Dresdner Brückenbau kostet Welterbe-Titel

Dresden - Brücken verbinden und schlagen Bögen - sowohl in der Architektur als auch in der Gesellschaft. Die seit Jahren umstrittene Waldschlösschenbrücke Dresden aber entzweit: Gestalter, Bürgerschaft sowie Menschen in Deutschland und der Welt.

Der Riss zwischen Gegnern und Befürwortern zieht sich durch Landesregierung, Parlamente und Familien. Dabei ist das als zu monströs und überdimensioniert kritisierte Bauwerk bisher nur imaginär im Dresdner Elbtal, das mit seiner Errichtung den Titel UNESCO-Weltkulturerbe riskiert. Am kommenden Montag soll nun - gegen alle Widerstände - die Baustelle für die Flussquerung eingerichtet werden.

Die Stadtverwaltung hat resigniert und den Kampf um Alternativen aufgegeben. Mit dem Brückenbau manifestiert sich nun eine Mauer, die "Elbflorenz" seit Monaten in zwei Lager teilt. Aus juristischer und auch der Sicht vieler Politiker hat der Bürgerentscheid vom Februar 2005 pro Brücke Priorität. Selbst das Bundesverfassungsgericht hatte den "Bürgerwillen als authentische Ausdrucksform unmittelbarer Demokratie" höher als das Völkerrecht bewertet. Nicht zuletzt ist daher auch ein Versäumnis des Bundes ein Grund für das Dresdner Dilemma: Bisher wurde die Konvention von 1976 nicht in nationales Recht umgesetzt.

Die Brücken-Kritiker argumentieren indes, dass zum Bürgerentscheid 2005 nicht klar gewesen sei, dass das Bauwerk den UNESCO-Welterbe-Titel kosten könne. Zudem habe sich die Verkehrssituation, die Mitte der 90er Jahre maßgebend für den Beschluss zum Bau der Brücke war, im Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung nachweislich entspannt. Nicht wenige Dresdner distanzierten sich inzwischen von ihrem "Ja" von damals. CDU-Mitglieder wie der Intendant der Musikfestspiele, Hartmut Haenchen, oder der Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, Ingo Zimmermann, traten sogar aus Protest gegen das Verhalten von Funktionären in diesem Streit aus der Partei aus.

Endlose Debatten, zahllose Appelle Prominenter, tausende Unterschriften, Menschenketten und Proteste konnten den Freistaat jedoch nicht erweichen. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) scheiterte offenkundig an der stur anmutenden Ablehnung von Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU): Sie stufte den "Dresdner Brückenstreit" als "regionale Angelegenheit" ein. Der Regierungschef hatte sich mit Verweis auf den Bürgerwillen sowohl Vermittlungsaufrufen aus Berlin als auch dem Kompromiss verweigert, der Brücke und Welterbe-Status ermöglichen könnte. Als das UNESCO- Komitee Anfang Juli Deutschland ein letztes Ultimatum stellte, sprach Milbradt gar öffentlich von "Erpressung".

Böse Zungen behaupten, der Titel sei einigen Regierungsmitgliedern im Hinblick auf die Entwicklung der Flusslandschaft ein Dorn im Auge. Dort herrsche die nicht ganz unbegründete Angst, dass das Bürgervotum mit allen Kompromissen ausgehebelt werde, sagt ein Beobachter. Einige Stadträte und Streiter für das 160 Millionen-Euro-Bauprojekt hängten gar der UNESCO selbst die Schuld an. Sie habe nicht richtig hingesehen, als der Antrag für Dresden gewichtet wurde. Dabei zeigte das Gremium der UN-Kulturorganisation durchaus Entgegenkommen: Bestanden die Welterbe-Hüter anfangs darauf, dass an dieser Stelle der Flusslandschaft keine Brücke gebaut werden darf, war eine zurückhaltendere Konstruktion später eine Option.

Sie gaben unlängst Deutschland noch einmal bis zum 1. Oktober Zeit, Alternativlösungen vorzulegen. Die Stadt griff das dankbar auf, das Regierungspräsidium jedoch schuf mit Anweisungen zur Auftragsvergabe für den Bau Tatsachen. "Dass wir noch Alternativen suchen können, ist eine Illusion", sagt Dresdens Baubürgermeister Herbert Feßenmayr (CDU). "Ich kann nur so lange kämpfen, wie ich die Möglichkeit dazu habe, sonst hat das dienstrechtliche Konsequenzen." Der Freistaat habe sich allen Argumenten verschlossen. Dabei hätte die Zeit gereicht, den filigraneren Brückenkörper zu planen. "Aber das Vertrauen, dass wir zu den Beschlüssen stehen, fehlte."

Helfen könnte nur noch ein "Wunder", dass die UNESCO sich tatsächlich die fertige Brücke anschaue. "Das ist wohl nicht zu erwarten." Wahrscheinlicher ist die Titel-Aberkennung nach nur drei Jahren. "Man kann das alles nur bedauern", sagt der stellvertretende Generalsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission, Herbert Offenhäußer. Städte wie Köln und Eisenach hatten nach Kritik an Hochhaus- und Windrad-Projekten im letzten Moment eingelenkt: Dom und Wartburg gehören noch dazu. Auf dem mit Millionenaufwand zurückerlangten Image Dresdens als "Perle des Barock" würde nach dem Titel-Entzug für ein Naturschutzgebiet im Oman zwar nicht mehr der Makel der Premiere liegen. "Elbflorenz" wäre aber immerhin Vorreiter in Europa.

www.welterbe-erhalten.de

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