Reizthema Elternschaft

Expertin im Interview: „Mutterschaft wird bei uns glorifiziert“

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Sind Mütter, die ihre Kinder lieben, aber die Mutterschaft bereuen, schlecht? Sind Väter die besseren Mütter? Welche Elternschaft ist ideal? Und: Warum können wir nicht „leben und leben lassen“, wenn es um das Thema Familie geht? Ein paar Denkanstöße zu einer hitzigen Debatte von Psychologin und Autorin Felicitas Heyne.

Es scheint, Mütter und Väter seien mehr denn je auf Rollensuche. Warum?

Wir leben in Zeiten, in denen alles im Umbruch ist, wo Werte und Traditionen infrage gestellt werden wie vermutlich nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Alles kann, nichts muss. Das sind gute Zeiten für diejenigen, die meinen, sie hätten die Antwort auf die wesentlichen Lebensfragen parat! Und Elternschaft gehört für uns Menschen zu den zentralen Lebensfragen – selbst dann, wenn man sich ihr verweigert. Gerade der Wunsch von Männern, sich mehr den Kindern und weniger der beruflichen Karriere zu widmen, existiert vor allem in den Köpfen, realisiert wird er selten.

Mütter zum Beispiel sind untereinander oft besonders kritisch ...

Felicitas Heyne ist Psychologin und Autorin. Sie sagt: "Elternschaft gehört zu den zentralen Lebensfragen".

Oh ja! Frauen führen einen permanenten Grabenkrieg gegen ihre Geschlechtsgenossinnen, wenn es um Themen geht wie Familie und Elternschaft. Die Idee, dass es endlos viele gleichwertige und gleichberechtigte Lebensentwürfe geben könnte, hat sich noch nicht durchgesetzt. Macht es jemand anders als man selbst, wird das reflexhaft als Kritik am eigenen Lebensentwurf aufgefasst – und ebenso reflexhaft bekämpft. Von „leben und leben lassen“ sind wir Lichtjahre entfernt.

Woher kommt das?

Ausschlaggebend ist letztlich die Unsicherheit bezüglich des eigenen Lebensentwurfs. Selbstwertschutz durch Abwertung anderer, so nennt man das im Psychologen-Jargon. Und dieses Prinzip funktioniert eigentlich immer, sprich: Wenn man den Lebensentwurf von jemand anderem schlecht macht, weil er dem eigenen entgegengesetzt ist, fühlt man sich gleich viel besser und viel überzeugter!

Mütter, die offen zugeben, ihre Mutterschaft zu bereuen – Stichwort „regretting motherhood“ – werden verurteilt. Obwohl sie betonen, ihre Kinder zu lieben. Wie erklärt sich diese öffentliche Wut?

Weil Mutterschaft als solche – speziell bei uns in Deutschland – extrem glorifiziert wird. Sie wird als höchstmögliche Erfüllung im Leben einer Frau propagiert, und somit selbstverständlich auch als die Quelle des höchstmöglichen Glücks. Wer an diesem Mythos auch nur ansatzweise kratzt, wird umgehend gesteinigt. Sie dürfen zwar augenzwinkernd Scherze über das Thema machen, aber Sie dürfen nie ernsthaft infrage stellen, dass Kinder zu haben die einzig selig machende Lebensform für eine Frau darstellt. Das ist und bleibt ein Sakrileg.

Was heißt das konkret?

Das ist eigentlich der beste Beweis dafür, dass die Dunkelziffer der Frauen, die ihre Mutterschaft, bewusst oder unbewusst, keineswegs als glücklich erleben und erlebten, enorm hoch ist. Jemand, der bei dem Thema überhaupt nicht in innere Resonanz geht – sich also nicht insgeheim selbst getroffen oder angesprochen fühlt – hat es ja nicht nötig, so heftig darauf zu reagieren. Der nimmt das nur zur Kenntnis, vielleicht interessiert, vielleicht achselzuckend.

Wird heute deshalb so gern behauptet, Väter seien die besseren Mütter?

Das ist in meinen Augen vor allem die – versuchte – Gegenbewegung des Pendels: Seit ewigen Zeiten hieß es, Kinder brauchten vor allem ihre Mütter – als Totschlagargument gilt dabei, dass der Vater die neun Monate „Vorsprung“, die eine Mutter durch die Schwangerschaft an direkter Bindung mit dem Kind vermeintlich erwirbt, nie mehr aufholen könnte. Die Ergebnisse der Gender-Forschung der vergangenen 30 Jahre haben diesen Unfug eigentlich längst widerlegt und klar gemacht, dass es vor allem unsere Sozialisation, nicht unsere Gene sind, die uns zu guten oder schlechten Elternteilen machen. Auch die moderne Säuglingsforschung zeigt ganz klar, dass das alte Bild der Zweierbeziehung von Mutter und Kind, zu der sich ein Vater nur als Dritter unterstützend dazugesellen kann, wissenschaftlich überholt ist.

Dieser Mythos lebt!

Weil eben auch Väter auf der Suche nach ihrer Rolle sind – und das noch stärker als Frauen. Um es mal auf eine einfache Formel herunterzubrechen: Kinder brauchen im Idealfall Mutter und Vater, und beide gleichermaßen.

Was also läuft noch bei den sogenannten neuen Vätern falsch?

Verbale Aufgeschlossenheit bei relativer Verhaltensstarre – so charakterisiert der Soziologe Ulrich Beck die Rollenflexibilität von Männern. Sehr treffend! Männer absolvieren gerade einen nicht leistbaren Spagat: zwischen dem, was früher von ihnen erwartet wurde, und dem, was heute, erwartet wird. Frauen wollen eine Partner- und vor allem Elternschaft auf Augenhöhe. Männer sollen liebevolle Väter sein, mit viel Zeit für das Kind und viel Zuwendung für die Familie. Sie sollen klaglos die Vorstandssitzung schwänzen, wenn die Kleine Mumps hat – und das auch so vor ihrem Arbeitgeber durchboxen.

Und andererseits?

Sollen sie bitte schön natürlich weiterhin die verantwortlichen Haupternährer sein, den finanziellen Wohlstand der Familie sichern und entsprechenden Status erringen. Dass es sich hierbei um– Einzelfälle ausgenommen – praktisch unvereinbare Anforderungen handelt, machen sich Frauen nicht klar. Die Männer werden zwischen diesen Ansprüchen genauso zerrieben, so wie Frauen seit Beginn der Emanzipation. Die Gesellschaft „bestraft“ sie, wenn sie versuchen, neue Väter zu sein: mit finanziellen Einbußen, dem Spott der männlichen Kollegen – „Mapis“, „Softis“, „Pamperspraktikum“ – oder mit Karrierenachteilen.

Was genau heißt das für die Zukunft?

Abhilfe schaffen vor allem gesellschaftliche Veränderungen, also echte Änderungen in den tradierten Wert- und Rollenvorstellungen. Und: schnelle, sinnvolle Änderungen im Alltag – Stichwort Krippenausbau, betriebliche Kitas, Ganztagsschule. Wir haben in Europa und drumrum reichlich Nachbarn, die uns vormachen, wie das gut funktionieren kann. Und es gibt so viele Möglichkeiten, sei es nun Gleitzeit, Home Office oder Jobsharing, die Situation in der Arbeitswelt kinder- und familienfreundlicher zu gestalten. Aber was das angeht, hinken wir in Deutschland leider noch sehr weit hinterher.

Interview: Barbara Nazarewska

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