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In dem Prozess gegen eine Vater und seinen Sohn wegen einer angeblichen Zwangsehe und einem angeblichen Mordversuch in Ellwangen kam es am Dienstag zu einer dramatischen Wende.

Aussage widerrufen

Dramatische Wende in Prozess um Zwangsehe

Ellwangen - Die Aussagen von Berivan K. gegen ihren Vater und Bruder wogen schwer: Entführung, Einsperrung, drohende Zwangsehe und ein Mordversuch. Doch nun widerruft die 18-Jährige ihre Anschuldigungen.

Als die 18-jährige Berivan K. im Landgericht Ellwangen ihren Bruder in Fußfesseln sieht, bricht sie fast zusammen. Sie weint. Ihrem Vater, der in einem Zimmer auf den Beginn des Prozesses wartet, winkt sie lieb zu. Auf Außenstehende wirkt das befremdlich, immerhin warf sie beiden in Vernehmungen vor, sie unter anderem bedroht und gegen ihren Willen eingesperrt zu haben.

Ihr 39 Jahre alter Vater und ihr 17 Jahre alter Bruder sitzen seit August 2012 in Untersuchungshaft, auch wegen versuchten Mordes an dem türkischstämmigen Freund der jungen Frau. Die Familie aus dem baden-württembergischen Blaufelden stammt zwar aus der Türkei, hat aber kurdische Wurzeln.

Der 39 Jahre alter Imbissbuden-Besitzer und sein Sohn sind akkurat und elegant gekleidet. Der Anklage hört der Vater kopfschüttelnd zu. Die lautet unter anderem auf Freiheitsberaubung und Mordversuch gegen beide Angeklagte. Demnach soll der Vater die Beziehung seiner Tochter zu ihrem Verlobten nicht akzeptiert haben. Um das zu unterbinden, soll er die junge Frau im August 2012 in der Wohnung eingesperrt haben, um sie im Winter mit ihrem Cousin in der Türkei zu verheiraten. Bei einem Fluchtversuch der Tochter, habe der Vater gemeinsam mit seinem Sohn versucht, den 22-Jährigen umzubringen.

Als die 18-jährige, etwas labil wirkende Berivan K. in den Saal kommt, weint sie ziemlich schnell. Die Angeklagten schauen nicht zu ihr. Doch was sie sagt, könnte sie selbst belasten: Sie widerruft nahezu alle Aussagen, die sie bisher gemacht hat. „Ich habe meine Familie gefährlicher dargestellt, als sie ist.“ Sie sei damals dumm gewesen, es habe nie einen Grund gegeben, Angst vor der Familie zu haben. „Ich liebe meine Familie über alles und brauche sie“, sagt sie mehrmals im Prozess. Staatsanwaltschaft und Richter sind überrascht und wirken wenig überzeugt von der neuen Geschichte.

Der Fall um einen kurdischstämmigen Mann mit traditionellen Vorstellungen, die sich mit dem Leben der Tochter nicht zu decken scheinen, hat eine unerwartete Wende genommen. Der Verlauf hängt nun von weiteren Zeugenaussagen und davon ab, ob die neuen Angaben von Berivan K. als glaubwürdig eingestuft werden.

Aus Sicht der Frauenorganisation Terre des Femmes kommen solche Fälle, wie die Anklage ihn bisher wiedergab, meist in sehr traditionell-patriarchalischen Familien vor. Die Referentin der Organisation Rahel Volz betonte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa, dass von Zwangsehen betroffene oder bedrohte junge Frauen oftmals Angst hätten, sich zu widersetzen und sich Hilfe zu holen. Gar einen Strafantrag zu stellen, fiele noch schwerer. „Das bedeutet ja, dass sie ihre Eltern, die sie noch lieben, obwohl sie ihnen Gewalt angetan haben, dann anzeigen müssen.“

dpa

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