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Grünes Licht fürs grüne Blatt? Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter hat das Cannabis-Verbot als nicht zielführend bezeichnet. Gegenstimmen gibt es aus den eigenen Reihen – auch in Bayern.

„Ich halte diese Einzelmeinung von Herrn Schulz für gefährlich“

Entkriminalisierung von Marihuana: Polizei streitet um Cannabis-Verbot

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Die Forderung des Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft BDK zur Entkriminalisierung von Cannabis sorgt in den eigenen Reihen für Kopfschütteln.

Weilheim – Der Leiter des Rauschgiftkommissariats in Weilheim hält es für einen gefährlichen Fehler, am Verbot zu rütteln. Eine Aussage des Vorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, André Schulz, hat gereicht, um Thomas Loy zum Austritt aus der Gewerkschaft zu bewegen. Loy ist 54 Jahre alt und leitet das Kommissariat für Rauschgiftbekämpfung bei der Kripo Weilheim. Und er hält eine Entkriminalisierung von Cannabis, wie sie Schulz gefordert hat, für den völlig falschen Weg.

„Ich halte diese Einzelmeinung von Herrn Schulz für gefährlich, weil sie den Konsum von Cannabis verharmlost“, sagt Loy. Denn damit würde vor allem Jugendlichen der Eindruck vermittelt, dass es überhaupt nicht schlimm sei, regelmäßig Cannabis zu konsumieren. „Meine Erfahrungen aus dem Alltag zeigen hier aber ein ganz anderes Bild.“ Gespräche mit ehemals Süchtigen seien ebenso selten wie wertvoll, sagt Loy. „Und hier höre ich immer wieder, wie unendlich schwierig es für Langzeitkonsumenten ist, von dem Zeug wegzukommen.“ Nicht wenige würden den Absprung nur mit Medikamenten schaffen, weil sie unter enormem psychischen Druck und Psychosen leiden.

Cannabis: 80 Prozent der Drogendelikte

Derzeit machen die Fälle von Cannabis-Konsum und -Handel in Leys Zuständigkeitsbereich, der sich über die Landkreise Weilheim-Schongau, Bad Tölz-Wolfratshausen und Garmisch-Partenkirchen erstreckt, rund 80 Prozent der Drogendelikte aus. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Zeit, die ohne das Cannabis-Verbot sinnvoller für die Verfolgung anderer Straftaten genutzt werden könnte? „Dann müsste man doch auch den Ladendiebstahl oder das Telefonieren am Steuer legalisieren. Das würde uns auch viel Arbeit ersparen“, entgegnet Loy. Sinnvoll sei es trotzdem nicht.

Hier liegt Loy auf einer Linie mit der bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU), die eine Legalisierung von Cannabis als Genussmittel strikt ablehnt – im Gegensatz zur FDP oder den Grünen, die die Verbotspolitik als gescheitert betrachten.

Cannabis-Konsum kann gefährliche Auswirkungen auf das Gehirn haben kann

Natürlich sei es Nonsens zu behaupten, jeder, der an einem Joint ziehe, werde in ein paar Jahren beim Heroin landen, sagt auch Thomas Loy. „Aber klar ist auch, dass der Cannabis-Konsum vor allem bei Jugendlichen gefährliche Auswirkungen auf das Gehirn haben kann.“ Dazu komme, dass es mit Nikotin und Alkohol bereits genügend legale Suchtstoffe gebe. „Aber nur, weil wir da die Problematik wohl nie mehr in den Griff bekommen werden, heißt das doch nicht, dass es uns beim Cannabis jetzt auch schon egal sein kann.“ Die vielen Alkohol- und Nikotintoten zeigen nach Ansicht des Kriminalers, dass Teile der Gesellschaft, darunter besonders die Jugend, mit Suchtstoffen nicht sinnvoll umgehen könnten. Deshalb ist Loy davon überzeugt, dass der Cannabis-Konsum deutlich zunehmen werde, wenn das Verbot fallen sollte.

Dieses Argument ist jedoch umstritten. In den Niederlanden, wo der Besitz kleinerer Mengen seit 1976 toleriert wird, ist der Anteil der Cannabis-Konsumenten an der Gesamtbevölkerung laut Studien nur leicht höher als in Deutschland. Auch im US-Bundesstaat Colorado blieb der Konsum seit der Legalisierung bislang laut einer Untersuchung des dortigen Gesundheitsministeriums auf einem konstanten Niveau.

Dass in Bayern aber gerade Jugendliche, die mit einem Joint erwischt wurden, von den Eltern auf der Wache abgeholt werden, hält Loy in vielen Fällen für einen „heilsamen Schock“. „Ich nehme gerne in Kauf, dafür mal eine Stunde mehr zu arbeiten – wenn es den ein oder anderen Betroffenen in Zukunft vom Konsum abhält.“

Dominik Göttler

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