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Ein Baby gehörte früher zum Lebensglück. Heute denken immer weniger Menschen so.

Studie zum Geburtenrückgang

Deutschland – kein Kinderland

München - Dass bei uns immer weniger Kinder geboren werden, ist seit Jahren bekannt. Eine neue Studie geht jetzt der Frage nach, warum das so ist.

Elternzeit, Kita-Garantie, Betreuungsgeld – alle Bemühungen der Politik haben nichts genutzt: Kinder zu bekommen, gehört in Deutschland immer weniger zur Lebensplanung. Insbesondere in Westdeutschland. Das geht aus einer neuen Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung hervor, die sich neben der Statistik auch mit der Einstellung zum Thema Kind beschäftigt.

Deutschland hat mit 1,39 nicht nur eine sehr niedrige Geburtenrate, sondern im globalen Vergleich auch einen der höchsten Anteile an kinderlosen Frauen. Gründe dafür sind nicht nur in fehlenden Betreuungsplätzen, sondern auch im sozialen Umfeld zu suchen.

Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Familiengründung mit Erwachsenwerden assoziiert: Man hatte die wirtschaftlichen Grundlagen geschaffen, „ein Nest gebaut“, wie es so schön hieß, und war bereit, Verantwortung zu übernehmen. Heute wird die Reife einer Person nicht einmal ansatzweise damit in Verbindung gebracht, ob sie Kinder hat oder nicht.

Zudem haben sich die Lebensinhalte und -ziele aufgefächert. Kinder sind zwar immer noch eine wichtige Option. Doch sie stehen in Konkurrenz zu Karriere, Freundeskreis, Freizeit – Möglichkeiten, die insbesondere in Westdeutschland stark ausgelebt werden.

Im Vergleich zwischen alten und neuen Bundesländern deckt die Studie auch kulturelle Unterschiede auf. Typisch für den Westen sind hohe Kinderlosigkeit, insbesondere bei Akademikerinnen und Singles, aber auch Mehrkindfamilien sowie eine enge Verbindung von Ehe und Elternschaft. Im Osten wird hingegen viel seltener geheiratet. 61,2 Prozent der Eltern haben keinen Trauschein (Westen 27,0 Prozent). Aufgrund des besseren Betreuungsangebots sind die meisten Ost-Mütter berufstätig und damit unabhängig von einem „Ernährer“. Die Ein-Kind-Familie ist hier die Norm, viele Kinder kann sich dagegen kaum ein Paar leisten.

Da seit den 70er Jahren üblich, ist außerfamiliäre Betreuung von unter Dreijährigen im Osten weitgehend akzeptiert. Dem Satz „Ein Kleinkind wird wahrscheinlich darunter leiden, wenn die Mutter berufstätig ist“, stimmen hier nur 36 Prozent zu, im Westen sind es 63 Prozent. Das gängige Bild von der „Rabenmutter“ treibt insbesondere die westdeutschen Frauen in ein schwieriges Spannungsfeld. Doch wo sich Erwerbstätigkeit und „gute Mutter“ ausschließen, entscheiden sich viele Frauen für den Beruf. Und gegen Kinder. Der Studie zufolge sind es vor allem Menschen mit einem hohen Anspruch an Elternschaft, die sich häufiger als andere gegen Kinder entscheiden als andere – weil sie Angst haben, ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden zu können.

Aufschlussreich sind auch die regionalen Unterschiede. So werden in dünn besiedelten Regionen traditionell mehr Kinder geboren. An der Spitze liegen hier norddeutsche Landkreise. Die niedrigste Geburtenziffer haben hingegen die bayerischen Universitätsstädte Würzburg (0,96) und Passau (1,02).

Typisch für Großstädte ist, dass die Mütter immer älter werden, weil hier zunächst berufliche Etablierung und Immobilienerwerb Vorrang haben. Die im Durchschnitt ältesten Mütter gab es 2009 im Großraum München und im Rhein-Main-Gebiet. An der Spitze steht der Landkreis Starnberg mit 33 Jahren; im Landkreis München sind es 32,7 Jahre. Mit dem zunehmenden Alter der Mütter sinkt freilich auch die Wahrscheinlichkeit weiterer Kinder.

Auch Kinderlosigkeit konzentriert sich in Städten. Überraschend: Die meisten kinderlosen Frauen gibt es in Landshut sowie im Landkreis Miesbach, wo jeweils fast die Hälfte der Frauen im Alter von 36 bis 48 Jahren keine Kinder haben.

In der Werteskala des Lebens steht bei den Kinderlosen der Beruf an erster Stelle, gefolgt von Freunden, Freizeit und Partnerschaft. Ganz anders bei Eltern, wo die Familie plötzlich eine herausragende Bedeutung bekommt – weit vor Beruf und Freunden. „Für Eltern zählt vor allem, dass sie sich ihre Arbeitszeit in gewissem Maße selbst einteilen können und Rücksicht auf ihre familiären Belange genommen wird, zum Beispiel, wenn ein Kind krank wird.“ Dies ist ein Schlüsselsatz, wie Unternehmen die Entscheidung zum Kind erleichtern können.

Monika Reuter

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