Ein Schwangerschaftsbauch. Die Mutter formt mit ihren Händen ein Herz auf ihrem Bauch.
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Bei der Geburtseinleitung sollen nun strengere Vorgaben gelten. (Symbolbild)

Bessere Risikoaufklärung

Mehr Mitbestimmung bei der Geburt: Neue Leitlinie für Medikament zur Geburtseinleitung

  • Katrin Langhans
    vonKatrin Langhans
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Ärzte dürfen das Medikament Cytotec fortan nicht mehr zerstückeln und sollen Frauen besser über schwere Risiken aufklären.

Nicht viele Medikamente haben im vergangenen Jahr so viel Aufmerksamkeit bekommen wie Cytotec. Die sechseckige Tablette wird häufig in der Geburtshilfe bei Schwangeren angewendet, um künstliche Wehen auszulösen.

Im Frühjahr hatten der Bayerische Rundfunk und die Süddeutsche Zeitung über einzelne Fälle berichtet, in denen es im Zusammenhang mit Cytotec zu Gebärmutterrissen, zur Hirnschädigung von Neugeborenen und sogar zu Todesfällen von Mutter und Kind gekommen war.

Die Fälle gingen aus Gutachten und Patientenakten hervor. Sie haben die Gemeinsamkeit, dass die verabreichte Dosis von Cytotec weit über den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) lag und dass Ärzte zu spät auf die Komplikationen reagierten.

Jede fünfte Geburt wird eingeleitet – Cytotec ist dafür nicht zugelassen

In dieser Woche hat die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) nun gemeinsam mit Kollegen aus der Schweiz und Österreich eine neue Leitlinie zur Geburtseinleitung veröffentlicht. Darin geht es auch um den Umgang mit Cytotec – genauer: mit dem Wirkstoff Misoprostol, der in der Tablette enthalten ist.

Die Leitlinie soll einerseits Ärzten und Hebammen auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse Orientierung bieten, andererseits auch das Recht der Frauen auf Mitbestimmung im Kreißsaal stärken. Doch in der Praxis bleiben zentrale Fragen offen.„Wir haben dringend Vorgaben gebraucht, wie wir am besten vorgehen“, sagt Christiane Schwarz, die in Lübeck am Lehrstuhl für Hebammenwissenschaften forscht und an den Empfehlungen mitgewirkt hat. „Ich bin froh, dass es die Leitlinie jetzt gibt“, sagt Schwarz.

Die neue Leitlinie ist wichtig für Schwangere, denn in Deutschland wird im Schnitt jede fünfte Geburt eingeleitet. Das ist zum Beispiel sinnvoll, wenn das Kind zu lang über dem errechneten Termin ist oder wenn die Fruchtblase vorzeitig platzt und die Wehen nicht von alleine einsetzen. Dann erzeugt man künstliche Wehen, um die Geburt anzustoßen.

„Cytotec wird manchmal unsachgemäß überdosiert“

Viele Schwangere erhalten dann das Medikament Cytotec. Das Mittel ist deutlich günstiger als zugelassene Alternativen und in einer geringen Dosierung ist der Wirkstoff Misoprostol Studien zufolge genauso effektiv und sicher. Das geht aus einer Auswertung des unabhängigen Cochrane Instituts hervor.

In der Praxis aber kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Problemen im Umgang mit dem Medikament – auch weil es keine Packungsbeilage gibt, die den Umgang im Kreißsaal regelt.

Zugelassen ist die Tablette nur als Magenmedikament. Ärzte können Cytotec aber innerhalb der Therapiefreiheit verwenden, wenn sie davon überzeugt sind, dass das Mittel geeignet ist – zum Beispiel für Schwangere. Sie können in dem Fall keine ganze Tablette geben, weil die Dosis des Wirkstoffes Misoprostol viel zu hoch wäre.

In der Praxis wurde die Tablette deswegen zum Teil einfach zerschnitten, zerbröselt oder in Wasser aufgelöst. Doch weil der Wirkstoff in der Tablette nicht gleichmäßig verteilt ist, kann es passieren, dass Schwangere zu hohe Dosen des Medikaments erhalten. Die neue Leitlinie rät daher dazu, dass nur Apotheker die Präparate herstellen sollen. Auch das Bundesamt für Arzneimittel und Risikobewertung (BfArM) veröffentlichte vor kurzem einen sogenannten Rote-Hand-Brief an Ärzte, der vor dem Teilen der Tablette warnt.

„Cytotec wird manchmal unsachgemäß überdosiert und dann nicht schnell genug angemessen reagiert“, sagt Christiane Schwarz. Der Umgang mit dem Medikament soll sicherer werden: Die neue Leitlinie empfiehlt, den Herzschlag des Kindes vor der Gabe der Tabletten zu prüfen und zu überwachen, sobald die Wehen regelmäßig losgehen. Das ist wichtig, um schnell reagieren zu können, wenn eine seltene schwere Komplikation eintritt.

Frauen sollen über das Risiko eines Gebärmutterrisses aufgeklärt werden

Auch die Aufklärung der Frauen über potentielle schwere Komplikationen soll besser werden. Nur schwache Nebenwirkungen wie Erbrechen zu nennen reicht demnach künftig nicht mehr aus.

Recherchen von BuzzFeed News und dem BR zufolge haben Kliniken in der Vergangenheit sehr uneinheitlich aufgeklärt. Das geht aus Akten und aus Gesprächen mit betroffenen Frauen hervor. Manche Frauen sagen, sie wussten gar nichts von möglichen schweren Nebenwirkungen.

In der neuen Leitlinie heißt es ganz klar: Frauen sollen über das Risiko des Gebärmutterrisses informiert werden. „Es gibt ganz klare No-Gos“, sagt Schwarz. Eine Frau, die zuvor einen Kaiserschnitt hatte, sollte kein Cytotec bekommen. Zu groß sei das Risiko, dass die Gebärmutter reißt.

Problematisch und weiterhin unklar ist die optimale Dosierung

Aus dem Leitlinienprogramm der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe

„Generell zeigt diese Thematik um die Geburtseinleitung mit Misoprostol, dass wir Forschungsbedarf in vielen Bereichen der Geburtshilfe haben“, sagt Sven Kehl, der für die Geburtshilfe am Klinikum Erlangen zuständig ist und an der Leitlinie mitgearbeitet hat.

In der Empfehlung der Experten heißt es dazu: “Problematisch und weiterhin unklar ist die optimale Dosierung”. Eine höhere Dosis sei zwar effektiver, habe aber auch mehr Nebenwirkungen.

Internationale Empfehlungen sind hingegen sehr konkret, wenn es um die Gabe des Wirkstoffes geht, der in Cytotec enthalten ist: Die Weltgesundheitsorganisation rät, eine geringe Menge von 25 Mikrogramm alle zwei Stunden zu verwenden. In den USA gilt diese Empfehlung auch, in Kanada empfiehlt man mitunter das doppelte. In Deutschland aber hält man sich fast alles offen - auch die vierfache Menge.

Diesen Unterschied erklärt Sven Kehl mit der Historie: Deutsche Ärzte hätten viel Erfahrung mit den Prostaglandinen, zu denen auch Misoprostol gehört. Außerdem müsse die WHO auch berücksichtigen, so Kehl, wie das Mittel in Ländern gehandhabt werde, in der keine Hightech-Medizin verfügbar sei. Nicht alle Schwangeren seien gleich, man wolle individuell auf sie eingehen.

„Das könnte zu gefährlichen Komplikationen führen“

Die Expertengruppe hat in der Leitlinie auch darauf verzichtet, Empfehlungen für klare Zeitabstände zur Gabe des Medikamentes zu geben. „Das ist ein Fehler“, sagt Andrew Weeks, Professor für internationale Frauenheilkunde an der Universität Liverpool. „Das könnte zu gefährlichen Komplikationen führen.“ Weeks forscht seit 25 Jahren zu dem Wirkstoff Misoprostol und hat an der Empfehlung für die Weltgesundheitsorganisation mitgewirkt.

Das Risiko gehe nicht vom Medikament selbst aus, so Weeks, sondern vom falschen Umgang mit dem Medikament. Für ihn ist es nicht nachvollziehbar, warum man Ärzten in Deutschland keine klare Anwendungsempfehlung mit an die Hand gibt, um unnötige Risiken zu vermeiden,

Aus einem Kapitel in der Leitlinie geht hervor, dass man es in der Schweiz offenbar nicht ganz so locker sieht. Dort sollen sich Ärzte prioritär nicht an die neue Leitlinie halten, wenn es um Cytotec und den Wirkstoff Misoprostol geht, sondern an einen Expertenbrief aus dem Jahr 2019. Hohe Dosen werden hier ausgeschlossen. Vom händischen Teilen der Tablette hat die Schweiz schon vor einem Jahr abgeraten. *BuzzFeed News Deutschland ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks. Wer die Reporter*innen erreichen möchte: recherche@buzzfeed.com

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