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Friseurmeisterin bildet keine Azubis mehr aus - wegen Mangel an Respekt und Leidenschaft

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Von: Sven Barthel

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Haarschnitt-Übung einer Azubine
Nach den Erfahrungen einer Friseurmeisterin aus Hamburg mangele es immer mehr jungen Menschen an Leidenschaft für das Friseurhandwerk. © IMAGO / Andia

Viele Jahre lang hat die Friseurmeisterin Ulla Maas aus Hamburg junge Menschen zu Friseuren ausgebildet - doch das kommt heute für sie nicht mehr infrage. Denn den die meisten Azubis hätten keinen Respekt mehr vor dem Friseurberuf.

Ulla Maas ist Friseurmeisterin. Die 61-Jährige führt einen Salon in der Hamburger Innenstadt - allein. Zwar schule sie in Kooperation mit einem deutschen Haarpflegeunternehmen bundesweit Friseure, denen sie neue Techniken beibringt, doch Auszubildende kommen ihr schon seit langem nicht mehr ins Haus, wie sie Spiegel Start erzählt hat.

Sie selbst habe von den Besten lernen dürfen und würde ihr Wissen gerne an den Haar-schneidenden Nachwuchs weitergeben, beteuert sie gegenüber Spiegel Start. Doch das sei nicht mehr so einfach, weil es kaum noch Leute gäbe, die für diesen Beruf brennen. Ihren letzten Auszubildenden habe Maas vor rund zehn Jahren gehabt.

Eltern sind oft enttäuscht, wenn ihr Kind „nur“ Friseur werden möchte

Sie könne das auch heute immer wieder auf ihren Fortbildungen beobachten. Den jungen Leuten mangele es an Wissbegierde und Leidenschaft. Nach Ansicht der Friseurmeisterin sei an diesem Dilemma vor allem der Zeitgeist schuld. Maas spricht von einer „gesamtgesellschaftlichen Entwicklung“, die bereits in den Elternhäusern beginnt.

So seien viele Eltern erst einmal enttäuscht, wenn ihre Tochter oder ihr Sohn ihnen verkündet, Friseur werden zu wollen. „Jeder soll studieren.“ Ein Beispiel dafür sind die jüngst veröffentlichten Anmeldezahlen an Münchner Gymnasien*, die aus allen Nähten platzen, weil immer mehr Kinder Abitur machen sollen. „Das Handwerk verliert seinen Stellenwert“, ärgert sich Maas. Die Wertschätzung sei mit den Jahren immer geringer geworden.

Schlechte Gehälter schaden dem Image des Friseurhandwerks

Sie erhalte auch viel weniger Bewerbungen als früher. „Vor 20 Jahren hatte ich jedes Jahr 20 bis 30 Bewerbungen, jetzt sind es noch drei oder vier im Jahr“, so die 61-Jährige im Gespräch mit dem Spiegel. Gerade das Schreiben von Bewerbungen scheint den jungen Leuten immer weniger zu liegen. Maas berichtet von Leuten, die stattdessen lieber direkt in den Salon kämen und erwarteten, dass man sich sofort eine halbe Stunde Zeit für sie nehmen könne.

Auch die sozialen Kompetenzen der jungen Menschen lassen nach. Maas erzählt von Auszubildenden ohne Durchhaltevermögen, die stets unpünktlich kamen und die Berufschule schwänzten und zu allem Überdruss auch kaum kritikfähig gewesen sein sollen. Und viele Auszubildende mit den Maas zu tun gehabt hat, sollen zur Selbstüberschätzung* geneigt haben: Jugendliche, die denken „sie wissen schon alles, weil sie auf YouTube oder Instagram irgendwelchen Stylisten folgen.“ „Die wollen dann gleich stylen, aber nicht den Arbeitsplatz aufräumen.“

Wie so viele handwerkliche Ausbildungen leidet in Deutschland vor allem die Friseurausbildung unter einem miesen Image. Lange Arbeitszeiten im Stehen, Samstagsarbeit und Gehälter, mit denen sich die gängigen Lebenshaltungskosten nur schwer decken lassen, haben ebenso dazu beigetragen, wie auch die Darstellung der Frisöre als ungebildet in den Massenmedien und Filmen wie „Manta Manta“. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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