Corona-Falle in Uruguay: Sorglosigkeit führt zu gestiegener Mobilität - weit vor der Herdenimmunität

Ähnlich schwer wiegt bei der neuen Corona-Welle in Uruguay aber die deutlich zu früh gestiegene Mobilität der Bevölkerung. Offenbar ausgelöst von Sorglosigkeit aufgrund der insgesamt positiven Entwicklung und des vergleichsweise übermäßig vorhandenen Impfstoffes. Dabei kann auch hier noch lange nicht von einer Herdenimmunität gesprochen werden - also dem Zustand, bei dem genug Menschen einen Schutz vor dem Virus aufgebaut haben, so dass sich dieses nicht mehr rasch ausbreiten kann. Weil ihm die natürlichen Wirte ausgehen.

Insofern sollte Uruguay auch für Deutschland ein mahnendes Beispiel sein, sich in dieser Pandemie nicht zu früh in Sicherheit zu wiegen. Denn das muss womöglich teuer bezahlt werden - im schlimmsten Fall mit Menschenleben.

Sich aktuell allein auf die Impfstoffe zu verlassen, kann jedoch auch nicht die Lösung sein, betont Carissa F. Etienne von der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation PAHO laut Welt: „In den meisten Ländern werden die Vakzine diese Welle der Pandemie nicht stoppen.“

Ein kleines Happy End hat die Geschichte aus Uruguay aber zum Glück. Dort wurde erfolgreich gegengesteuert, die Zahl der Neuinfektionen betrug zuletzt rund 3000 am Tag. Das ist immer noch weit über dem Niveau vor Beginn der Impfungen. Aber zumindest ein Zeichen, dass Fehler in der Pandemie aufgefangen oder zumindest abgefedert werden können. (mg)

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