Das Sterben war seine letzte Predigt

Den Erzbischof von München und Freising, Kardinal Friedrich Wetter, erreichte die Nachricht vom Tod des Heiligen Vaters im Heiligen Land. Der Kardinal besucht dort zusammen mit Priesteramtskandidaten die heiligen Stätten. Friedrich Wetter begab sich unverzüglich auf die Rückreise nach München. Auf dem Weg in die Heimat konnten wir mit ihm sprechen.

<P class=MsoNormal>Wann und wie hat Sie die Nachricht vom Tod des Papstes erreicht?<BR>Kardinal Wetter: Die Menschen im Heiligen Land haben schon das Sterben des Heiligen Vaters mit großer Anteilnahme verfolgt. Ich habe seinen Tod unmittelbar nach der offiziellen Bekanntgabe in Rom über das Fernsehen erfahren.</P><P class=MsoNormal>Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen?<BR>Wetter: Natürlich bewegt mich sein Tod schmerzlich. Aber sein Sterben war auch seine letzte große Predigt. Er hat uns bis zuletzt die Überwindung von Krankheit und Gebrechlichkeit durch den unerschütterlichen Glauben an ein Leben in Fülle vor Gottes Angesicht vorgelebt. So ist sein Sterben in den Sonntag hinein in der Osteroktav auch eine tröstliche Botschaft, die er selbst oft verkündet hat: "Fürchtet euch nicht! Öffnet die Tore weit für Christus!"</P><P class=MsoNormal>Sie haben den Papst persönlich gut gekannt. Johannes Paul II. hat sein Leiden und Sterben öffentlich gemacht. Wie passt das in sein Pontifikat?<BR>Wetter: Wir haben den fröhlichen, den humorvollen, den sportlichen Heiligen Vater mit seinem Charme und seinem Charisma geliebt und geschätzt. Als er in den Jahren nach dem Attentat immer wieder auch die Erfahrung von Krankheit, zuletzt des Alters und der Gebrechlichkeit machen musste, hat er uns gelehrt: Das gehört zum Menschen. So ist der Mensch. So ist auch der leidende Papst, der verstummende Papst ganz unser Bruder in Christus geworden. Das war das Wesen seines Pontifikats.</P><P class=MsoNormal>Wie haben Sie die Atmosphäre in Israel nach Bekanntwerden des Todes erlebt?<BR>Wetter: Beim Besuch der Heiligen Stätten war die Verbindung mit dem sterbenden Papst und dann auch die Verbundenheit mit ihm nach seinem Tod überall in beeindruckender Weise spürbar. Die Menschen haben einfach die Liebe erwidert, die er ihnen entgegenbrachte. Das gilt auch für Juden und Muslime, die ihm mit großem Respekt und Verehrung begegnen.</P><P class=MsoNormal>Sie haben den Papst 1987 als Gastgeber in Bayern empfangen. Welches Bild haben Sie vor Augen, wenn Sie sich an diesen Papstbesuch erinnern?<BR>Wetter: Es war eine beeindruckende und harmonische Begegnung mit dem Heiligen Vater, als er am 3. Mai 1987 im Münchner Olympiastadion Pater Rupert Mayer selig gesprochen hat. Aber es war auch eine anspruchsvolle und herausfordernde Begegnung, in der er uns das Beispiel dieses Glaubenszeugen aus der Zeit des nationalsozialistischen Unrechtsregimes so deutlich ans Herz gelegt hat. "Gottesrechte und Menschenrechte stehen und fallen miteinander. Unser Leben ist nur dann in Ordnung, wenn unser Verhältnis zu Gott in Ordnung ist." Das waren seine Worte damals, und sie sind tragende Säulen seiner Verkündigung geblieben.</P><P class=MsoNormal>Was passiert nun in München?<BR>Wetter: Für den kommenden Mittwoch sind die Gläubigen zu einem feierlichen Requiem für Johannes Paul II. in den Münchner Liebfrauendom eingeladen. Ich werde die Eucharistie im Gedenken an den Heiligen Vater feiern und auch über sein großes Glaubenszeugnis und Lebenswerk predigen.</P><P class=MsoNormal>Wann reisen Sie nach Rom?<BR>Wetter: Ich kann jetzt noch keinen genauen Termin nennen. Aber ich werde sicher zur Beisetzung des Heiligen Vaters fahren, und dann steht das Konklave mit der Wahl eines neuen Papstes bevor.</P><P class=MsoNormal>Mit welchen Gefühlen reisen Sie zur Beisetzung des Papstes und zur Wahl seines Nachfolgers?<BR>Wetter: Vor allem mit dem Gefühl einer tiefen Dankbarkeit, dass Gott uns diesen großartigen Menschen im Petrusamt für eine so lange Zeit geschenkt hat.</P><P class=MsoNormal>Das Gespräch führte Claudia Möllers.</P>

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