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Vor dem Felsendom auf dem Tempelberg in Jerusalem: die ökumenische Pilgergruppe mit EKD-Ratsvorsitzendem Bedford-Strohm (vordere Reihe 2.v.l.) und Kardinal Reinhard Marx (3.v.r.).

Katholische und evangelische Bischöfe in Israel

Eine gelungene ökumenische Klassenfahrt

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Jerusalem - Spaltung, Hass, Gewalt: Im Heiligen Land gibt es getrennte Welten. Vielerorts ist Misstrauen spürbar. Zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen Juden und Moslems. Christen aus Deutschland haben in Israel gezeigt, wie man sich annähern kann, auch wenn man 500 Jahre getrennt ist. Eindrücke von einer ungewöhnlichen Pilgerreise.

Er strahlt über das ganze Gesicht, seine Augen leuchten. „I am a happy man“, schwärmt Heinrich Bedford-Strohm im Festsaal der Auguste-Victoria-Stiftung auf dem Ölberg oberhalb von Jerusalem. Der bayerische evangelische Landesbischof hat im Heiligen Land ein kleines ökumenisches Wunder erlebt. Hinter ihm liegt „eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens“. Das kleine Wunder war eine einwöchige Pilgerreise von Vertretern der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an die Geburtsstätte des Christentums.

Es war eine Art ökumenische Klassenfahrt, mit der die beiden seit 500 Jahren getrennten christlichen Kirchen anlässlich des bevorstehenden Reformationsgedenkens im kommenden Jahr ihren Wunsch nach Versöhnung zeigen wollten. Es galt schon als kleine Sensation, dass sich die beiden Kirchen überhaupt zusammen auf den Weg zu den Stätten der Bibel gemacht hatten – nach all den Verwerfungen und Verwundungen in den vergangenen Jahrhunderten. An der Spitze der jeweils neunköpfigen Delegationen EKD-Ratsvorsitzender Bedford-Strohm und der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. „Wir haben gelernt, die Welt mit den Augen der anderen zu sehen. Das ist es, was wir gespürt haben und das unser Herz erfasst hat“, resümiert der EKD-Ratsvorsitzende.

Die Chemie stimmt in der Reisegruppe. Sie fahren zusammen über den See Gennesaret, beten am Berg der Seligpreisungen, pilgern durch die Wüste nach Bethlehem. Die „römische“ Männerriege und die gemischte evangelische Truppe, bei der sogar die Frauen in der Überzahl sind. Sie streiten hinter den Kulissen leidenschaftlich über das, was beide Kirchen – noch – von der Einheit trennt. Über das Abendmahl und über das Amtsverständnis. Doch das erfährt man nur hinter vorgehaltener Hand. Sie ertragen auch zusammen den Schmerz, dass sie nicht miteinander das Abendmahl feiern können und es bis zur vollen Einheit am Altar noch ein weiter Weg ist. Aber sie sind überzeugt, dass man große Schritte vorangekommen ist. „Keiner will sich auf Kosten des anderen profilieren“, stellt Kardinal Reinhard Marx zufrieden fest. „Wir wollen Ökumene mit dem anderen, nicht auf Kosten des anderen.“

Dazu hilft es, wenn man sich näher kennenlernt. Sieben Tage haben sie sich dafür genommen. Eine lange Zeit für kirchliche Amtsträger, die sich für eine Woche aus dem Tagesgeschäft ausklinken müssen. „Wir nehmen uns viel Zeit dafür, weil wir einen langen Atem haben wollen“, erklärt der Münchner Erzbischof.

Dem Wunder einer harmonischen Annäherung der Kirchen steht aber gleichzeitig das Erleben einer bedrückenden Atmosphäre von drohender Gewalt und Aggression im Heiligen Land gegenüber. Während sich die katholischen und evangelischen Pilger in Bibelarbeiten und Gottesdiensten auf ihre gemeinsamen Wurzeln besinnen und an der Versöhnung ihrer Kirchen arbeiten, herrschen in Israel und Palästina Zwietracht und Misstrauen. Zu spüren bekommt das die Pilgergruppe beim Besuch auf dem Tempelberg in Jerusalem. Es ist ruhig an diesem Morgen auf streng abgeschirmten Areal, einem der umstrittensten heiligen Orte der Welt. Doch die Ruhe ist trügerisch. Wie zerbrechlich der Frieden auf dem Haram esh-Scharif ist, zeigt die Gruppe von jüdischen Mädchen, die auf den Felsendom zugeht. Sie wird eskortiert von Soldaten der israelischen Armee. Schwer bewaffnet, mit Maschinengewehren und Schlagstöcken.

Wenig später werden zwei jüdische Burschen vom Tempelberg abgeführt. 13, 14 Jahre vielleicht, mit Schläfenlocken, offensichtlich orthodoxe Juden. Ob sie verbotenerweise gebetet haben auf dem Berg, auf dem Salomo im Jahr 957 vor Christus den ersten Tempel gebaut hat? Und wo Orthodoxe am liebsten ihre zerstörte jüdische Gebetsstätte wieder errichten würden. Es ist gerade einmal ein Jahr her, dass es auf dem Tempelberg schwere Ausschreitungen gab.

Der evangelische Landesbischof und der Münchner Kardinal müssen ihr Brustkreuz vor dem Betreten des Tempelbergs verschwinden lassen. Die moslemischen Wächter hätten das Symbol vom Sterben und der Auferstehung Christi als Provokation verstanden. „Für mich ist klar, dass dieser Ort ein Ort für alle Religionen ist“, sagt Bedford-Strohm nach dem Besuch auf dem Tempelberg und an der Klagemauer, dem Heiligtum der Juden. Noch aber ist man davon weit entfernt. Verstörend ist für Irmgard Schwaetzer, die als EKD-Präses an der Reise teilnimmt, dass nicht erkennbar ist, ob es überhaupt den Willen zum Frieden gibt. Ob es jemals zu einer Zwei-Staaten-Lösung für das Heilige Land kommt, das kann derzeit keiner sagen.

Die „Evangelen und Katholen“, wie sich die Delegationsmitglieder im Laufe der Reise selber scherzhaft bezeichnen, sehen einen Auftrag angesichts der bedrohlichen Konflikte: Die Christen müssen Räume schaffen, damit wieder Gespräche möglich werden zwischen den verfeindeten Gruppen in Israel und Palästina. Kardinal Marx ist überzeugt davon, dass die ökumenische Pilgerreise der getrennten Kirchen, die noch vor zehn Jahren niemand für möglich gehalten hätte, ein kleiner Anstoß sein kann, auch bei diesen schwierigen politischen Konflikten zumindest den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen. „Wir wollen in dieser Stadt als katholische und evangelische Christen mit unserer Geschichte bezeugen, dass wir auch durch Verschiedenheit und Spannungen hindurch zum Frieden kommen.“ Man will nicht belehren – als Deutsche in Israel schon dreimal nicht. Man will einen Beitrag zur Versöhnung leisten. So, wie man selber auch auf Versöhnung angewiesen ist, wie die Gruppe beim Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem erlebt.

Wie groß die Sehnsucht der Menschen nach Frieden und Gerechtigkeit ist, spürt die Gruppe bei jedem Programmpunkt: Wenn sie mit Palästinensern in der Westbank sprechen, deren Territorium der israelische Staat mit einer 759 Kilometer langen Sperranlage – teils eine Mauer, teils ein Zaun – eingekesselt hat. Nach und nach verschwinden die Christen aus dem Westjordanland. Ein langer, stetiger Auszug aus dem gelobten Land. In den vergangenen 150 Jahren, so berichtet etwa der arabische lutherische Pastor Mitri Raheb – Olof Palme-Preisträger 2015 – sind 93 Prozent der Gemeindemitglieder ausgewandert. Trotzdem gibt er nicht auf. Gründete eine Schule, ein Gesundheitszentrum und ein anerkanntes College.

Die Mauer, die auch die deutschen Kirchenvertreter mehrfach an Checkpoints passieren, ist eine grausame Trennungslinie. Für die Palästinenser bedeutet sie Schikane, die Israelis sehen sie als Schutz vor Selbstmordanschlägen von Palästinensern. Der Internationale Gerichtshof hat indes erklärt, dass die Sperranlagen gegen das Völkerrecht verstoßen. Für das Caritas Baby Hospital in Bethlehem zum Beispiel, das mit vielen Spenden aus Deutschland unterstützt wird, hat die Mauer erschütternde Folgen. Chefärztin Dr. Hiyam Marzouqa erzählt: „Wenn ein neugeborenes, schwerstkrankes Kind zur Weiterbehandlung dringend nach Jerusalem gebracht werden muss, dann wird es mit unserer Ambulanz an den Checkpoint gefahren. Muss aus dem Rettungswagen rausgetragen werden in einen israelischen Rettungswagen.“ Und das trotz Lebensgefahr.

Bestätigt von ihrem Eindruck, dass Versöhnung nur mit den Religionen geschehen kann, sieht sich die deutsche Pilgergruppe nach einem Treffen mit dem evangelisch-lutherischen Bischof von Jerusalem, Munib Junan. Die Christen, so erklärt er, sind die ausgleichende Kraft in Nahost und Garanten für eine moderne Zivilgesellschaft. „Wenn die Christen die Region verlassen, wird der Konflikt ein religiöser Konflikt“, befürchtet Junan, der auch Präsident des Lutherischen Weltbunds ist und am 31. Oktober bei der Eröffnung des Luther-Gedenkjahres mit Papst Franziskus im schwedischen Lund einen Versöhnungsgottesdienst feiert.

Mit im Gepäck wird der Papst einen Erfahrungsbericht der bislang einzigartigen ökumenischen Pilgerreise haben. Die Teilnehmer werden ihm von dem Aufbruch berichten, den die beiden großen christlichen Kirchen aus dem Land der Reformation in der vergangenen Woche erlebt haben. „Wir haben doch eine spezielle Aufgabe zu zeigen, dass wir versöhnt und gut miteinander umgehen“, meint Marx. Dass Ökumene nicht nur Anstrengung und Mühsal bedeute, sondern sogar Freude macht. Die Mission ist noch nicht erfüllt, wie Reinhard Marx feststellt. „Wir kehren zurück nach Hause mit großem Schwung.“ Zu tun gibt es genug. Denn, wie Annette Kurschus, Präses der evangelischen Kirche von Westfalen, es formuliert, bleiben der Schmerz und das Ärgernis, „dass wir nicht gemeinsam am Tisch des Herrn feiern können“.

Der Schmerz, da sind sich alle Teilnehmer der ungewöhnlichen Pilgerreise einig, soll dazu antreiben, weiter an der Lösung der trennenden Probleme zu arbeiten. Dass man sich näher kennengelernt hat, Vertrauen gefasst hat, sehen alle als großes Geschenk. In der Nacht zum Freitag haben sie Bilanz gezogen. In warme Decken gehüllt auf der Dachterrasse des Lutherischen Gästehauses mit Blick auf das nächtliche Jerusalem. Trotz aller Hindernisse, die noch zu nehmen sind, waren alle „happy“. So wie Heinrich Bedford-Strohm, der sich seit diesem Abend mit Kardinal Marx duzt – „wir haben uns aber auch vorher schon prächtig verstanden“. Beim Friedensgruß am Samstag im Abschiedsgottesdienst in der Dormitio-Abtei, da hatten einige Pilger Tränen in den Augen. Und nicht nur Frauen. Die ökumenische Klassenfahrt ins Heilige Land könnte der Beginn einer wunderbaren Heilungsgeschichte sein.

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