Erneut Verletzte nach Schlägerei auf Fanmeile – wie gefährlich ist Public Viewing?
Schon im Vorfeld gab es Warnungen vor Hooligans und Extremisten auf Fanmeilen und im Stadion. Ein Fan-Forscher sieht indes einen ganz anderen Trend.
Berlin/Northeim/ Stuttgart – Immer wieder kommt es in den Fanmeilen in Deutschland zu Zusammenstößen. Am Mittwochabend gab es Verletzte beim Public Viewing in der Fanzone auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Nach ersten Erkenntnissen soll auch ein Messer zum Einsatz gekommen sein, teilte die Polizei in der Nacht auf Donnerstag auf der Plattform X weiter mit.
In Northeim ist sogar Schluss mit Fußballfest. Nach einer Schlägerei beim Public Viewing auf dem Marktplatz der Stadt in Niedersachsen mit einem Schwerverletzten zieht der Veranstalter die Reißleine: Gemeinsames EM-Rudelgucken wird es dort nicht mehr geben. Das Risiko sei zu groß, Helfer hätten sich bedroht gefühlt, heißt es.
Sicherheit auf EM-Fanmeile und beim Public Viewing: Risiko durch Hooligans und Extremisten
Schon im Vorfeld der EM hatten Sicherheitskreise vor potenziellen Risiken auf Fanmeilen gewarnt. Zum einen durch Extremisten und Terroristen: Die Feiermeilen zur EM gelten als weiche Ziele etwa für Einzeltäter, die Sicherheitsbehörden ganz besonders im Auge haben. Zum anderen durch gewaltbereite Hooligans. An den Außengrenzen gibt es deshalb schärfere Sicherheitskontrollen, man will die Einreise von Gefährdern zur Fußballeuropameisterschaft stoppen. Das klappt offenbar nicht immer. In Dortmund hatte die Polizei vor wenigen Tagen erst einen Angriff italienischer Hooligans auf albanische Fans verhindert.
Wie sicher sind Fanmeilen und Public Viewings, zu denen Tausende Menschen – auch mit ihren Kindern – gehen? „Fanmeilen gehören zu den sichersten Orten, an denen man sich derzeit mit so vielen Menschen aufhalten kann“, sagt Harald Lange. Der Professor leitet das Sportwissenschaftliche Institut an der Uni Würzburg und befasst sich seit vielen Jahren intensiv mit Fan-Forschung.
Zahl von Gewaltvorfällen bei EM 2024 „ziemlich gering“
Eine EM ziehe zwar regelmäßig durchaus Gruppierungen an, die es auf Gewalt und die Verbreitung extremistischer Propaganda abgesehen hätten. „Ein derart großes Event, auf das die halbe Welt blickt, nutzen manche, um Botschaften, die außerhalb des Fußballs liegen, unterzubringen“, so Lange im Gespräch mit dieser Redaktion. Aber bisher lasse sich klar beobachten: „Da braut sich nichts zusammen. Weder bei Extremisten noch bei gewaltbereiten Hooligans.“
Vorfälle wie in Northeim oder Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen seien eine „unangenehme Begleiterscheinung“ bei solchen Großveranstaltungen. „Unterm Strich lässt sich sagen: Gemessen an der Zahl der Menschen, die unterwegs sind, ist die Zahl von Gewaltvorfällen ziemlich gering“, sagt der Experte. Ähnliches ist aus Polizeikreisen zu hören, Auffälligkeiten hat man dort bislang keine festgestellt.
Ausschließen, dass jemand randaliert, könne man allerdings nie, sagt der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Michael Mertens: „Sie sehen einem Menschen nicht zwangsläufig an, ob dieser in der nächsten Stunde irgendwann einen Streit vom Zaun bricht und jemanden zusammenschlägt. Klar ist, dass bei alkoholisierten Personen Vorsicht geboten ist.“ Wichtig sei, dass ein zahlenmäßig ausreichender, geschulter und erfahrener Sicherheitsdienst vor Ort sei, der die Lage in der Menge der Teilnehmenden im Auge habe.
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Besucherinnen und Besucher könnten aber auch selbst gewisse Vorsichtsmaßnahmen treffen. – auch gerade vor dem Hintergrund, dass es an den Public-Viewing-Orten oft schnell sehr voll werden kann. „Mein Vorschlag ist es, den vorderen Bereich des Veranstaltungsgeländes eher zu meiden. Zudem würde ich mich mit meinen Kindern nicht in die direkte Mitte einer Fangruppe bewegen, sondern vielmehr die Ränder aufsuchen“, so Mertens.
Neuer Trend bei EM: „Vieles erinnert an Karneval“
Fan-Forscher Lange beobachtet derweil einen Trend bei dieser EM, die bislang ein „fröhliches Fußballfest“ sei: „Vieles erinnert an Karneval, die Menschen verkleiden sich. Es geht weniger um Rivalitäten, und wenn, dann eher ironisch.“ Das decke sich mit einem neuen Fußball-Zeitgeist. „Das Zugehörigkeitsgefühl mit der eigenen Mannschaft ist nicht mehr so groß wie etwa noch bei der WM 2006.“ Das spiegele sich auch darin wider, dass nur selten Autos mit Deutschlandfähnchen oder in Nationalfarben geschmückte Balkone zu sehen seien.

„Es geht den Menschen eher um die Lust am Event und die Neugierde auf die Fankultur anderer Nationen. Die bringen was mit, was wir hier nicht kennen“, sagt der Fan-Forscher. „Zum Beispiel der beeindruckende Fanmarsch der Niederländer oder die Schotten mit ihren Kilts und Dudelsäcken.“ Was vor Jahren schwierig gewesen sei, sei nun möglich: „Anders als zum Beispiel bei einem Europapokalspiel kann man mit dem Trikot der eigenen Mannschaft zu den Fans der Gegnermannschaft gehen und zusammen feiern.“ Das bedeute auch: „Die Nationalmannschaft ist da, um zu gewinnen. Sonst verpufft der Event-Charakter ganz schnell.“