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Erstmals Rückendeckung für Daschner

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- Frankfurt/Main - Im Prozess um die polizeilichen Folterdrohungen im Entführungsfall Metzler hat sich erstmals ein hochrangiger Polizist hinter den angeklagten Vize-Polizeipräsidenten Wolfgang Daschner gestellt. "Ich war ihm sehr dankbar, dass er so entschieden hat", sagte der Abteilungsdirektor Wolfram Ritter am Donnerstag als Zeuge vor dem Frankfurter Landgericht.

Er meinte damit die Anweisung Daschners, den Entführer Magnus Gäfgen mit Gewalt oder zuvor mit ihrer Androhung zur Preisgabe des Geiselverstecks zu zwingen. Der ausführende Vernehmungsbeamte ist ebenfalls angeklagt.

Ihm sei zwar klar gewesen, dass das Gesetz keine Gewaltandrohung hergebe, meinte der in der Frankfurter Polizeihierarchie unmittelbar unter den beiden Präsidenten stehende Ritter. Sein Gewissen habe ihm aber etwas anderes gesagt, und er habe daher Daschners Entscheidung als einziger im Führungsstab mitgetragen. "Ich war nicht bereit, das Leben des Jakob von Metzler dem Belieben des Herrn Gäfgen zu überlassen." Daschner habe ihm die Last der Entscheidung abgenommen. "Sonst würde ich vielleicht heute hier sitzen." Ritter ließ aber ausdrücklich offen, ob er die Drohung angeordnet hätte.

Nach Ritters Darstellung waren zum Zeitpunkt der Drohung noch nicht alle Erfolg versprechenden Ermittlungsansätze ausprobiert worden. Er hätte zunächst den Vorschlag des Polizeipsychologen Stefan Singer umsetzen wollen, Gäfgen mit den Geschwistern des kleinen Jakob zu konfrontieren. Gäfgen habe die Metzler-Kinder bewundert und ihre Nähe gesucht, sagte der ebenfalls als Zeuge gehörte Singer. Er habe die Geschwister in den Tagen der Entführung als "starke und reife Persönlichkeiten" erlebt, die mit den Belastungen einer solchen freiwilligen Gegenüberstellung fertig geworden wären. Die Konfrontation des Täters mit den Geschwistern ist nach den Aussagen mehrerer Polizisten in der Nacht zwar vorbereitet, zunächst aber wegen einer neuen Aussage Gäfgens nicht weiterverfolgt worden.

Er habe eine Bedrohung Gäfgens auch aus taktischen Gründen abgelehnt. "Eine Androhung könnte dazu führen, dass er ausflüchtet und was sagt, was für uns schwierig zu überprüfen ist", schilderte der Psychologe dem Gericht seine Bedenken in der Nacht vor der fraglichen Vernehmung. Gewaltdrohungen würden in ihrer Wirksamkeit ohnehin überschätzt und führten häufig zu Falschaussagen. Zudem machten sie den Beschuldigten für weitere Gespräche "zu".
Ein weiterer Polizist schilderte die Verfassung Gäfgens nach dem strittigen Verhör. "Er wirkte nicht besonders eingeschüchtert, eher im Gegenteil: Wir unterhielten uns und er log." Der Wahrheit entsprachen aber seine Angaben zum Versteck des kleinen Jakob. Dort fanden die Polizisten den leblosen Körper.

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