"Entlassungsproduktivität" ist "Unwort des Jahres" 2005

- Frankfurt/Main - "Entlassungsproduktivität" ist das "Unwort des Jahres" 2005. Das gab die unabhängige Jury aus fünf Sprachfachleuten am Dienstag in Frankfurt bekannt. Der betriebswirtschaftliche Begriff verschleiere "die meist übermäßige Mehrbelastung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz noch behalten konnten", begründete Jury-Sprecher Horst Dieter Schlosser die Wahl. An zweiter Stelle rügten die Juroren bei ihrer 15. sprachkritischen Aktion die Formulierung "Ehrenmord". "Bombenholocaust" kam auf Platz drei, gefolgt von "Langlebigkeitsrisiko".

Der Begriff "Entlassungsproduktivität" bezeichne "eine gleich bleibende, wenn nicht gar gesteigerte Arbeits- und Produktionsleistung, nachdem zuvor zahlreiche für "überflüssig" gehaltene Mitarbeiter entlassen wurden", erläuterte GermanistikProfessor Schlosser. "Aber auch die volkswirtschaftlich schädlichen Folgen der personellen Einsparung, die Finanzierung der Arbeitslosigkeit, werden mit diesem Terminus schamhaft verschwiegen."

Das Wort wird in der aktuellen Metall-Tarifrunde von den Arbeitgebern verwendet. Sie wollen nur den Teil der gesteigerten Leistungsfähigkeit von Unternehmen bei Lohnerhöhungen berücksichtigen, der nicht durch Personalabbau zu Stande gekommen ist. Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser hatte den Begriff mehrfach gebraucht. Außerdem sei er inzwischen Teil der Betriebswirtschaftslehre, sagte Schlosser. "Es ist aber keine Erfindung dieses Jahres." Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) habe die Wortschöpfung schon 1998 kritisiert.

Die Juroren hatten die Wahl zwischen 1073 verschiedenen Vorschlägen. 1891 Einsendungen aus Deutschland, Westeuropa und Übersee waren eingegangen. Am häufigsten wurden "Schwampel-Koalition" (70 Mal), "Gammelfleisch" (52 Mal), "Jamaica-Koalition" (49 Mal), "Parasiten" und "Ehrenmord" (je 42 Mal) genannt. Entscheidend ist für die Jury aber nicht die Häufigkeit einer Nennung, sondern "ein besonders krasses Missverhältnis von Wort und bezeichneter Sache". Die sprachlichen Missgriffe müssen "sachlich grob unangemessen" sein und "möglicherweise gar die Menschenwürde verletzen".

Mit "Ehrenmord" - Unwort-Favorit von Jury-Sprecher Schlosser werde die Ermordung von meist weiblichen Familienmitgliedern unter Berufung "auf eine archaische, in unserem Kulturkreis absolut inakzeptable "Familienehre" relativiert", rügte die Jury: "Deutschsprachige Medien sollten ihre Distanz zu diesem weltweit leider nicht seltenen Verbrechen auch sprachlich zum Ausdruck bringen." Wer den Begriff aufgebracht hat, konnten die Sprachwissenschaftler allerdings nicht klären. Es gebe auch keine direkte Entsprechung im Türkischen.

Der vom sächsischen NPD-Landtagsfraktionschef Holger Apfel gebrauchte Begriff "Bombenholocaust" sei ein weiterer Tiefpunkt der Leugnung, zumindest aber eine Verniedlichung des Völkermordes durch die Nationalsozialisten, kritisierten die Juroren. Als unsensiblen Fachterminus aus dem Versicherungswesen rügten sie schließlich "Langlebigkeitsrisiko". Schlosser mahnte: "Fachbegriffe bleiben nicht Insiderbegriffe, sondern gelangen in die Öffentlichkeit."

Das Unwort des Vorjahres war "Humankapital". Vorschläge aus der Wirtschaft, "mit denen die Managements beschönigen und verschleiern" hätten in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, sagte Schlosser.

Die Börse Düsseldorf kürte am Dienstag "Heuschrecken" zum BörsenUnwort des Jahres. Der vom früheren SPD-Chef Franz Müntefering geäußerte Satz über die "anonymen Finanzinvestoren, die wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen herfallen, sie abgrasen und weiterziehen" präge ein völlig falsches Bild dieser Investorengruppe, hieß es zur Begründung. Das Börsen-Unwort wurden zum fünften Mal in Anlehnung an die sprachkritische Aktion Schlossers bestimmt.

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