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Dieses Faltblatt erhielt die Gemeinde beim "erotischen Gottesdienstes"

„Erotischer Gottesdienst“ ohne "F*cken"

Wiesbaden - Flunkern im Namen des Herrn? Bei seinem „erotischen Gottesdienst“ am Sonntag in Wiesbaden kamen dem evangelischen Pfarrer doch keine unanständigen Worte über die Lippen.

Eine prickelnd erotische Atmosphäre versprüht die protestantisch schlichte Erlöserkirche in Wiesbaden nicht gerade. Nur die Kerzen auf dem Altar aus grauem Waschbeton sorgen für etwas schummeriges Licht. Trotzdem hat Pfarrer Ralf Schmidt seine Gemeinde hierher zu einem „erotischen Gottesdienst“ eingeladen. Aufgeregt sei er, viel mehr als sonst. Immer wieder tupft sich Schmidt mit einem Tuch die Schweißperlen von der Stirn, während sich die Kirche langsam füllt.

Seine Einladung hatte für Aufsehen gesorgt: Eine Altersbeschränkung ab 16 Jahren sollte es geben. Zeitungen, Fernsehen und Radio berichteten über den Pfarrer, der nach eigenen Worten im Gottesdienst auch über „Poppen“ und „Ficken“ sprechen wollte. Ein Sprecher der Evangelischen Kirche sagte vor der Predigt, er sei „sehr gespannt“, wie Schmidt das Thema aufgreife.

Drei Kamerateams sowie zahlreiche Fotografen und Reporter sind an diesem Sonntag in die Kirche gekommen. Sie filmen eine Frau, die Rosenblätter von einer Empore schweben lässt und etwa ein Dutzend Seniorinnen, die mit bunten Bändern in den Händen einen „meditativen Tanz“ um den Altar präsentieren. Wer mag, lässt sich ätherisches Öl auf Hände oder Stirn streichen. Die Gläubigen fassen sich an den Händen, aus den Orgelpfeifen erklingt die Melodie von Elvis Presleys „Love Me Tender“. Zunächst gab es mehr Esoterik als Erotik.

In seiner Predigt wird Schmidt dann konkreter: In der Fernsehserie „Oh Gott, Herr Pfarrer“ sei ein Geistlicher einmal dabei gezeigt worden, wie er nach dem Sex mit seiner Frau schnell zu einer Trauerfeier eilen musste. Der Pfarrer habe trotzdem und vielleicht gerade deshalb besonders gute und tröstende Worte gefunden. „Vielleicht sollten wir Pfarrer öfter mit unseren Liebsten ins Bett gehen“, regt der 47-jährige Schmidt deshalb an. „Erotik und Lust sind keine vom Glauben abgetrennten Sperrgebiete.“ Gott habe seine Liebe und seine Lust in die Menschen gepflanzt, die komme nicht vom Teufel.

Eine kirchliche Revolution hat Pfarrer Schmidt mit seiner Predigt aber nicht angezettelt. Bereits 2007 hatten Gläubige auf dem evangelischen Kirchentag in Köln einen „erotischen Gottesdienst“ gefeiert. Auch damals hatte der Pfarrer Rosenblätter regnen lassen, die Gläubigen mit ätherischen Ölen gesalbt und die gleiche Anekdote aus der Fernsehserie erzählt. Pfarrer Schmidt will sich allerdings nicht an dieser Predigt orientiert haben. „Ich wusste bis vor kurzem gar nicht, dass es so etwas vorher schon einmal gab“, sagte Schmidt auf dpa-Anfrage.

Deutlich von der Kölner Predigt unterschieden hätten sich allerdings die von Schmidt angekündigten „deftigen Worte“ in seiner Ansprache. Aber die fielen am Ende doch nicht, ebenso wenig galt die Altersbeschränkung nach unten - in der ersten Reihe saß auch ein junger Konfirmand. Seine Predigt hatte Schmidt kurz vor dem Gottesdienst entschärft und eine Passage gestrichen. „Diese Ausdrücke waren schon die ganze Woche in den Zeitungen zu lesen, da musste ich sie nicht noch aussprechen“, erklärte Schmidt.

Viele der rund 200 überwiegend älteren Kirchgänger störte das nicht. „Ich war ja nicht hier um schmutzige Wörter zu hören“, sagt eine ältere Dame. Aber das Thema finde sie gut gewählt: „Sex gehört ja auch zum Leben, also passt das auch gut in die Kirche.“

Schmidt ist nach der Predigt erleichtert. „Ich bin heut morgen aufgestanden und hab erstmal geheult“, bekennt der Geistliche. Kritische SMS, E-Mails und Anrufe hätten ihn vorher sehr nachdenklich gemacht. Jetzt plane er allerdings bereits die nächste Aktion: Der Valentinstag biete sich ja für eine ähnliche Aktion an, sagt Schmidt und verschwindet nach zahlreichen Interviews in den Gemeindesaal zu Kaffee und Kuchen.

dpa

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