Künstlerische Darstellung der sterbenden Galaxie ID2299, die über eine Fontäne Gas verliert.
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Forscher machten eine beeindruckende Beobachtung: eine sterbende Galaxie, die jährlich 10.000 Sonnen ausblutet.

Bemerkenswerte Entdeckung im All

Forscher entdecken eine sterbende Galaxie, die jährlich 10.000 Sonnen ausblutet

  • Anna-Lena Schüchtle
    vonAnna-Lena Schüchtle
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Europäische Wissenschaftler machten mit einem ESO-Teleskop eine außergewöhnliche Beobachtung im All: den Beginn des Sterbeprozesses einer Galaxie. 

Alles ist vergänglich: Selbst die gewaltigen Ansammlungen von Sternen und Planetensystemen im Universum - besser bekannt als Galaxien wie etwa unsere Milchstraße - erliegen in gewisser Weise einem Alterungsprozess ... bis sie am Ende von diesem gemäß Fachjargon tatsächlich „sterben“. Der Grund: Ab einem bestimmten Zeitpunkt können sie keine neuen Sterne mehr bilden: ihr Todesurteil.

Da die Lebenszeit einer Sonne nämlich ebenfalls endlich ist, erlischt das Leben einer Galaxie gemeinsam mit dem nach und nach erlöschenden Licht ihrer Sterne - so zumindest die Theorie. Das Problem: Bislang tappten Astronomen im Dunkeln, was der Auslöser dafür sein könnte, dass eine Galaxie keine Sterne mehr bilden kann.

Sterbende Galaxie: Bis jetzt konnte der Prozess noch nie beobachtet werden

Zwar gibt es bereits Belege für aktive beziehungsweise inaktive Galaxien - den tatsächlichen Beginn des Sterbeprozesses konnten Wissenschaftler jedoch bislang nicht beobachten, was zu einer Reihe von Theorien führte. Beispielsweise wurde vermutet, dass durch die Gravitation extrem massereicher Schwarzer Löcher im Zentrum der Galaxien Gase hinausgeblasen werden könnten, die für die Bildung von Sternen notwendig ist.

Eine zufällige Entdeckung mit einem Teleskop der Europäischen Südsternwarte (ESO) brachte Weltraumforscher nun jedoch auf einen neuen Erklärungsansatz. Denn: Wie aus einer Pressemitteilung hervorgeht, gelang einem Team aus Wissenschaftlern der britischen Universität Durham und dem französischen Saclay-Forschungszentrum kürzlich erstmals ein „Blick auf den Beginn“ des Sterbeprozesses „in einer weit entfernten Galaxie“.

Das beobachtete Forschungsobjekt ist eine etwa neun Milliarden Lichtjahre entfernte Galaxie, die gewissermaßen im Sterben liegt. Ihr wenig klangvoller Name: „ID2299“. „Das ist das erste Mal, dass wir eine typische massereiche sternbildende Galaxie im fernen Universum beobachtet haben, die im Begriff ist, aufgrund eines gewaltigen kalten Gasauswurfs zu erlöschen“, wird Annagrazia Puglisi von der Durham University in der Pressemitteilung zitiert.

Die Galaxie verliert jährlich Gas mit der Masse von etwa 10.000 Sonnen

Dieser „Auswurf“ zeigt sich in Form einer gewaltigen Gas-Fontäne, durch welche die Galaxie jährlich eine Menge von etwa 10.000 Sonnen ins All hinausschießt - ähnlich als würde ein Mensch Blut und damit seinen Lebenssaft verlieren. Metaphorisch gesprochen könnte man also sagen, dass die Forscher durch das Teleskop sehen können, wie „ID2299“ verblutet.

Als Auslöser für den großen Gasverlust vermuten die Wissenschaftler eine Kollision zweier Galaxien, die letztendlich zu „ID2299“ verschmolzen sind. „Unsere Studie legt nahe, dass Gasauswürfe durch Verschmelzungen erzeugt werden und dass Winde und Gezeitenschweife sehr ähnlich aussehen können“, wird Studien-Ko-Autor Emanuele Daddi vom CEA-Saclay in der Pressemitteilung der ESO zitiert.

Beobachtung könnte zu völlig neuem Verständnis von sterbenden Galaxien führen

Bei sogenannten „Gezeitenschweifen“ handelt es sich um Stern- und Gasregionen, die von einer Galaxie aus ins Weltall hinausreichen und nach bis dato wissenschaftlicher Auffassung durch Gravitationskräfte zwischen benachbarten Galaxien entstehen. Durch die neuen Beobachtungen könnte sich dieses Verständnis jedoch nun ändern.

Denn bei von Forschern zuvor als „Winde“ ferner Galaxien identifizierten Objekten könnte es sich demzufolge auch um Gezeitenschweife handeln, die Gas herausschleudern. „Das könnte dazu führen, dass wir unser Verständnis davon, wie Galaxien sterben, revidieren müssen“, erklärt Emanuele Daddi in der Pressemitteilung.

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