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So bleibt er in Erinnerung: Johannes Paul II. im Jahr 1979 - er lächelt den Menschen zu.

"Die Wahrheit seines Lebens"

Private Notizen von Johannes Paul II. veröffentlicht

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München - Diese Publikation sorgt für Wirbel: Kürzlich hat ein polnischer Verlag private Aufzeichnungen von Johannes Paul II. veröffentlicht – obwohl der Papst in seinem Testament ausdrücklich verfügt hatte, die Notizen zu verbrennen.

Es wird kein einfacher Auftritt. Und der Kardinal weiß das. An einem kalten Dienstag im Januar steht er im Erzbischofspalast von Krakau. Die Kameras sind auf sein Gesicht gerichtet, die Journalisten stellen Fragen. Und eines wollen sie genau wissen: Warum hat Stanislaw Dziwisz, 74, Erzbischof von Krakau und einst enger Vertrauter von Johannes Paul II., nicht den letzten Willen des polnischen Papstes respektiert? Der Kardinal atmet tief ein, aus, dann lächelt er – und sagt mit ruhiger Stimme: „Ich habe verantwortlich gehandelt.“ Pause. „Es wäre ein Verbrechen gewesen, all das zu zerstören.“

Mit „all das“ meint er die privaten Notizen von Johannes Paul II. Der Papst hatte in seinem Testament verfügt, sie zu verbrennen – alle Aufzeichnungen aus den Jahren 1962 bis 2003 sollten vernichtet werden. Doch der Kardinal schaffte das nicht: „Ich hatte keinen Mut, denn sie enthielten wichtige Informationen über sein Leben.“

Als der Heilige Vater am 2. April 2005 im Alter von 84 Jahren und schwer gezeichnet von Parkinson starb, nahm der Kardinal dessen persönliche Gedanken an sich. „Seine Notizen waren für mich stets wie eine Wiederbegegnung mit ihm“, sagt er jetzt und blickt dabei in die Kameras.

Nach dem Tod von Johannes Paul II. wartete Dziwisz mehrere Jahre, erst dann traf er eine endgültige Entscheidung: Er wollte, dass die Notizen publiziert werden. Deshalb wandte er sich an den Krakauer Verlag „Znak“, was übersetzt „das Zeichen“ heißt.

Vor wenigen Tagen war es soweit. Der Verlag brachte das Buch heraus. Es heißt: „Ich bin ganz in Gottes Hand.“ Der Autor: Ein gewisser Karol Wojtyla – jener Geistliche, der am 16. Oktober 1978 zum Papst gewählt wurde und sich fortan Johannes Paul II. nannte. Das Buch hat mehr als 600 Seiten – und es sorgt in Polen für eine heftige Kontroverse: Durfte Dziwisz so etwas machen?

„Was zerstört werden musste, wurde zerstört“, antwortet der Kardinal immer wieder – und meint damit die ganz persönlichen Dinge. Doch der Rest, der sei „so immens wichtig, weil er so eindrucksvoll Zeugnis ablegt über die Spiritualität eines großen Papstes“. Und: „Dieses Buch erlaubt uns die Vorbereitung auf die Kanonisation von Johannes Paul II.“ Der Pontifex aus Polen soll am 27. April heiliggesprochen werden (siehe Kasten). Das ist der Sonntag nach Ostern: der Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit. Ein Gedenktag, denn Johannes Paul II. einst selbst eingeführt hatte.

Doch was genau steht in dem Buch, das die Gemüter so hochkochen lässt? Es kommt vor, dass Johannes Paul II. kurz über den Schlaganfall eines befreundeten Geistlichen schreibt. Im Wesentlichen sind es aber Reflexionen, religiöse Meditationen und Selbstverständigungen – aus einem Zeitraum von mehr als 40 Jahren. „Das sind keine klassischen Tagebucheinträge“, sagt Dziwisz, und es klingt fast ein bisschen, als wolle er sich verteidigen.

Einer der ersten Einträge datiert auf den 3. November 1962, damals war Karol Wojtyla noch Weihbischof in Krakau. „Kürzlich fühlte ich mich ganz in Marias Händen und Gott ganz nah“, schreibt der spätere Pontifex. Dann, am 2. September 1964, inzwischen ist Karol Wojtyla Erzbischof von Krakau, notiert er: „Jeder von uns ist auch ein Mensch der Sünde. (...) Weil wir zu einer größeren Liebe berufen sind, wird die Sünde für uns zu einer umso größeren Last.“ Zwei Jahrzehnte später wird er einen Sünder von einer großen Last befreien, indem er ihm vergibt. Es ist der türkische Rechtsextremist Mehmet Ali Agca, der am 13. Mai 1981 ein Attentat auf den Papst verübt hatte – er schoss auf dem Petersplatz in Rom mit einer Pistole auf ihn.

Das neue Papst-Buch, das bisherige Biografien ergänzt, ist keine leichte Lektüre. Die Notizen sind teils auf Polnisch, teils auf Latein verfasst. Sie sind mit zahlreichen Literaturverweisen angereichert und durch Fotos und Faksimiles ergänzt. Vor der Veröffentlichung – im Zuge der Seligsprechung des polnischen Papstes 2011 – wurden sie von der Glaubenskongregation des Vatikan geprüft.

Agnieszka Rudziewicz, eine der Lektorinnen beim Verlag „Znak“, sagt, sie sei tief beeindruckt gewesen von den Aufzeichnungen: „Sie zeigen einen Menschen, der um die Wahrheit seines Lebens kämpfte.“ Der Kardinal spricht sogar davon, dass „hier ein Teil der Seele des Papstes enthüllt wird“.

Viele Gläubige haben dennoch ein Problem mit dem Buch. Freilich geht es ihnen weniger um die Inhalte an sich, schließlich sind darin keine kompromittierenden Beiträge enthalten. Nein, die Sache ist die: Ein Vertrauter des Heiligen Vaters hat es gewagt, dessen Vertrauen zu missbrauchen. Solche Vorwürfe kursieren massenhaft im Internet. Der Kardinal wird sogar schon mal als „Verräter“ beschimpft. Doch nicht nur in Polen reagiert man kritisch. Russische Zeitungen berichten: „Die Polen halten sich nicht an das Wort ihres Papstes.“ Und in einem Beitrag des US-Fernsehsenders CNN heißt es, Dziwisz habe einen fundamentalen Grundsatz der katholischen Kirche gebrochen, weil er die Anweisungen des Papstes ignoriert habe. Die New York Times zitiert einen Professor für Religionswissenschaften mit – immerhin – den versöhnlichen Worten: „Der Papst, wenn er denn irritiert gewesen wäre, würde ihm trotzdem vergeben.“ Viele Polen tun sich mit diesem Vergeben aber noch schwer. Denn für sie ist Jan Pawel II., wie sie ihn nennen, nicht nur „ihr“ Papst, sondern zugleich ein Mann, der sie schon am ersten Tag seines Pontifikats ermutigt hatte, sich gegen den Kommunismus zu stemmen. Damals rief er vom Hauptbalkon der Peterskirche: „Habt keine Angst. Reißt die Tore weit auf für Christus! Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme.“ Johannes Paul II. war der erste Slawe auf dem Stuhl Petri, er unterstützte die Solidarnosc-Bewegung – und trug damit dazu bei, den Anfang vom Ende der Sowjetunion einzuläuten. Schnell war klar: Sein Pontifikat würde definitiv ein politisches werden.

Das Buch hat sich in den ersten Tagen nach Angaben des Verlags „stark verkauft“ – genaue Zahlen will „Znak“ aber nicht nennen. Inzwischen steht auch fest, dass die Notizen in mehrere Sprachen übersetzt werden. So will der Freiburger Herder Verlag noch in diesem Jahr die deutsche Ausgabe herausbringen.

Kardinal Dziwisz, der an jenem kalten Dienstag im Januar symbolisch die erste Ausgabe des Buches vom Verlags-Chef überreicht bekam, sagt am Ende des Gesprächs mit den Journalisten: „Ich habe seinen Willen respektiert.“ Dann geht er.

Von Barbara Nazarewska

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