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"No woman, no drive" nimmt das Fahrverbot auf die Schippe 

"No Woman, no drive"

Frauen-Fahrverbot: Protestsong wird Internet-Hit

Riad/Kairo - Trotz aller Strafandrohungen haben sich Frauen in Saudi-Arabien hinters Lenkrad gesetzt. Die Neufassung eines Bob-Marley-Hits wurde dabei zur Hymne der Auflehnung gegen das Fahrverbot. 

Mutige Frauen in Saudi-Arabien haben am Wochenende demonstrativ gegen das für sie geltende Fahrverbot verstoßen. Zudem posteten sie auf der Internet-Plattform YouTube Clips, die sie beim Autofahren zeigen. Zu der Kampagne des zivilen Ungehorsams hatte am Samstag eine Gruppe von Aktivistinnen aufgerufen. Unter dem Motto „Women2Drive“ machten sie gegen das vom islamischen Klerus hochgehaltene Fahrverbot für Frauen mobil.

Der saudische Comedian Hisham Fageeh macht sich derweil musikalisch über das Verbot lustig - und hat damit einen Riesenerfolg. Am Samstag stellte er seine satirische Neutextung des Bob-Marley-Hits "No woman, no cry" auf Youtube. Bereits drei Tage später hatte  "No woman, no cry" über dr ei Millionen Klicks.

In dem Clip heißt es: "Ich erinnere mich als du in der Familienkutsche gesessen bist - auf dem Rücksitz. Deine Eierstöcke waren gut geschützt, damit du viele, viele Babys machen kannst." Damit greift er das absurde Argument eines islamischen Geistlichen auf, der behauptet hatte, das Steuern von Fahrzeugen könne zu mehr Missgeburten führen.

Saudi-Arabien ist das einzige Land der Welt, in dem es Frauen grundsätzlich verboten ist, Auto zu fahren. Das gilt auch für die zunehmende Zahl von Frauen, die im Ausland einen Führerschein erworben haben. Also singt Fageeh weiter: "In dieser strahlenden Zukunft kannst du deine Vergangenheit nicht vergessen, also leg deine Autoschlüssel beiseite. Hey, kleine Schwester, fass das Lenkrad nicht an."

Das Fahrverbot ist Teil eines umfassenden Systems von Gesetzen und Regeln, basierend auf einer besonders dogmatischen Variante des sunnitischen Islams. Der Wahhabismus, die geltende Staatsreligion, entmündigt Frauen praktisch. So ist es ihnen nicht möglich, Verträge zu unterzeichnen oder Arbeitsverhältnisse einzugehen, ohne dass ihr Ehemann oder ein männlicher Blutsverwandter die Zustimmung dafür gibt. Darauf zielt Fageeh mit diesen Zeilen ab: "Der Fahrer kann dich überall hinbringen, denn die Königin fährt nicht selber. Dafür kochst du mir das Abendessen, das ich mit dir teile. Deine Füße sind das einzige Transportmittel, das du brauchst, aber nur im Haus. Und das meine ich ernst."

Der A-cappella-Song schließt mit den gleichen Zeilen wie die Reggae-Ballade der 1981 verstorbenen jamaikanischen Musiklegende - doch die Worte, die ursprünglich Trost spenden sollten, werden im neuen Zusammenhang zum beißenden Sarkasmus: "Alles wird gut. Alles wird gut .

In Deutschland ist das Protestlied unter anderem auf dem Videoportal Dailymotion zu sehen.

14 aufmüpfige Autofahrerinnen festgenommen

Die Behörden hatten für Verstöße gegen das Fahrverbot ein hartes Durchgreifen angekündigt. Nach Angaben der Zeitung „Al-Madina“ vom Sonntag wurden 14 Autofahrerinnen festgenommen, die in Riad, Dschidda, Mekka und in der Ost-Provinz hinter dem Steuer eines Wagens ertappt worden waren. Welche Strafe ihnen droht, ist nicht klar. Beim letzten Aktionstag dieser Art vor zwei Jahren erhielten die der Polizei ins Netz gegangenen Teilnehmerinnen Geldstrafen.

 „Wie wir es erwartet haben, fuhren die Frauen friedlich Auto“, teilte „Women2Drive“ am Sonntag im Kurzmitteilungsdienst Twitter mit. „Die Kampagne zur Normalisierung des Autofahrens in unserem Land wird weitergehen.“

Der konservative islamische Klerus hatte sich auch im Vorfeld dieses Aktionstages gegen jede Lockerung des Fahrverbots für Frauen ausgesprochen. Am vergangenen Dienstag fanden sich 150 Religionsgelehrte vor dem Sommerpalast von König Abdullah in Dschidda ein, um ein hartes Vorgehen der Behörden gegen aufmüpfige Frauen zu fordern.

Die internationale Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hatte bereits am Donnerstag die Kampagne der saudischen Autofahrerinnen begrüßt. „Es ist schwer zu glauben, dass Saudi-Arabien im 21. Jahrhundert Frauen immer noch das Autofahren verbietet“, erklärte die Nahost-Analystin der Organisation, Rothna Begum. „Es ist höchste Zeit, die systemhafte Diskriminierung in dem Land anzusprechen; Autofahren könnte den Weg zu Reformen bereiten.“

dpa/hn

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