Niedrigste Infektionsrate

Coronavirus: Finnland hat die Pandemie am besten im Griff - Was ist der Schlüssel zum Erfolg?

  • Michelle Brey
    vonMichelle Brey
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Finnland scheint der „stille Sieger“ hinsichtlich der Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie zu sein. Doch was sind die Faktoren, die zum Erfolg führen?

  • Europa ist schlimm von der zweiten Coronavirus-Welle getroffen.
  • Finnland scheint das Coronavirus* im Griff zu haben.
  • Das Land verzeichnete die niedrigste Infektionsrate der EU.

Update vom 13. November, 16.10 Uhr: Die finnische Regierungschefin Sanna Marin hat in ihrem Gastbeitrag für das Magazin Politico eine einheitliche Strategie der EU im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie gefordert. Sie ruft zu gemeinsamen Anstrengungen auf, ohne die es Finnland und anderen Ländern nicht möglich sei, zuletzt eingeführte Einreisebeschränkungen wieder aufzuheben.

Marin spricht sich für eine massive Ausweitung der Tests und eine Vernetzung der Corona-Nachverfolgungs-Apps aus. Vor allem plädiert sie aber für einen möglichst digitalen Nachweis, ob sich der Einreisewillige „bereits mit der Krankheit angesteckt hat“ und damit nicht mehr infektiös ist. Darüber hinaus fordert die Regierungschefin einheitliche Quarantäne-Regeln.

Der Hintergrund ihrer Forderungen ist verständlich. Wenn ein Land größte Anstrengungen unternimmt und viel Geld investiert, das Coronavirus im zweiten Anlauf unter Kontrolle zu bringen, hat es kein Interesse daran, den Erfolg durch sorglose, infizierte Touristen wieder zu gefährden. Im Fall von Finnland trifft der Argwohn zum Beispiel auf das Nachbarland Schweden zu, wo die Infektionszahlen auch in der zweiten Welle der Pandemie deutlich höher sind. „Der einzige Weg, um unsere Wirtschaft zu retten, besteht darin, das Virus zu besiegen“, schreibt Marin in ihrem Beitrag. Ein europaweiter Erfolg sei nicht nur aus gesundheitlicher, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht unerlässlich.

Coronavirus in Finnland: Niedrigste Infektionsrate in der EU

Erstmeldung vom 12. November: München/Helsinki - Weltweit steigen die Zahlen der Corona-Neuinfektionen*, besonders Europa ist schwer von der zweiten Coronavirus-Welle* getroffen. Während in vielen europäischen Ländern striktere Maßnahmen ergriffen wurden, um die Pandemie einzudämmen, scheint Finnland das Virus gut im Griff zu haben. Die Restaurants sind gut besucht, in Finnlands Hauptstadt Helsinki scheint das normale alltägliche Leben seinen Gang zu gehen. Das Land verzeichnet sogar die niedrigste Infektionsrate der EU - doch was ist der Schlüssel zum Erfolg?

Schwedens Sonderweg sorgte während der Coronavirus-Pandemie für enormes internationales Aufsehen, Kritik - und Erfolge. Doch der eigentliche stille Sieger hinsichtlich der Eindämmung der Pandemie scheint Schwedens Nachbar Finnland zu sein. Die Infektionsrate lag zuletzt im Schnitt bei 45,7 Fällen je 100.000 Einwohnern, was dem niedrigsten Wert in der EU entspricht. Zum Vergleich: In Deutschland lag dieser Wert in der vergangenen Woche deutlich über 100 Fällen pro 100.000 Einwohnern.

Und auch die wirtschaftlichen Folgen durch das Coronavirus* fallen in Finnland weit milder aus als bei den europäischen Nachbarn. So schrumpfte die Wirtschaft im zweiten Quartal um 6,4 Prozent, was deutlich unter dem Minus von 14 Prozent im EU-Durchschnitt lag.

Erfolg im Kampf gegen Corona: In Finnland spielen mehrere Faktoren eine Rolle

Bereits im Frühjahr reagierte Finnlands Regierung unter der 34-jährigen Ministerpräsidentin Sanna Marin und Regierungschef Sauli Niinistö umgehend und verhängte im März - anders als Schweden - einen zweimonatigen Lockdown. Reisen in und aus der Hauptstadt Helsinki waren verboten. Anschließend kehrte das Land weitgehend zur Normalität zurück.

Ein effektives System für Tests und die Nachverfolgung von Infektionsketten trugen des Weiteren dazu bei, die Infektionen auf einem niedrigen Niveau zu halten. Als zentraler Bestandteil des Erfolgs ist auch die App „Corona Flash“ anzusehen. 2,5 Millionen der Gesamtbevölkerung (5,5 Millionen) haben sich „Corona Flash“ auf ihrem Smartphone installiert.

Widerstand gegen Corona-Regeln: Finnen halten sich an Vorgaben

Auch Widerstand der Bevölkerung gegen die Corona-Regeln der Regierung ist kaum zu erkennen. Die Finnen halten sich nicht nur an die Vorgaben der Behörden, einige sehen diese sogar als Bereicherung an. So gaben 23 Prozent der befragten Finnen im Zuge einer Umfrage, die im Auftrag des EU-Parlaments durchgeführt wurde, an, dass der Lockdown ihr Leben verbessert habe. In Deutschland sorgte indes eine Corona-Demo in Leipzig für großes Aufsehen.

Auch das Naturell der Finnen, die „nicht so gesellig und gern allein“ sind, wie Sozialpsychologin Nelli Hankonen der Universität Helsinki sagte, kann eine ausschlaggebende Rolle spielen. Nicht zuletzt ist aber auch die Arbeit im Homeoffice ein Punkt, der dem hoch digitalisierten Land in die Karten spielt. „Die Wirtschaft ist so strukturiert, dass es für einen großen Teil der finnischen Arbeitskräfte nicht notwendig ist, am Arbeitsplatz zu sein“, so Hankonen.

Finnlands Corona-Strategie als Vorbild für Europa?

Ein scheinbar gut dosiertes Maß an Regeln gekoppelt mit Eigenverantwortung macht Finnland wohl zu einem Vorbild in der Coronavirus-Pandemie. Zu erwähnen ist jedoch auch, dass die Finnen auch von der dünnen Besiedlung ihren Landes profitieren. Während in Deutschland auf einer ähnlich großen Fläche mehr als 80 Millionen Menschen leben, liegt die Bevölkerungsgröße Finnlands bei knapp 5,5 Millionen Menschen. *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes (afp/mbr)

Rubriklistenbild: © Heikki Saukkomaa/Lehtikuva/dpa

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