Ein Mann tritt auf einen sitzenden jungen Mann in der Straßenbahn ein.
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Ein 40-jähriger Deutscher griff einen syrischen Flüchtling in der Straßenbahn an.

Rassistischer Übergriff in Erfurt

Fahrgäste filmen, statt zu helfen: Rassist geht brutal auf jungen Syrer los - Empörung nach Angriff in Straßenbahn

  • Raffael Scherer
    vonRaffael Scherer
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Ein 40-Jähriger hat in einer Erfurter Straßenbahn einen 17-jährigen Syrer beleidigt, bespuckt und getreten. Der Täter war der Polizei nicht unbekannt.

Erfurt - Der 17-jährige Syrer saß stillschweigend in der Erfurter Straßenbahn, als er Opfer eines rassistischen Angriffes wurde. Wie die dpa berichtete, geriet vergangene Freitagnacht (23. April) der junge Mann an einen 40-Jährigen, der aus heiterem Himmel auf ihn losging und zuschlug.

Mehrere Fahrgäste schnitten den Angriff mit ihrem Handy mit. Auf dem Video ist zu erkennen, wie der Deutsche, in Begleitung einer Frau, dem Syrer zunächst eine Beschimpfung nach der anderen zuruft wie „Willste noch eine, du Dreckvieh“, „Fang an zu flennen du F****, Junge“ oder „Verpiss dich einfach dahin wo du herkommst, du verf***** F****“.

Rassistischer Angriff in Erfurt: Mann tritt mehrfach auf Syrer in Straßenbahn ein

Daraufhin spuckte er den Syrer an, welcher stillschweigend sitzen blieb und nur versuchte seinen Kopf wegzudrehen. Dennoch ließ der Rassist weiterhin nicht von ihm ab. Mit den Worten „Mach einfach deinen Kopf runter, du Dreckvieh, wenn ich vor dir steh, verstehst du das“ trat der Schläger vier mal auf den Kopf des jungen Mannes ein. Seine Begleitung neben ihm sah der Tat zu und erinnerte ihn nur an die auf ihn gerichteten Kameras.

Doch damit nicht genug. Nach der Tritt-Attacke nahm der Schläger dem Syrer das Handy ab. Mit aller Kraft schmetterte er es auf den Boden, wo es zersplitterte. „Und dein verf****** Handy, Junge, ist jetzt kaputt, Junge“ brüllte er dabei. Danach stieg er aus der Bahn. Der Syrer wehrte sich zu keiner Sekunde. Er wies laut Polizeiangaben leichte Verletzungen auf.

Mithilfe von Handyvideos: Gegen Rassist wird wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt

Die anderen Fahrgäste riefen daraufhin die Polizei. Trotz der Flucht des Mannes gelang es der Polizei „durch die am Tatort gewonnenen Zeugenhinweise“ den Täter zu identifizieren. Dieser war der Erfurter Polizei bereits wegen mehrerer Delikte bekannt. Am Montagnachmittag (26. April) nahm die Zivilpolizei Erfurt den 40-Jährigen fest. Gegen ihn wird wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und Beleidigung ermittelt.

Da mehrere Zeugen die Videomitschnitte ins Netz stellten, verbreiteten sich diese rasch in den Sozialen Medien. Als „Einfach widerlich“ bezeichnete Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) die Tat. „So ein feiger Mensch, stark und aggressiv gegen einen Wehrlosen“. Die Attacke kritisierte auch die CDU-Landtagsfraktion „aufs Schärfste“.

Politiker fordern mehr Zivilcourage und eine „Strafnorm gegen Rassismus“

Warum die anderen Fahrgäste, außer zu filmen, nicht eingegriffen hätten, fragte sich Barbara John (CDU). Die Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Berlin stellte klar: „Die Menschen müssen in solchen Momenten, wenn ein Täter keine Waffe bei sich trägt, handeln und eingreifen“, so John laut der Bild .

Es seien, obwohl weitere Männer in der Straßenbahn waren, noch zu viele Hemmungen vorhanden. Außerdem forderte sie ein höheres Strafmaß für rassistische Übergriffe: „Allein Bekenntnisse bringen nichts.“ In Deutschland sei eine „Strafnorm gegen Rassismus“ nötig. Und John fügte hinzu: „Die hat die Schweiz schon seit 20 Jahren.“

Katholische Kirche zeigt sich erschüttert und warnt vor diskriminierenden Äußerungen

Auch die katholische Kirche fand zu der Tat klare Worte: So erklärte der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr auf dem Portal katholisch.de: „Es erschüttert mich, wenn Menschen mit anderer Hautfarbe, anderer Herkunft, anderer Religion oder anderer sexueller Orientierung attackiert werden, weil sie ‚anders‘ sind“.

Laut dem Bischof sei zu beachten, dass alle Menschen gleich seien. Er warnte bereits vor diskriminierenden Äußerungen, denn „aus Worten werden schnell Taten. Für gläubige Menschen ist darüber hinaus jeder Mensch ein Geschöpf Gottes und damit ein Mitgeschöpf“, so Neymeyr.

Rassistische Übergriffe in Thüringen weiterhin konstant hoch

Das Bundesland Thüringen, insbesondere der Landeshauptstadt Erfurt, habe ein grundsätzliches Problem mit rechtem Terror, erklärte Katharina König-Preuss (Linke). So sagte die Sprecherin für Antirassismus der Linksfraktion im Landtag: „Den zunehmenden rassistischen Übergriffen in Thüringen, welche auch Resultat eines insbesondere durch die AfD geschürten, politischen Klimas in der Gesellschaft sind, muss endlich Einhalt geboten werden“.

Den Tätern müsse „mit aller Konsequenz begegnet werden“, so König-Preuss. Außerdem wies sie auf eine kürzlich veröffentlichte Statistik der Opferberatung Ezra hin. Diese besagt, dass 2020 mit 102 rassistischen Vorfällen das Niveau an rechter Gewalt weiter konstant bleibe.

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