Corona-Maßnahmen in Deutschland

Kassenärzte-Chef glaubt an Scheitern des Lockdowns - Drosten und Lauterbach empört: „Ich frage mich ...“

  • Cindy Boden
    vonCindy Boden
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Manche denke, der Corona-Lockdown werde länger als bis Mitte Januar dauern müssen. Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung glaubt gar an ein Scheitern der aktuellen Maßnahmen.

  • Ob die derzeit geltenden Corona-Maßnahmen einen Erfolg bringen werden oder nicht, das lässt sich noch nicht absehen.
  • Dennoch hat der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, eine klare Meinung zum Lockdown.
  • Die Aussagen riefen viel Kritik hervor, etwa von Karl Lauterbach oder Christian Drosten.

Update vom 18. Dezember, 9.56 Uhr: Andreas Gassen glaubt nicht, dass der Lockdown in Deutschland bis 10. Januar „eine relevante Absenkung der Infektionsraten und schon gar nicht der Todesfälle erreiche. Es sei keine Langfriststrategie (siehe Erstmeldung). Solche Aussagen vom Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sorgen derzeit für Kritik. „Gassens ständiger Zweifel am Lockdown bestätigt nur die, die sich nicht daran halten wollen“, schreibt etwa SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach auf Twitter. „Es ist nicht ungefährlich, was Herr Gassen hier macht. Er stellt ohne gute Begründung die Lockdown-Strategie, für die wir derzeit werben müssen, infrage“, zitiert ihn Focus Online. Hier finden Sie unseren aktuellen News-Ticker zum Thema Corona in Deutschland.

Auch Georg Nüßlein, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, schimpft über Gassens Aussagen: „Es ist offenbar eine einseitige persönliche Stellungnahme von seiner Seite“, sagte er gegenüber dem Nachrichtenmagazin. „Ich würde Herrn Gassen dringend raten, dass er sich erst einmal mit seiner Ärzteschaft abstimmt, bevor er solche Interviews gibt“. Die „breite Mehrheit der Ärzte“ habe eine andere Ansicht.

Einig sind sich die beiden Kritiker also darin, dass derartige Aussagen womöglich die Akzeptanz der Maßnahmen und Mitmach-Bereitschaft in der Bevölkerung gefährden. „Schwer verständlich“ findet auch Gesundheitsminister Jens Spahn die Aussagen, wie er im ZDF-„Morgenmagazin“ sagte - vor allem angesichts der hohen Todeszahlen und der Situation in Kliniken. „Jeder sieht doch gerade, die Infektionszahlen müssen runter, wir müssen das wieder unter Kontrolle bringen.“

Gassen zum Lockdown in Deutschland: Kritik von Virologe Drosten

Update vom 17. Dezember, 18.00 Uhr: Die kritischen Aussagen von Kassenärzte-Chef Andreas Gassen zum Lockdown in Deutschland haben für Aufsehen gesorgt. Ein Lockdown sei „keine geeignete langfristige Strategie“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Auf diesen Satz reagierte der bekannte Virologe Christian Drosten via Twitter und schrieb: „Natürlich nicht. Das würde wohl auch niemand vorschlagen.“ Drosten machte deutlich, dass er mit derartigen Aussagen nicht einverstanden ist. „Ich frage mich, wem solche Verlautbarungen helfen sollen“, fuhr der Virologe fort.

Corona in Deutschland: Kassenärzte-Chef Gassen glaubt an Scheitern des Lockdowns

Erstmeldung vom 17. Dezember:

Berlin - Deutschland hat die Notbremse gezogen, seit Mittwoch herrschen triftige Einschränkungen des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens. Doch schon jetzt sind die Diskussionen groß, wie sinnvoll all die Maßnahmen und der „harte Lockdown“ als Ganzes überhaupt sind. Denn die Ziele sind hoch gesteckt - die Inzidenzwerte sollen unter 50 sinken. Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, rechnet eher mit einem Scheitern dieses Vorhabens.

„Ich gehe nicht davon aus, dass wir bis zum 10. Januar eine relevante Absenkung der Infektionsraten und schon gar nicht der Todesfälle erreichen werden“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Er kritisiert den Corona-Lockdown - den andere wiederum Shutdown nennen - vor allem, weil solch eine Notbremse „keine geeignete langfristige Strategie“ sei. Doch gerade die brauche es, um die Zahl der Todesfälle „nachhaltig deutlich zu senken“.

Wissenschaftler und auch der Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery machten bereits deutlich, dass auch sie nicht glauben, dass die Zahlen bereits am 10. Januar ausreichend gesunken sind. „Wir werden mindestens noch bis Ostern mit verschiedenen Lockdown-Maßnahmen leben müssen“, sagte Montgomery.

Hohe Todeszahlen durch das Coronavirus - offen, wann Lockdown in Deutschland zu Ende sein wird

Selbst Kanzlerin Angela Merkel lies bei der Pressekonferenz zu den aktuellen Corona-Beschlüssen offen, wie es Mitte Januar weitergeht. Doch an der Zeit will es Gassen gar nicht festmachen: Er glaubt, dass es generell mit Lockdown-Maßnahmen schwierig wird, die Messlatte nachhaltig zu unterschreiten - „egal ob der Lockdown nun drei oder zehn Wochen dauert.“ Er sei einfach keine Langfriststrategie, die so dringend gebraucht werde, da die Kollateralschäden der Gesellschaft sonst viel zu hoch seien.

Der Orthopäde, Unfallchirurg und Rheumatologe spricht sich dafür aus, die verletzlichen Bevölkerungsgruppen besser zu schützen. Tests in Pflegeeinrichtungen und FFP2-Masken seien schon gut und müssten nun konsequent umgesetzt werden. Und: „Das Personal muss täglich getestet werden, kein Besucher darf ein Heim ohne negativen Schnelltest betreten.“

Langfriststrategie statt Corona-Lockdown: Gassen will mehr Busse und längere Öffnungszeiten

Mehr Busse und Bahnen einsetzen, Taxifahren für Risikogruppen subventionieren, Ladenöffnungszeiten verlängern: Diese Maßnahmen fordert nicht nur Gassen, sondern auch FDP-Chef Christian Lindner pocht seit einiger Zeit auf diese Schritte einer Langfriststrategie.

Außerdem rückt in Europa die Zulassung des Biontech/Pfizer-Impfstoffes in greifbare Nähe. Am Dienstagmittag werden Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn mit den Entwicklern ins Gespräch kommen. Vor allem zu Beginn des kommenden Jahres werden jedoch nicht genügend Impfdosen zur Verfügung stehen. Zudem mehren sich die Spekulationen, wie viele Menschen sich tatsächlich impfen lassen wollen. Auch wegen vereinzelter Vorbehalte in der Bevölkerung betonten die Minister wie Forschungsministerin Anja Karliczek immer wieder: „Man kann diesem Impfstoff vertrauen“ - zuletzt am Donnerstag im ZDF-„Morgenmagazin“.

Andreas Gassen zu Impfgegnern: „Muss mit dem Risiko leben, an Covid-19 zu erkranken“

Zur Impfbereitschaft hat KBV-Chef Gassen eine klare Meinung: „Wer sich bei breiter Verfügbarkeit eines Impfstoffes nicht impfen lassen will, muss dann auch mit dem Risiko leben, an Covid-19 zu erkranken oder gar daran zu sterben.“ Es könne nicht sein, dass der Rest der Gesellschaft dauerhaft auf Impfverweigerer Rücksicht nehmen müsse. (cibo)

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa

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