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Drogen-Katastrophe: In New York organisierten Bürger einen Trauermarsch für die vielen Opfer. 

EXplosionsartiger Anstieg von Süchtigen

Drogen-Epidemie zerstört US-Mittelschicht

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Amerikas Mittelschicht ist von einer noch nie dagewesenen Drogen-Epidemie betroffen. Vor allem in den ländlichen Gebieten kostet ein Mix aus legalen Opioiden und illegale Substanzen immer mehr Menschen das Leben. Behörden stehen der Explosion der Opferzahlen hilflosgegenüber.

Washington – Als Nashvilles Bürgermeisterin Megan Barry am 30. Juli dieses Jahres nachts um drei Uhr die Polizei an ihre Haustür klopfen hörte, dachte sie: Vermutlich ein verletzter Cop, und nun gelte es, dessen Angehörige zu trösten. Doch der Besuch galt ihr ganz persönlich. Ihr Sohn und einziges Kind, Max, Student und 22 Jahre alt, sei vor wenigen Stunden in Denver an einer Überdosis verschreibungspflichtiger Opiate und illegaler Drogen gestorben, übermittelten die Beamten der schockierten Politikerin.

Tage später entschied sich Barry, den plötzlichen Tod ihres Sohns („Wir haben es nicht kommen sehen“) zum öffentlichen Thema zu machen. Denn auch Nashville, das Mekka der amerikanischen Countrymusik, ist nicht von dem ausgenommen, was US-Präsident Donald Trump zum „nationalen Notstand“ erklärte: dem dramatischen Anstieg von Drogentoten vor allem in der amerikanischen Mittelschicht.

Explosionsartiger Anstieg

In Nashville fielen vergangenes Jahr 245 Menschen einer Überdosis zum Opfer, das ist ein 120-prozentiger Anstieg zum Vorjahr. Doch nirgendwo ist die „Epidemie“ (Trump) so sichtbar wie in den Bundesstaaten des sogenannten „Rostgürtels“ der USA. Dort, in der ländlich geprägten Region, wo der Wirtschaftsaufschwung bisher nicht gegriffen hat und wo vorwiegend Weiße trotz der Wahlkampfversprechen ihres Präsidenten keine Aussicht haben, in absehbarer Zeit wieder Arbeit zu finden. Ohio und Pennsylvania zählen zu diesem „rust belt“, und sie sind so etwas wie ein Mikrokosmos für die Opioid-Katastrophe in den Vereinigten Staaten. Mittlerweile benutzt ein Drittel aller US-Bürger – mehr als 90 Millionen Menschen – hochgradig abhängig machende Schmerzmittel wie Oxycontin oder Vicodin. Von dort ist es dann oft nur ein kurzer Weg zu stärkeren und illegalen Drogen.

Dealer haben sich sogar darauf spezialisiert, auf dem Schwarzmarkt Heroin oder Kokain in das populäre Schmerzmittel Fentanyl zu mischen, um so für eine Abhängigkeit und gute Umsätze zu sorgen. Das führt dann zu Szenen wie dieser: In der Stadt West Brandywine in Pennsylvania finden die Bewohner einer Sozialunterkunft für Drogengefährdete zwei Tote. Das Schlimme: Es sind die beiden von der Stadt angestellten Berater, die Abhängigen dabei helfen sollten, „clean“ zu werden. Neben ihren Leichen liegen Spritzbestecke für Heroin.

Sheriff Richard Jones aus dem Regierungsbezirk Butler in Ohio spricht davon, wie die Drogen seinen Bundesstaat „verwüstet“ hätten. Als Beispiel berichtet er, wie seine Beamten auf dem Parkplatz des Gefängnisses einen Mann in einem Auto vorfanden, der gerade auf Kaution entlassen worden war. Die Mutter, die die Kaution gestellt hatte, saß ebenfalls bewusstlos neben ihm. Beide hatten sich Heroin gespritzt.

Brutale Machtkämpfe um die Reviere

Schrecklich sind auch die Machtkämpfe um die Drogen-Marktplätze, die von den Lieferanten mit äußerster Brutalität geführt werden. In der Ortschaft Piketon in Ohio wurden im Mai 2016 acht Mitglieder der Rhoden-Familie exekutionsgleich mit Kopfschüssen getötet. Nur der sechs Monate alte Sohn und ein wenige Tage altes Baby eines der Opfer wurden von den Killern verschont. Nachdem hunderte illegale Marihuana-Pflanzen auf dem Grundstück eines der Getöteten gefunden wurden, glauben die Ermittler nun, dass die mexikanische Drogenmafia hier ein blutiges Zeichen setzen und Konkurrenten abschrecken wollte.

Ein Teil der Opfer zählte zur bürgerlichen Mittelschicht der Stadt – wie die 38-jährige Hausfrau Dana Rhoden, die als Krankenschwester zahlreiche Senioren in dem Bezirk gepflegt hatte. Der 16-jährige Chris Rhoden war ein Schüler an der örtlichen Piketon High School und hatte gerade seinen Führerschein gemacht, bevor er sterben musste. Ob er mit den Mariuhuana-Pflanzen etwas zu tun hatte, ist unklar.

Die Drogenepidemie, der die Behörden weitgehend hilflos gegenüber stehen, lässt sich an den Statistiken ablesen, vor allem in Ohio. Die Zahl der an Opiaten und illegalen Drogen verstorbenen Menschen stieg dort von 296 im Jahr 2003 auf 2590 im Jahr 2015. Das ist ein Sprung von 775 Prozent, so die Gesundheitsbehörde von Ohio.

Viele Sanitäter und Cops führen bei ihren Einsätzen im „Rostgürtel“ das Drogen-Gegenmittel Narcan mit sich, es kann bei einer Überdosis den Tod verhindern. Doch haben einige auch bereits resigniert, so zum Beispiel Sheriff Jones aus Butler in Ohio. Jones verbietet trotz öffentlicher Kritik bisher seinen Polizisten, die lebensrettende Narcan-Spitze im Fahrzeug zu haben. Und er sagt provokativ: „Ich bin doch nicht derjenige, der entscheidet, ob Menschen leben oder sterben. Sie entscheiden das in dem Moment, in dem sie die Nadel in den Arm stecken.“

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