1. Startseite
  2. Welt

Müssen Mütter stillen? Wissenschaftlerin kritisiert „absurden Druck – ein Horror“

Erstellt:

Von: Franziska Schwarz

Kommentare

Symbolfoto: Eine Mutter hält beim Stillen die Hand ihres Neugeborenen.
Stillen ist oft, schon rein körperlich, eine Herausforderung. © Cavan Images/Imago

Warum haben Frauen oft das Gefühl, sie müssten alles alleine schaffen? Eine Kulturwissenschaftlerin holt in einem Interview zur Erklärung weit aus.

München - Zuerst einmal die nackten Zahlen: Fast 90 Prozent der Frauen in Deutschland* wollen ihr Kind stillen. 68 Prozent füttern ihr Neugeborenes nur auf diese Weise. Vier Monate nach der Geburt sinkt ihr Anteil auf 40 Prozent. Das schreibt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft* (BMEL) auf seiner Webseite und beruft sich dabei auf eine Studie des Robert-Koch-Instituts* (RKI).

Was heißt das nun? Das BMEL schlussfolgert: „Das lässt vermuten, dass Mütter mehr Unterstützung beim Stillen benötigen, denn - Stillen muss gelernt werden“ und: „Stillen ist ein Lernprozess – es klappt nicht immer sofort und das ist normal.“

Müssen Mütter ihre Kinder stillen? Kulturwissenschaftlerin kritisiert „Hausfrauen-Konzept“

In dem Kontext ist ein aktuelles Welt-Interview mit der Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes interessant. Rulffes stellt einen „Still-Druck“ auf Frauen fest, der in einem viel größeren Zusammenhang steht.

Das Gespräch mit ihr beginnt nämlich beim Ursprung des Konzepts „Hausfrau“, das aus dem 18. Jahrhundert rührt, als die Idee aufkam, alle Menschen selbstbestimmter zu machen. Indes zogen manche bei diesem Projekt den Kürzeren: „Einige konservative Aufklärer erfanden aber Gründe, warum diese für das Bürgertum erstrittenen Rechte für Frauen, aber auch Männer ohne Besitz oder nicht-europäische Menschen nicht gelten sollten“, sagt Rulffes in dem Interview (hinter einer Paywall).

Mütter unter Druck: „Es wird immer noch ein bestimmtes Frauenbild vermittelt“

„Die Idee, dass ein Haushalt autark ist, ist totaler Quatsch“, ist so ein bemerkenswerter Satz daraus. Das Modell der „bürgerlichen Hausfrau“ ist so jung wie die Industrialisierung. Der Mann hatte hernach einen Beruf, die Ehefrau allerdings „musste repräsentieren, auch Wohlhabenheit vorgaukeln und gleichzeitig bis zur Erschöpfung schuften, um den Laden am Laufen zu halten“. Mit „Laden“ ist der gemeinsame Haushalt gemeint.

Hat sich seither für die Frauen viel gebessert? „In heutigen ‚neutralen‘ Ratgebern sieht man trotzdem nur Frauenhände, wodurch ein bestimmtes Frauenbild vermittelt wird“, bemerkt Rulffes dazu.

Kulturwissenschaftlerin zum Frauen-Bild in Deutschland: „Burn-out programmiert“

Rulffkes Analyse zur Situation Deutschland: Hier hätten Frauen der bürgerlichen Gesellschaft oftmals verinnerlicht, dass sie sich aus Liebe zu ihren Kindern allein um sie kümmern müssten. „Wie soll man sich da gegen Strukturen wehren, wenn es immer als private Entscheidung angesehen wird?“, fragt sie.

Und weiter: „Wenn es heißt, der Geburtstagskuchen muss immer selbst gebacken, das Gemüse immer frisch vom Biomarkt sein. Wenn es ein Hobby ist, wunderbar! Wenn man aber sich selbst verbietet, auch mal eine Tiefkühlpizza aufzuwärmen, weil alles andere zu viel Zeit und Energie braucht, dann ist der Burn-out programmiert.“

Expertin sieht Stillende „oftmals sehr unsanft behandelt“

Besteht also die Gefahr, dass die Mutter der Mutter Natur unterworfen wird?, möchte die Welt-Zeitung von der Kulturwissenschaftlerin wissen, deren aktuelles Buch den Titel „Die Erfindung der Hausfrau“ trägt. Ihre Antwort: „Ja. Ein klares Indiz dafür ist die Stilldebatte. Frauen in ‚stillfreundlichen‘ Krankenhäusern werden oftmals von Krankenschwestern sehr unsanft behandelt, wenn es mit dem Stillen nicht klappt. Der Druck, der auf die Frauen ausgeübt wird zu stillen, trotz eventueller Entzündungen, trotz Blut und der Schmerzen, ist absurd. Ein Horror!“

Mantra in Deutschland? „Wer nicht arbeitet, ist faul“

Rulffes plädiert dafür, dass jeder sich für einen Lebensentwurf entscheiden dürfen müsse: „Wenn man Spaß daran hat, einen Haushalt zu führen, dann soll man Hausfrau werden.“ Probleme bestehen aus ihrer Sicht jedoch auch nach der Corona-Krise noch. Denn Hausarbeit und auch Care-Arbeit würden nicht als „geldwertige Arbeit“ gesehen.

Das Ehegatten-Splitting hält sie für abschaffungswürdig, für interessant hingegen eine 4-Tage-Woche, wie sie aktuell in Island debattiert werde, und die so produktiv wie die 40-Stunden-Woche sein soll. „Bei uns gilt aber immer noch: Wer nicht arbeitet, ist faul. Vor allem Dingen bei Männern“, so Rulffes. (frs)

Auch interessant

Kommentare