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Interview

„Emojis sind ein Fortschritt für die Schriftsprache“

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Anatol Stefanowitsch, 46, lehrt Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Seit einem Jahr beschäftigt sich der Professor damit, wie Emojis unsere Kommunikation beeinflussen.

-Warum verwenden Menschen Emojis?

Das ist unterschiedlich. Emojis werden nicht anstatt Sprache, sondern ergänzend verwendet. Sie machen Spaß – sie sind bunt, es sind Bilder und sie sprechen einfach an. Dabei sind die Smileys nicht nur Spielerei, sondern haben Funktion: Sie ersetzen Gesichtsausdruck, Gestik oder Tonfall, was eben bei schriftlichen Dialogen wegfällt. Als Nutzer merke ich durch Emojis: Ist das als Spaß gemeint? Oder ist der andere gerade fröhlich oder traurig?

-Und warum nutzen wir Flugzeug- oder Torten-Emojis?

Mit Torten oder Flugzeugen wollen wir natürlich keine Gefühle ausdrücken. Erst haben wir vermutet, dass die Emojis Wörter oder ganze Sätze ersetzen – zum Beispiel ein Fußball-Emoji die Aussage „Ich gehe Fußball spielen“. Aber das kommt selten vor. Vielmehr stehen sie wie Smileys nach einem vollständigen Satz: Eine Bekannte hat mir letztens geschrieben: „Sollen wir mit den Kindern Kekse backen?“ und danach einen Keks-Emoji gesetzt. Inhaltlich ergänzt das nichts. Aber durch das Gegenstand-Emoji kann ich die Nachricht thematisch einordnen: Es geht nicht um irgendwelche Probleme oder eine Jahresabrechnung, sondern es geht um Kekse.

-Verwenden wir Emojis in Zukunft auch in E-Mails?

Sie werden schon jetzt in E-Mails verwendet. Je jünger die Leute, desto mehr Emojis verwenden sie auch in längeren Texten. Doch insgesamt gilt: Je länger die Texte, desto weniger Emojis.

-Wer verwendet welche Emojis?

Studien haben herausgefunden, dass Franzosen viele Herzen oder Kanadier viele Revolver oder Messer nutzen. Frauen nutzen auch mehr Emojis, die Gefühle ausdrücken, wie das Herz oder Tränen-Smileys. Wir haben auch beobachtet, dass Frauen insgesamt mehr Emojis verwenden.

-Welche Emojis benutzen Deutsche am meisten?

Deutsche verwenden im internationalen Vergleich besonders wenige Emojis für Fastfood, Geld, technische Geräte oder Personen. Auch bei den Smileys sind traurige Gesichter eher selten. Häufiger als andere Sprachgemeinschaften verwenden wir aber zum Beispiel das Maus-Emoji, was damit zusammenhängen könnte, dass „Maus“ im Deutschen als Kosewort verwendet wird.

-Werden Emojis ganze Sätze ersetzen?

Nein, das glaube ich nicht. Erstens sind Emojis Piktogramme und vieldeutiger als Wörter und haben keine Grammatik. Einmal habe ich mit meiner Partnerin versucht, online nur mit Emojis zu kommunizieren – aber das war schwer: Sie wollte mir mitteilen, dass ich sie vom Bahnhof abholen soll. Ich wusste aber nicht von welchem, denn es gibt kein Emoji für verschiedene Bahnhöfe. Oder wenn ich ein Essens-Emoji verwende, kann das heißen: Gehen wir essen? Oder: Koche ich etwas? Außerdem ersetzen Emojis derzeit nicht einmal Wörter.

-Gibt es Missverständnisse durch Emojis?

In unseren Stichproben haben wir das nicht gefunden. Am allerhäufigsten ergänzt das Emoji einen ausformulierten Satz. Aber eine Studie hat gezeigt, dass Smileys theoretisch missverstanden werden können: Zum Beispiel, als jemand geschrieben hat „Ich war gerade auf einem Date“ und einen grinsenden Smiley           dahinter gesetzt hat. Der andere hat darauf geantwortet: „Oje, was ist denn schiefgelaufen?“ Er hat den Smiley als Symbol für Peinlichkeit verstanden.

-Sehen Sie einen Verfall der Schriftsprache durch Emojis?

Im Moment sehe ich das nicht. In wissenschaftlichen Texten oder Zeitungsartikeln werden ja keine Emojis verwendet. Sie haben keinen Einfluss. Im Handy-Chat dagegen sind Emojis eine Bereicherung, weil sie eine zusätzliche kreative Möglichkeit sind, sich auszudrücken und der Dialog intensiver wird.

-Dienen Emojis künftig als Weltsprache?

Nein, denn mit den Bildern werden unterschiedliche Dinge verbunden. Bei uns ist das Schwein zum Beispiel ein Glückssymbol, in anderen Ländern gilt es vor allem als Beleidigung. Außerdem wäre nicht klar, wie ich Emojis im Satz aneinanderreihen soll: Ein Fußball-Emoji könnte zum Beispiel weltweit für das Verb Fußball spielen stehen. Doch in manchen Sprachen steht das Verb am Anfang, in anderen am Ende.

-Sind Emojis ein Fort- oder Rückschritt?

Emojis bedeuten einen Fortschritt, weil sie Mimik, Gestik und Tonfall in die Schriftsprache einbringen. Ob die Kommunikation dadurch besser wird, ist schwer zu sagen. Es gibt die theoretische Gefahr, dass sich Menschen nicht mehr inhaltlich ausdrücken, sondern nur noch durch Emojis.

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