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Andreas Hock hat das Buch „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?“ geschrieben. 

Gastbeitrag zum Tag der Muttersprache

„Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?“ Hoffentlich nicht.

Mit Ihrem Coffee to go sind Sie noch schnell in die Bahn gejumpt. „Das ist Raubbau an unserer Sprache.“ Ein Gastbeitrag von Autor Andreas Hock am Tag der Muttersprache - und gleichzeitig eine Hommage an vergessene deutsche Wörter. 

Vielleicht haben Sie heute, am 21. Februar, wie üblich im Back-Shop um die Ecke einen Coffee to go bestellt, sind danach an zahllosen Plakaten mit dümmlichen Werbebotschaften wie Sense and Simplicity oder Liberté, toujours vorbeigefahren und haben dem Radiomoderator zugehört, wie er Tickets for free für ein fettes Konzert-Event in der City verlost. Unter Umständen haben Sie im Lauf dieses Tages eine Menge SMS oder E-Mails mit haarsträubender Rechtschreibung gelesen und am Abend im Fernsehen Menschen dabei zugehört, die wo sich auch vor einer Kamera verdammt schlecht ausdrücken tun. Und aller Wahrscheinlichkeit nach ist Ihnen all das gar nicht mehr aufgefallen, weil wir schon abgestumpft sind vom kontinuierlichen Raubbau an unserer Sprache. Dabei wäre der 21. Februar eine Chance gewesen, kurz innezuhalten.

„Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? Über den Niedergang unserer Sprache“ heißt das Buch von Andreas Haug, aus dem wir einen Auszug veröffentlichen. 

Am 21. Februar nämlich wird alljährlich der von der Unesco ausgerufene "Tag der Muttersprache" begangen, ein Gedenktag, der einen ernsten Hintergrund hat: Am 21. Februar 1952 beschloss die pakistanische Regierung, dass künftig Urdu, eine eigentlich recht unbedeutende der über hundert bekannten indoarischen Sprachen, die alleinige Amtssprache des Landes sein solle. Das Problem daran war nur, dass lediglich drei Prozent der Bevölkerung Urdu sprachen, während sich der Großteil der Menschen auf Bengalisch verständigte. Es kam zu schlimmen Unruhen, bei denen auch Tote zu beklagen waren.

48 Jahre später beschloss die Unesco, uns wenigstens einmal jährlich ins Bewusstsein zu rufen, dass jede Sprache auch ein Stück kulturelle Identität darstellt. Je mehr wir unser Deutsch verwässern, die Sprache unserer Vorfahren, die Sprache von Schiller und Goethe, die Sprache, die womöglich beinahe in Amerika gesprochen worden wäre, umso stärker verlieren auch wir diese Identität. Am Ende unserer kleinen Polemik am Umgang mit unserer Sprache wollen wir deshalb exemplarisch ein paar Wörter auflisten, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten in Vergessenheit geraten sind, wie es auch der Duden feststellte, indem er sie als "veraltet " kennzeichnete – und irgendwann vermutlich aus seinem Verzeichnis streichen wird. 

Sprachwissenschaftler zählen 6000 vom Aussterben bedrohte Wörter

Insgesamt 6000 solche "bedrohten Wörter" zählen Sprachwissenschaftler derzeit, und es werden ganz sicher nicht weniger! Aber vielleicht können wir ja verhindern, dass sie und Hunderte weiterer, wunderbarer Begrifflichkeiten wie blümerant, Dreikäsehoch oder Hagestolz irgendwann vollständig aus unserem Sprachgebrauch verschwinden und durch Anglizismen, Kanak-Sprak oder einen sonstigen Lingualquatsch ersetzt werden. Möglicherweise ist der 21. Februar eine gute Gelegenheit, ein paar von ihnen mal wieder zu verwenden.

Diese schönen Wörter verwenden wir nicht mehr. Sehr schade.

Absenz: Abwesenheit

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Advokat: Anwalt

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Allerorten: überall

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Backfisch: pubertierendes Mädchen

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Bresche: große Lücke

Bubenstück: Streich

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Dienstmann: Dienstleister für kleinere Aufgaben

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Eckensteher: Lebenskünstler

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Ehelichen: heiraten

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Ehrwürden: Anrede für geistliche Personen

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Faustkampf: Boxen

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Feilbieten: anbieten

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Fiedel: Geige

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Freudenmädchen: Prostituierte; Sag noch einmal Freudenmädchen zu meiner Mutter, und du bist tot, Mann.

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Frischauf: Ermunterungsaufruf

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Fürwahr: Bekräftigung einer Feststellung

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Galosche: ausgetretener Schuh

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Gassenhauer: bekanntes Lied

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Gaukeln:

etwas vortäuschen

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Gebührlich:

gesellschaftsfähig

*

Geziemen:

sich gehören

*

Grimmig: zornig

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Harm: Kummer

*

Hinfort: Aufforderung zum Weggehen

*

Hinterdrein: hinterher

*

Hofschranze: Schmeichler

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Honorig: ehrenhaft

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Hupfen: springen

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Ingrimm: Wut

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Inkommodieren: jemanden belästigen

*

Just: gerade

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Kabeln: weiter weg telefonieren

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Kanapee: Sofa

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Kapriziös: eigensinnig

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Kredenz: Anrichteschrank

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Kuppelei: Anbahnung einer Beziehung

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Lehrmädchen: Auszubildende

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Leibesertüchtigung: Sport

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Lichtspielhaus: Kino

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Liederjan: Tunichtgut

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Lustwandeln: spazieren gehen

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Meucheln: töten

*

Mime: Schauspieler

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Missetat: Straftat

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Mohammedaner: Muslim

*

Mummenschanz: Maskierung

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Narretei: Faxen

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Niederkunft: Geburt

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Notdurft: sich erleichtern

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Obmann: Vorsitzender

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Obsiegen: siegreich sein

*

Pelerine: Regenmantel

*

Pfeffersack: Geschäftsmann

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Prahlhans: Angeber

*

Querüber: schräg gegenüber

*

Ränke: Intrige

*

Rauschebart: Vollbart

*

Säumnis: verpassen

*

Scharwenzeln: einschmeicheln

*

Schau: Ausstellung

*

Scherflein: Spende

*

Schmaus: opulentes Essen

*

Schurkenstreich: Untat

*

Siechtum: längere Krankheit

*

Sittsam: anständig

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Sommerfrische: Erholungsurlaub

*

Spezerei: Delikatesse

*

Tagedieb: Nichtstuer

*

Tanzplatz: Tanzfläche

*

Trunksucht: Alkoholismus

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Tugendhaft: brav

*

Ungebührlich: unangemessen

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Unkeusch: schamlos

*

Verabreichen: geben

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Vermaledeien: verfluchen

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Verpönen: missbilligen

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Wacker: anständig

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Wagehals: mutiger Mensch

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Wertschätzen: gerne mögen

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Widerraten: jemandem von etwas abraten

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Wiederkunft: Heimkehr

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Windsbraut: Starke Böe

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Wohlfeil: billig

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Zeihen: beschuldigen

*

Zuvörderst: in erster Linie

Dies ist ein verkürzter Auszug aus Andreas Hocks Buch „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? Über den Niedergang unserer Sprache“. Das Buch erschien im Verlag riva und hat 192 Seiten. 

Lesen Sie weitere Buchauszüge und Gastbeiträge auf unserer Themenseite.

Die (fast) vergessenen, wunderbaren Wörter unserer Leser

Es gibt wunderbare Wörter, die kaum noch verwendet werden, aber zum Glück nicht vergessen sind. Gerade viele alte bairische Ausdrücke liegen Ihnen, liebe Leser, am Herzen. Nach unserem Aufruf haben Sie im Januar Lieblingsbegriffe gesammelt. Wir zeigen eine Auswahl.

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