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Die Trauergemeinde und zahlreiche Bergmänner nehmen an der Trauerfeier in Unterbreizbach (Thüringen) teil.

Tränen und Trauer in Unterbreizbach

Gedenken an tote Bergleute von Grubenunglück

Unterbreizbach - Drei Bergleute fanden vor einer Woche tief unter der Erde durch giftige Gase den Tod. Kollegen und Angehörige nahmen jetzt Abschied. Kaum einer von ihnen kann die Katastrophe bis jetzt begreifen.

Die Fassungslosigkeit steht auch eine Woche nach dem verheerenden Grubenunglück in Thüringen vielen noch ins Gesicht geschrieben: Trauernde Kumpel haben am Dienstag in Unterbreizbach die traditionelle Uniform der Bergmänner angelegt, um ihren drei toten Kollegen die letzte Ehre zu erweisen. Rund 800 Bergleute, Angehörige, Freunde und Nachbarn sind gekommen, um von den Männern Abschied zu nehmen, die nach einem gewaltigen unterirdischen Gasausbruch im Bruchteil von Sekunden den Tod fanden. Viele der Trauergäste können ihre Tränen nicht verbergen. Sie tragen sich in die Kondolenzbücher ein, umarmen sich schweigend. Die meisten sind auch Tage nach der Katastrophe sprachlos.

„Momentan ist alles wie gelähmt“, ringt ein 38-Jähriger um Haltung. Sein neben ihm stehender älterer Kollege nickt nur schweigend. Die Gefühle der Belegschaft versucht der Betriebsratsvorsitzende des Unterbreizbacher Werks von K+S, Rüdiger Kienitz, während der Gedenkfeier in Worte zu fassen: „Die Trauer lastet wie ein schwarzes Tuch über dem Kali-Revier. Keiner kann uns Antwort auf diese eine Frage geben; die Antwort auf die Frage nach dem Warum.“

In Unterbreizbach leben bereits Generationen mit und vom Kali-Bergbau. Seit mehr als 100 Jahren werden dort Kalisalze abgebaut und zutage gefördert. „In jeder Familie gibt oder gab es irgendjemanden bei K+S“, sagt der Bürgermeister des rund 3600 Einwohner zählenden Ortes, Roland Ernst (parteilos).

Dass in den Lagerstätten im Werra-Revier auch Einschlüsse von Kohlendioxid zu finden sind, wissen Bergleute wie Unternehmen. „Wir haben gelernt, damit umzugehen“, verweist der Vorstandschef der K+S AG (Kassel), Norbert Steiner, auf hohe Sicherheitsstandards und getroffene Vorkehrungen. Und genau darin liegt für Steiner auch die besondere Tragik des Unglücks: „Es war eine alltägliche Aufgabe, die so schrecklich endete, denn ein CO2-Ausbruch nicht gekannter Größenordnung, eine Entladung eingeschlossener Energie, raste mit ungeheurer Wucht durch die Grube, traf die Gruppe und nahm den drei Kollegen das Leben.“

Die drei Bergleute im Alter von 24, 50 und 56 Jahren waren alle erfahren in ihrem Metier. Sie gehörten zu einem Voraustrupp, der nach den üblichen Sprengungen in der Tiefe zuerst die Grube und die dortige Luftkonzentration prüft. Während sich vier Kumpel noch retten konnten, kam für die drei jede Hilfe zu spät - sie erstickten in 700 Metern Tiefe. „Es gibt im Bergbau wie in anderen Bereichen keine absolute Sicherheit. Diese schmerzliche Erfahrung bleibt“, sagt Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) in ihrer Trauerrede.

Während Bergleute und Angehörige versuchen, die Katastrophe zu verarbeiten, ruht in dem Kaliwerk bis auf weiteres die Arbeit. Noch immer ist die Grubenwehr dabei, die kilometerlangen unterirdischen Gänge vom Kohlendioxid zu befreien. „Das Kohlendioxid ist schwerer als Luft und setzt sich in den Mulden ab“, beschreibt K+S-Unternehmenssprecher Michael Wudonig die Schwierigkeit der Arbeiten.

Bilder vom Unglücksort

Bergleute sterben bei Unfall in Thüringer Kali-Grube

Hoffnung auf schnelle Ergebnisse macht daher auch die mit den Untersuchungen beauftragte Staatsanwaltschaft in Meiningen nicht. „Wir gehen davon aus, dass wir diese Woche noch nicht in den Schacht reinkommen“, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Jochen Grundler. Die Ermittler werten derzeit Werksunterlagen aus und befragen Mitarbeiter. Strafrechtliche Anhaltspunkte dafür, dass irgendetwas falsch gemacht worden sei, gebe es bislang nicht.

Für K+S-Chef Steiner ist nach dem Grubenunglück aber eines schon Gewissheit: „Es wird Zeit brauchen, um alles zu erfassen und zu akzeptieren, was am 1. Oktober 2013 geschehen ist.“

dpa

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