Ungarische Fans stehen dicht an dicht auf den Rängen neben brennender Pyrotechnik.
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Ungarische Fans stehen gegen Portugal dicht an dicht auf den Rängen neben brennender Pyrotechnik.

Auch Uli Hoeneß nicht begeistert

Volles EM-Stadion dank Orban - Lauterbach wettert: „Rücksichtslos“

  • Andreas Schmid
    VonAndreas Schmid
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Mehr als 55.000 Zuschauer sahen Ungarns EM-Spiel gegen Portugal. Karl Lauterbach kann nur den Kopf schütteln, während Viktor Orban zufrieden sein dürfte.

Budapest - Es waren fast schon ungewohnte Bilder, die am Dienstag (15. Juni) aus Ungarn in die Welt geschickt wurden. Ein Fußballspiel in einem nahezu ausverkauftem Stadion - lange hatte es so etwas nicht gegeben. Das Auftaktspiel der ungarischen Nationalmannschaft gegen Portugal bei der Europameisterschaft fand vor 55.662 Zuschauern statt.

EM 2021: Spieler von „großartigen“ Fans begeistert - Ungarn verliert 0:3

Die Spieler freuten sich über die Unterstützung in der Budapester Puskas-Arena. „Die Fans waren super, wir können uns glücklich schätzen, dass wir sie hinter uns haben“, meinte etwa Ungarns Stürmer Rolland Sallai. „Es war einfach großartig. Ich möchte allen Zuschauern danken“, sagte Portugals Trainer Fernando Santos. Portugals Superstar Cristiano Ronaldo erklärte nach Abpfiff, er habe sich lange nach den Moment, wieder vor so vielen Fans zu spielen, gesehnt.

Der Hexenkessel in Budapest schien den Außenseiter zu beflügeln. Leidenschaftlich verteidigte Ungarn gegen den Europameister und hielt bis in die 84. Minute ein 0:0. Am Ende sollte es ein 0:3 werden. Die Gastgeber wurden trotzdem von den Fans gefeiert. Prickelnd war die Atmosphäre schon vor dem Anpfiff, etwa bei Ungarns lautstark gesungener Nationalhymne. Während einige Spieler, Fans und Beobachter die Zuschauer als stimmungsvolle Rückkehr zur Normalität betrachten und der Stadionauslastung positiv gegenüber stehen, gibt es allerdings auch andere Stimmen.

EM 2021: Lauterbach schimpft über volles Stadion - „Genau das, was die EM vermeiden sollte“

Angesichts des Verzichts von Abständen und größtenteils auch Masken gab es Kritik an dieser großen Menschenmenge in Pandemie-Zeiten, zumal etwa 25.000 Ungarn vor Anpfiff gemeinsam zum Stadion gepilgert waren. Derartige Bilder sendeten laut Bayern-Ehrenpräsident Uli Hoeneß „ein schlechtes Signal. Man kann nur hoffen, dass nix passiert“, sagte er bei MagentaTV

Noch deutlicher wurde SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach: „Diese Bilder zeigen genau das, was die EM vermeiden sollte“, schrieb er via Twitter und meinte weiter: „Während halb Europa und 95 Prozent der ärmeren Welt noch nicht geimpft sind, verhält man sich so, als ob die Pandemie vorüber wäre. Rücksichtslos und unsportlich.“

EM 2021: Corona in Ungarn - niedrige Inzidenz, hohe Impfquote

Ungarn hat die Corona-Pandemie derzeit weitgehend im Griff. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag in den vergangenen Tagen stets unter 10 Fällen pro 100.000 Einwohnern - innerhalb der EU weisen nur Malta, Rumänien und Polen niedrigere Werte auf. In Deutschland beträgt sie 13,2. Darüber hinaus zählt Ungarn beim Impfen zu den europäischen Positivbeispielen. 55 Prozent der Menschen haben mindestens eine Dosis erhalten, 42,6 Prozent sind vollständig geimpft (Stand: 15. Juni). In Deutschland sind es 48,7 beziehungsweise 26,8 Prozent.

Auch zu erwähnen ist das Hygiene- und Sicherheitskonzept, das in den Stadien der Europameisterschaft gilt. Infektionen sollen so laut UEFA ausgeschlossen werden. Eine Maskenpflicht am Platz wird in Ungarn empfohlen und ist keine Pflicht. Angesichts der aktuellen Infektionszahlen scheint die Stadionauslastung für viele Fans angemessen. Auch etliche deutsche Fußballfans haben sich Tickets für Spiele in Budapest gesichert.

Bilder aus fast schon vergangenen Zeiten: Ein volles Fußballstadion.

EM 2021: Orban lässt Stadion füllen - Er will „Gemeinschaftsgeist und Nationalstolz stärken“

Ungarns Staatschef Viktor Orban kann dies nur Recht sein. Der Ministerpräsident gibt sich gerne als Mann des Volkes und versucht, seine Macht durch den organisierten Sport zu sichern. In Ungarn wurden zuletzt etliche Stadien und öffentliche Sportstätten gebaut, Mitglieder von Orbans Fidesz-Partei haben großen Einfluss bei den Fußballklubs im Land. In jüngster Vergangenheit suchte Orban zudem intensiv den Schulterschluss mit der UEFA. Als im Frühjahr einige Spiele aufgrund strenger Corona-Regeln nicht wie geplant stattfanden konnten, stellte der 58-Jährige die Puskas-Arena zur Verfügung. Beide Champions-League-Achtelfinalspiele zwischen Liverpool und Leipzig fanden daher in Budapest statt. Im September gewann der FC Bayern in Budapest den Supercup gegen Sevilla - vor mehr als 15.000 Zuschauern.

Orban legte schon früh fest, dass die UEFA in Ungarn mit voller Stadionauslastung planen könne. Wichtige Einnahmen und stimmungsvolle Bilder für die europäische Fußballunion. Laut Orbans Kritikern hat dieser Entschluss Kalkül. „Er ist der festen Überzeugung, dass Sport im Besonderen den Gemeinschaftsgeist und den Nationalstolz stärkt“, zitiert die Zeit den regierungskritischen Journalisten János Kele. „Zudem sollte man wissen, dass ein Eckpfeiler der Politik der Fidesz-Partei darin besteht, ständig herauszuheben, dass die Ungarn dazu bestimmt sind, Großartiges im Leben zu leisten – beispielsweise bei der Ausrichtung großer Turniere.“ (as)

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