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Im Interview spricht Eva Anne Maria, Fürstin von Hohenberg (39), Urenkelin des ermordeten Erzherzog Franz Ferdinand über das Attentat von Sarajewo am 28. Juni 1914 (rechts) und die Frage: Wer hat Schuld am Weltenbrand?

Erster Weltkrieg

Attentat von Sarajewo: Franz Ferdinands Urenkelin spricht

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100 Jahre Erster Weltkrieg: Im Interview spricht die Urenkelin des ermordeten Erzherzog Franz Ferdinand über das Attentat von Sarajewo im Juni 1914 und die Frage: Wer hat Schuld am Weltenbrand?

Seine Ermordung entfachte vor 100 Jahren den Weltenbrand: Erzherzog Franz Ferdinand, Thronfolger von Österreich-Ungarn, wurde am 28. Juni 1914 mit seiner Frau, Sophie, Herzogin von Hohenberg, in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo vom serbischen Nationalisten Gavrilo Princip erschossen. Im Interview blickt Franz Ferdinands Urenkelin, Eva Anne Maria, Fürstin von Hohenberg (39), auf den Mord zurück, der den Ersten Weltkrieg in Gang setzte.

Erster Weltkrieg wenn Franz Ferdinand überlebt hätte?

Fürstin von Hohenberg, wollen Sie sich auf ein Gedankenspiel einlassen? Wie wäre die Weltgeschichte verlaufen, wenn Ihr Urgroßvater nicht vor einem Jahrhundert in Sarajewo ermordet worden wäre?

Ich halte es für wahnsinnig schwierig, solch ein Szenario zu entwerfen. Aber klar ist zumindest, dass Franz Ferdinand nach dem Tod des damals regierenden Kaisers Franz Joseph den Thron und dessen Zepter übernommen hätte. Ob er seine politischen Pläne auch hätte umsetzen können, ist eine Frage, die keiner von uns beantworten kann.

Wie sahen Franz Ferdinands politische Pläne konkret aus?

Man hat Manuskripte in einem Archiv gefunden, die belegen, dass er schon damals den Grundgedanken eines europäischen Vielvölkerstaates vertrat. Natürlich in Form einer erweiterten österreichisch-ungarischen Monarchie. Aber vieles von dem, was er damals wollte, wurde Jahrzehnte später von Gründervätern der Europäischen Union befürwortet: Ein politisch und wirtschaftlich geeintes, friedliches Europa, das auf den christlichen Werten basiert. Außerdem war Franz Ferdinand wichtig, das rückständige Militär des Kaiserreichs auf Vordermann zu bringen.

Wollte Franz Ferdinand den Ersten Weltkrieg?

Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs gab es am Wiener Hof Fürsprecher eines Präventivkrieges gegen Serbien samt dessen Einverleibung. An erste Stelle der Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf. Was hielt Franz Ferdinand von solchen Plänen?

Ihm war durchaus bewusst, dass die Streitkräfte der anderen europäischen Mächte deutlich besser organisiert und ausgerüstet waren. Er hat wohl vorausgesehen, dass es für Österreich-Ungarn – und für ganz Europa – zu einem Desaster kommen würde, wenn sein Land sich auf einen Krieg gegen Serbien oder gegen ein anderes europäische Land einlässt.

Erster Weltkrieg mit Kaiser Franz Ferdinand?

Hätte es den Ersten Weltkrieg mit Franz Ferdinand auf dem Kaiserthron nicht gegeben?

Schwer zu sagen. Franz Ferdinand war gegen einen Krieg. Aber: Ganz Europa war 1914 von Konflikten durchsetzt. Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich standen einem Bündnis aus Russland, Großbritannien und Frankreich gegenüber. Die Lage war höchst explosiv. Sarajewo war wohl die "Kirsche auf der Torte", wie man so schön sagt. Ich vermute: Wenn nicht dieses Attentat den Ausschlag zum Krieg gegeben hätte, dann irgendein anderes Ereignis.

Wer hat Schuld am Ersten Weltkrieg?

Auch 100 Jahre nach Kriegsbeginn wird weiterhin diskutiert, wer die Verantwortung am Ausbruch des Ersten Weltkriegs trägt. Wer ist denn Ihrer Meinung nach Schuld?

Man kann nicht einem einzigen Land die Schuld zuschreiben. Das Attentat von Sarajewo hat die Kugel ins Rollen gebracht. Geschossen hat ein serbischer Nationalist, dahinter stand die serbische Regierung. Aber schon in den Jahren zuvor haben sich Feindschaften zwischen den europäischen Mächten aufgebaut, die sich nun entluden. In allen am Krieg beteiligten Ländern haben die Menschen im Sommer 1914 begeistert zu den Waffen gegriffen.

Sind alle Regierungen blindlings ins Verderben gelaufen?

Offensichtlich. Es war schließlich keinem politisch Verantwortlichen bewusst, dass dieser sinnlose Krieg vier blutige Jahre dauern würde. In allen Ländern ging man davon aus, dass der Krieg nur ein paar Monate dauern würde.

Gab es Warnungen vor Attentat von Sarajewo?

Gab es im Vorfeld von Sarajewo Warnungen vor einem Attentat auf Franz Ferdinand?

Ja, die gab es. Franz Ferdinand wurde sogar persönlich vor einem Anschlag gewarnt. Aber er ist aus Pflichtbewusstsein und auf Befehl des Kaisers als künftiges Staatsoberhaupt der Bosnier nach Sarajewo gefahren. Das war seine Mentalität: Man tut seine Pflicht und man hat einen Befehl auszuführen. Natürlich war ihm bewusst, in welche Gefahr er sich und auch seine Frau Sophie mit diesem Besuch begibt. Übrigens gab es wenige Stunden vor den tödlichen Schüssen schon einen Bombenanschlag auf seinen Auto-Konvoi, bei dem Menschen aus seinem Gefolge verletzt wurden. Franz Ferdinand hat sein Besuchsprogramm trotzdem fortgesetzt. Danach war aber offensichtlich, dass dieser Staatsbesuch eine lebensgefährliche Angelegenheit ist.

Attentat von Sarajewo: Denkmal für den Mörder

Was sagen Sie dazu, dass die serbische Regierung dem Mörder Ihrer Urgroßeltern, Gavrilo Princip, ausgerechnet zum 100. Jahrestag des Attentats mit einem Denkmal ehren will.

Am 28. Juni 2014 jährt sich das Attentat des serbischen Nationalisten Gavrilo Princip auf den Habsburger Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau Sofie in Sarajevo zum 100. Mal.

Mit dieser Frage habe ich fast schon gerechnet, nachdem in diversen Zeitungen diese Meldung aufgepoppt ist. Ich denke, die serbische Regierung sollte sich bewußt machen, daß es -gerade jetzt zu Beginn der Beitrittsverhandlungen mit der EU- politisch nicht sehr klug ist, Princip ein Denkmal zu setzen und damit nationalistische Tendenzen in Serbien zu fördern bzw. diesen neuen Aufschwung zu verleihen. Vielleicht überlegt sich die serbische Regierung diese Aktion ja noch einmal, schlichtweg um kein falsches Bild von sich zu geben und den EU-Beitritt nicht zu gefährden…

Meinen Sie: Ein Serbien, das dem Mörder von Erzherzog Franz Ferdinand ein Denkmal errichtet, gehört nicht in die EU?

Die Errichtung eines solchen Denkmals paßt nicht in mein Bild eines Vereinigten Europas. Letztlich wird sich die serbische Regierung - wie schon 1914 - vor der Geschichte für ihr Handeln verantworten müssen. Ich vertraue da eher auf das serbische Volk! Ich bin sicher es hat aus den Ereignissen der letzten 100 Jahren gelernt und möchte einen anderen Weg einschlagen...

Interview: Franz Rohleder

Eva Hohenberg sprach mit dem Münchner Merkur am Rande der Veranstaltung "1914 - Das Attentat in Sarajevo und seine Folgen" organisiert im Rahmen der Veranstaltungsreihe von Adelheid Hochreiter, Sandra Putschögl und Liane Bednarz

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