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Aus verschiedenen Welten: Valerie Schönian und Franziskus von Boeselager. Der Priester hat versprochen, wirklich alle Fragen zu beantworten.

Ein Jahr mit einem katholischen Geistlichen

Valerie und der Priester

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München - Ein gewagtes Experiment, auf das sich die Kirche trotzdem eingelassen hat: Die Journalistin Valerie Schönian hat mit dem christlichen Glauben nicht viel am Hut, doch jetzt verbringt sie ein Jahr mit Priester Franziskus. Hier schreibt sie, was sie in der Zeit gelernt hat und wo beide an Grenzen stoßen.

Erst in wenigen Tagen ist das Jahr vorbei – ich aber habe schon Ende November das erste Mal den Frohes-Neues-Wunsch bekommen. Warum? Weil ich gerade in eine Welt eintauche, in der anders tickende Uhren mehr als eine Phrase sind: in die Welt der katholischen Kirche.

Gemeinsamer Glühwein – aber Franziskus’ Weihnachten beginnt erst am 24.12.

Eigentlich arbeite ich als Journalistin in Berlin. Dort gehöre ich zu dieser Mittzwanziger-Generation, für die Kirche nur Hintergrundkulisse im Alltag ist. So war das zumindest bis Ende April. Seitdem begleite ich den Priester Franziskus von Boeselager in seinem Alltag – insgesamt ein ganzes Jahr lang. Zwei Wochen pro Monat bin ich in Roxel, einem Dorfidyll im Westen Münsters, wo Franziskus lebt und arbeitet. Wie das ist, wenn Großstadt- auf Kirchenwelt trifft, Freiheits- auf Traditionsliebe – darüber schreibe ich in dem Blog „Valerie und der Priester“.

Die Journalistin 

Valerie Schönian, 26, ist Journalistin. Seit zwei Jahren arbeitet sie auch für unsere Zeitung. Sie besuchte ein katholisches Gymnasium in Magdeburg, sie ist konfirmiert, weil ihre Eltern das für eine gute Idee hielten. „Das war’s dann bald mit meinem kirchlichen Bezug“, sagt sie. Sie lebte eineinhalb Jahre in München und hat jetzt in Berlin ihr Zuhause.

Der Blog ist ein Projekt der katholischen Kirche, durchgeführt vom Zentrum für Berufungspastoral der Deutschen Bischofskonferenz. Bevor ich zusagte, war meine erste Frage, ob ich journalistisch frei berichten darf. Das sagten sie mir zu, die Bedingung war nur, ein Jahr lang durchzuhalten und das Gespräch nicht abbrechen zu lassen. Kein Problem, dachte ich.

Franziskus erzählte mir später, was seine erste Frage war: Ob es Gottes Wille ist, dass er an diesem Projekt teilnimmt. Der Priester fragte den Herrn und kam zu dem Schluss: Ist es. Als Franziskus mir diese Geschichte das erste Mal erzählte, wusste ich erst mal nicht, was ich dazu sagen soll. Weil – kann man das ernst meinen? Wie kann man denn so Entscheidungen treffen?

Der Priester 

Franziskus von Boeselager, 39, ist im Sauerland aufgewachsen. Einen Teil seiner Schulzeit verbrachte er in einem benedektinischen Internat in Irland. Er studierte erst BWL, dann entschied er, Priester zu werden. 2013 wurde er im Kölner Dom geweiht. Seit September 2014 lebt und arbeitet er in Roxel, einem Ortsteil von Münster.

Das ist Franziskus: 39 Jahre alt, seit drei Jahren Priester, groß, schlank, nett, zuvorkommend – ein Typ, den sich Eltern als Schwiegersohn wünschen. Als er entschied, niemals Schwiegereltern haben zu werden, weil Gott ihn zum Priesterleben berufen hat, war er 25 Jahre alt. In meinem Alter. Würde es diesen Blog nicht geben, wären wir uns niemals begegnet. Ich bin Feministin und im linksliberalen Milieu unterwegs, was ja erst mal irgendwie ziemlich das Gegenteil von katholisch zu sein scheint. Ich habe mich nie bewusst dagegen entschieden, sonntags in die Kirche zu gehen – ich wäre einfach niemals darauf gekommen.

Hier lesen Sie, wie Franziskus das Experiment findet

Falls Franziskus und ich uns doch mal irgendwo zwischen Berliner Klub und Münsteraner Kapelle über den Weg gelaufen wären, hätte das Gespräch vermutlich nicht lange gedauert – weil wir auf das Thema gleichgeschlechtliche Ehen, Abtreibung, die Bedeutung von Sex oder Verhütung gekommen wären und ich mir gedacht hätte: Okay, das hier bringt nichts. Aber jetzt habe ich ja zugesagt, ein Jahr durchzuhalten.

Ich begleite Franziskus vom morgendlichen Gebet in seiner hauseigenen Kapelle bis zur Nachtandacht in einer der vielen Kirchen Münsters. Ich bin dabei bei Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen und vor allem bei sehr vielen Messen. Wir waren auch schon zusammen außerhalb der Stadt unterwegs. Im Vatikan haben wir den Glauben gesucht; in Altötting über das Frauenpriestertum gestritten; und auf dem Weg zum Steuerberater hat er mir gesagt, dass er nicht mit fremden Frauen tanzt, um nicht in Versuchung zu geraten.

Noch vor einem Jahr hätte ich niemals gedacht, dass ich mal so viel Zeit mit einem Priester verbringen werde. Während der letzten Adventszeit war ich in München, weil ich die Deutsche Journalistenschule besucht habe. Die Auswirkungen des Katholizismus begegneten mir hier vor allem in Form von Tanzverboten.

Geburtstagsbesuch bei einem Gemeindemitgleid – Alltag für Franziskus.

Während meiner ersten Wochen mit Franziskus hat mein Kopf versucht zu verarbeiten, dass auch sein Leben in Münster real ist. Alles war verrückt, alles unwirklich. Franziskus betet zum Beispiel auch allein im Auto, wenn er das in der hauseigenen Kapelle nicht geschafft hat. Als wir einmal zu seinem Steuerberater gefahren sind, entschuldigte er sich, er müsse jetzt den Lobgesang nachholen. Er drehte die Musik auf, in der Gott besungen wird und die ein bisschen nach Kelly Family klang. Franziskus sang mit, trommelte auf dem Lenkrad rum. Da kannten wir uns nicht mal eine Woche. Ich schaute aus dem Beifahrerfenster und versuchte möglichst wenig blöd auszusehen.

Einmal begleitete ich Franziskus, wie er einer Dame die Krankenkommunion brachte. Sie ist zu schwach, um selbst noch in die Messe zu gehen, also bringt der Priester ihr das Brot, das er geweiht hat. Wir standen im Flur des Seniorenheims. Um seinen Hals hing eine Ledertasche, er hielt sie mit der einen Hand fest, als ob er sie vor irgendetwas beschützen wolle. Ich fragte: „Das heißt, du hast jetzt theoretisch den Leib Christi in dieser Tasche?“ Franziskus antwortete: „Auch praktisch.“ Und ich wusste wieder nicht, was ich sagen sollte.

„Habe nichts zu verlieren. Gott liebt mich.“ Priester Franziskus hält die Heilige Messe.

Schwierig wird es, wenn Franziskus Positionen vertritt, deren Auswirkungen in meine Lebensrealität hineinreichen. Zum Beispiel, wenn er gegen die Ehe von homosexuellen Paaren ist. Franziskus will niemanden diskriminieren oder verletzen, das glaube ich ihm auch. Aber mein Punkt ist, dass er es eben trotzdem tut, wenn er dieser Meinung ist – er wertet damit die eine Liebe als eine Liebe zweiter Klasse ab. Franziskus ist der Meinung, die Schöpfung Gottes müsse geschützt werden – wobei er annimmt, dazu gehöre das Ideal der Ehe zwischen Mann und Frau. Ich bin der Meinung, dass alle Menschen gleichberechtigt sind, egal welche sexuelle Orientierung sie haben. Beides sind für uns jeweils Grundsätze. Davon werden wir nicht abweichen. Er weiß, dass er Recht hat. Ich weiß, dass ich Recht habe, wie kommt man da raus?

In solchen Momenten habe ich das Gefühl, gegen eine Wand zu rennen. Ich habe das Bedürfnis umzukehren, zurück zu meinen Freunden, die verstehen, was das Problem ist. Aber jetzt passiert etwas, was normalerweise nicht passiert, wenn man so fühlt: Ich kehre nicht um. Franziskus und ich reden weiter, dann halt auf zwei verschiedenen Seiten der Wand. Wir probieren es trotzdem, das Verstehen. Wir hören uns zu und erklären uns, aber nicht um uns zu bekehren, sondern um uns zu begegnen. Und: Es funktioniert – weil er kein schlimmer Mensch ist, nur weil er einige Positionen hat, die ich schlimm finde.

Der Blog hat für mich mittlerweile eine politische Dimension. Nach Trumps Wahlsieg dachte ich: Zum Glück mache ich „Valerie und der Priester“. Weil es so wichtig ist, nicht rotzusehen, sondern im Gespräch zu bleiben, mit Menschen, die anders denken – nicht, um von seinen Positionen abzuweichen, sondern um zu verstehen und so weiterzukommen.

Ich habe Franziskus immer wieder nach Momenten gefragt, in denen er gern tauschen würde und nicht Priester wäre. Nach Momenten der Reue, Momenten der Einsamkeit. Er sagte jedes Mal, er habe nie bereut. Als ich ihn fragte, was das Beste in seinem Leben sei, antwortete er: „Ich habe nichts zu verlieren, weil Gott mich liebt.“

Um diese Erkenntnis, das Geliebtsein von Gott, geht es Franziskus. Das werde ich niemals ganz nachvollziehen können, aber ich beginne zu verstehen, dass es für ihn eben so ist. Das ist seine Kraftquelle und sein Antrieb. Wenn er also seine Hand so schützend um diese Ledertasche auf seiner Brust hält, dann beschützt er damit auch diese Erkenntnis und seine Beziehung zu Gott. Die ist für ihn ein unendlicher Schatz, die hat er in der Gemeinschaft der Kirche erfahren, und das will er weitergeben. Deswegen ist er Priester geworden. Für einen, der so glaubt, wie Franziskus es tut, ist es gar nicht so unlogisch, diesen Weg zu gehen – und die Entscheidung dann eben mit Gott zu treffen. Was ich noch nicht weiß: Ob Franziskus auch versteht, dass ich ohne seinen Gott sehr gut lebe.

Einmal habe ich Franziskus gefragt, ob er versteht, warum Menschen nicht glauben. Er sagte, rational könnte er das nachvollziehen. Aber nicht emotional. Er schaute sich um und frage sich dann: Seht ihr nicht Gott? Wenn ich jetzt manchmal auf meinem Balkon in Berlin sitze, gerade die Sonne untergeht, sehe ich diese wunderschöne Kulisse und denke daran, dass Franziskus darin wohl Gott sehen würde. Aber ich? Für mich ist es vor allem schön. Was ich glaube und was nicht – das habe ich noch nicht mit mir ausdiskutiert, weil es für mich nie eine Frage war.

Die Uhren ticken anders in der katholischen Kirche, das merke ich immer – aber eben besonders zur jetzigen Jahreszeit. Für mich ist quasi seit drei Wochen Weihnachten, solange trinke ich schon Glühwein und höre die „Weihnachtsbäckerei“ von Rolf Zuckowski. Franziskus hört bis jetzt nur „Last Christmas“ im Supermarkt – gezwungenermaßen. Sein Weihnachten beginnt erst am 24. Dezember. Und auch dabei werde ich ihn in diesem Jahr begleiten, gehört schließlich zu seinem Job. Heißt: drei Messen an einem Tag.

Der Blog im Internet

valerieundderpriester.de

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