Zoo-Mitarbeiterin im Interview

Abgemagerter Eisbär - Expertin: "Das ist nicht normal"

München - Das Foto des abgemagerten Eisbären ging um die Welt. Wir haben eine Expertin aus dem Tierpark Hellabrunn gefragt, wie sie die Lage beurteilt. Ihre Prognose ist besorgniserregend.

Beatrix Köhler leitet die zoologische Abteilung im Tierpark Hellabrunn.

Eisbären dürfen in keinem Zoo fehlen. Die großen weißen Raubtiere faszinieren Groß und Klein - vor allem, weil die meisten Menschen sie wohl nie in freier Natur zu sehen bekommen. Doch bereits in wenigen Jahrzehnten könnte es dazu kommen, dass es Eisbären nur noch in Zoos gibt. Hauptgrund ist der Klimawandel. Wie der sich auf die Tiere auswirkt, zeigt sich am schockierenden Foto eines völlig abgemagerten Eisbären. Wir haben Beatrix Köhler, zoologische Leiterin des Tierparks Hellabrunn, zu der Problematik befragt:

Erschreckt Sie das Foto des abgemagerten Eisbären oder ist es schon seit Langem ein Problem, dass die Tiere in natürlichem Umfeld keine Nahrung mehr finden?

Beatrix Köhler: Da die Hintergründe des Fotos nicht bekannt sind, ist es schwer zu bewerten. Prinzipiell sind Eisbären „Hungerkünstler“, die monatelang ohne Nahrung auskommen können. Aus unterschiedlichen Gründen kann es zu so einer Situation wie auf dem Bild kommen. So ein Anblick ist aber definitiv nicht normal. Die Ursachen für diesen konkreten Fall sind reine Spekulation.

Woran liegt es, dass Eisbären keine Nahrung mehr finden? Was trägt der Klimawandel dazu bei?

Beatrix Köhler: Eisbären sind abhängig vom Meereis, da sie hierauf jagen. Schwimmend können Eisbären kein Futter finden und auch für die Jagd an Land sind sie nicht ausgelegt. Die Hauptbeute von Eisbären sind Robben, die auf dem Packeis ruhen, zwischen den Schollen zum Atmen auftauchen oder auf dem Eis ihre Jungen gebären. Da die Eisflächen durch die zunehmende Erwärmung abnehmen, wird es für die Eisbären schwieriger, Nahrung zu finden. Dementsprechend empfindlich reagieren sie auf das Abschmelzen des Meereises in der Arktis.

Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Bestandszahlen der Tierart aus? Gibt es einen konkreten Zeitpunkt, seitdem die Spezies besonders stark vom Aussterben bedroht ist?

Beatrix Köhler:Aktuelle Zahlen gibt es auf der Internetseite der vom Tierpark Hellabrunn unterstützten Organisation "Polar Bears International" (aktuell werden die Zahlen auf ca. 20.000 Tiere geschätzt, Anm. d. Red.). Einen konkreten Zeitpunkt, seitdem die Bestandszahlen abnehmen, gibt es nicht. Eisbären waren sogar schon einmal durch starke Bejagung bedrohter in der Bestandszahl als heute. Der Eisbär ist im Vergleich zu anderen Arten nicht unmittelbar vom Aussterben bedroht. Der Klimawandel ist für ihn aber besonders gefährlich und kann sehr schnell existenzbedrohend werden.

Was müsste getan werden, damit es solche schrecklichen Fotos von abgemagerten Tieren nicht mehr gibt?

Beatrix Köhler:Einzelfälle wird es immer geben. Das grundsätzliche Problem ist die Erwärmung und damit der Klimawandel. Hier kann jeder mit seinem Verhalten versuchen den Ausstoß von CO² zu minimieren und die Natur in seinem Umfeld soweit möglich zu schützen.

Welche Rolle spielen Zoos bei der Erhaltung der Spezies?

Beatrix Köhler:Zoos haben gleich mehrere Aufgaben für den Umwelt-, Natur- und Artenschutz: Einerseits machen sie die Menschen mit Tieren bekannt und führen so zu mehr Identifikation mit den Tierarten nach dem Motto „Man schützt nur, was man kennt“. Dabei ist der Eisbär ein Botschafter für eine ganze Region und einen Lebensraum, der sehr empfindlich auf Klimawandel reagiert. Durch edukative Elemente erhalten Zoo- und Tierparkbesucher spielerisch Informationen über die Gefährdung unterschiedlicher Arten. Auch für wissenschaftlich fundierte Schutzmaßnahmen sind die in Zoos gewonnen Erkenntnisse zu Verhalten und Bedürfnissen von Tierarten essenziell. Hierbei liefern Zoos wichtige Erkenntnisbeiträge. Durch die weltweit ersten Farbaufnahmen aus der Wurfbox der Eisbären-Mutter Giovanna im Tierpark Hellabrunn konnte zum Beispiel das Verhalten in der Geburtshöhle erstmals detailliert wissenschaftlich ausgewertet werden. Gleichzeitig bildet die Zoopopulation einen geschützten Reserve-Genpool, der im Bedarfsfall und wenn die Umweltbedingungen sich wieder verbessert haben, zur Wiederauswilderung herangezogen werden kann.

Auch hier in Deutschland wird es immer wärmer - haben Ihre Eisbären auch damit zu kämpfen? Wenn ja, was wird dagegen unternommen?

Beatrix Köhler: Auch im natürlichen Lebensraum der Eisbären kann es im Sommer über 30 °C heiß werden, sodass die Tiere auch für diese Temperaturen natürliche Verhaltensweisen haben, die ihnen den Umgang mit hohen Temperaturen ermöglichen: Wenn es besonders warm ist, legen sie die Haare ihres Fells aktiv an und verringern damit die Wärmeisolation ihres Körpers. Um sich abzukühlen baden die Tiere in Seen oder im Meer, legen sich in den nassen Sand oder graben bis zu fünf Meter tiefe Höhlen. Soweit ihnen es die Futtersuche ermöglicht, schalten sie einen Gang herunter und faulenzen im Schatten. Diese Verhaltensweisen zeigen, dass Eisbären auch an heiße Sommertage gewöhnt und angepasst sind. Problem für Eisbären ist dabei nur die Nahrungsbeschaffung, die ja aber in Zoos sichergestellt ist.

Gibt es noch andere Tiere, die so massiv vom Klimawandel betroffen sind, speziell an Arktis und Antarktis?

Beatrix Köhler: Nicht in dem Maße wie die Eisbären, da die Tiere nicht so sehr von Meereis abhängig sind. Aber auch Robben und Walrösser benötigen die Eisflächen. Für den gesamten Lebensraum spielen aber auch andere Faktoren wie Umweltverschmutzung, Überfischung oder auch große Umweltunglücke eine große Rolle. Die geplante Ausbeutung der Rohstoffe stellt hier für die Zukunft eine neue Bedrohung dar. Der Eisbär am Ende der Nahrungskette ist von diesen Umweltschäden besonders betroffen.

Was denken Sie: Wie lange wird es Eisbären in freier Natur noch geben?

Beatrix Köhler: Das ist nicht wissenschaftlich fundiert vorhersagbar. Durch die Erwärmung wird es für den Eisbären sehr schwer, dauerhaft zu bestehen, da Eisbären zu großen Teilen auf dem Eis Beute machen können.

sb

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Lotto am Samstag: Das sind die Gewinnzahlen
Hier sind die Lottozahlen vom 27. Mai 2017. Jeden Samstag warten die Spieler auf das Ergebnis der Ziehung. Diese Zahlen wurden am 27.05.2017 gezogen.
Lotto am Samstag: Das sind die Gewinnzahlen
Flugbetrieb von British Airways weltweit gestört
Lange Schlangen, verärgerte Passagiere: Ein Ausfall der IT-Systeme hat bei der Fluggesellschaft British Airways Chaos ausgelöst. Auch in Deutschland gab es in der Folge …
Flugbetrieb von British Airways weltweit gestört
Virus wandert weiter: Mehrere Zika-Infektionen in Indien
Gerade erst gilt die Gefahr der tückischen Zika-Krankheit in Brasilien als gebannt - da gibt es in Indien Anlass zur Sorge.
Virus wandert weiter: Mehrere Zika-Infektionen in Indien
Drama in den Alpen: Erdrutsch schließt 17 Menschen in Schlucht ein
Nahe der bayerischen Grenze hat sich in den österreichischen Alpen ein dramatisches Unglück ereignet: 17 Menschen sind in einer Schlucht eingeschlossen.
Drama in den Alpen: Erdrutsch schließt 17 Menschen in Schlucht ein

Kommentare