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Der Einsatz der Rettungskräfte am Wrack der Costa Concordia ging in der Nacht weiter.

"Costa Concordia": Frauenleiche gefunden

Giglio - Nach einem Tag Zwangspause sind am Samstag wieder Taucher ins Wrack der „Costa Concordia“ gestiegen. Sie fanden eine weitere Frauenleiche.

Spezialkräfte der Feuerwehr durchsuchten in der Nacht zum Samstag den Teil der 290 Meter langen „Concordia“, der über Wasser liegt. Gezielte Sprengungen hatten den Tauchern neue Zugänge zum Heck des gekenterten Kreuzfahrtschiffs verschafft. Dort fanden sie nach Angaben der italienischen Nachrichtenagentur Ansa eine weitere Frauenleiche. Die Nationalität wurde zunächst nicht genannt. Damit erhöht sich die Zahl der Menschen, die bei der Havarie des Luxusliners vor gut einer Woche ums Leben kamen, auf zwölf. Wie die Agentur weiter berichtete, war die Leiche gegen 13.30 Uhr entdeckt und von den Tauchern der Küstenwache an Land gebracht worden.

Der Luxusliner habe sich dabei „Gott sei Dank“ nicht bewegt, bestätigte ein Sprecher der Rettungsmannschaften, Luca Cari. Die Befürchtung des Krisenstabs, ein Sturm könnte die Lage des Schiffes und die Rettungsmaßnahmen gefährden, bewahrheitete sich bis Samstagnachmittag nicht. Hoher Seegang könnte das havarierte Kreuzfahrtschiff destabilisieren und weiter sinken lassen.

Die Spezialkräfte der italienischen Marine wollten sich am Samstag vor allem auf Deck fünf des havarierten Kreuzfahrtschiffes konzentrieren, in dem insgesamt noch mehr als 20 Menschen vermutet werden. Unter ihnen sind nach jüngsten Angaben 12 Deutsche. Die Vermissten sind nach Ansicht des neuen Krisenstab-Chefs Franco Gabrielli „wahrscheinlich“ noch an Bord. Daher werde die Suche fortgesetzt, teilte Gabrielli am Samstag bei einer Pressekonferenz auf der Insel mit.

Botschafter hofft noch auf deutsche Überlebende

Der deutsche Botschafter in Italien, Michael H. Gerdts, hofft auch acht Tage nach dem Schiffsunglück von Giglio noch auf deutsche Überlebende. „Die Hoffnung ist absolut da“, sagte Gerdts bei einem Besuch der Mittelmeerinsel am Samstag. Gerdts übermittelte dem Krisenstab den „Dank der Bundesregierung“. Widersprüchliche Angaben zur Zahl der Vermissten erklärte der Diplomat mit unterschiedlichen Quellen, etwa Angaben von Verwandten oder Passagierlisten. „Eine Liste von Vermissten zu erstellen, ist schwieriger als man denkt“, sagte Gerdts.

Große Anerkennung sprach er den Inselbewohnern aus, die in der Unglücksnacht „spontan menschliche Hilfe“ angeboten hätten. Gerdts unterstrich außerdem die gute Zusammenarbeit der lokalen Behörden mit den Mitarbeitern des Bundeskriminalamts, die bei der Identifizierung der Opfer vor Ort hülfen. Die Angehörigen der Verschollenen würden von Psychologen des Auswärtigen Amtes betreut.

Zugleich rückt die drohende Umweltkatastrophe in den Fokus der Entscheidungen. Bis Sonntagabend soll nach Darstellung Gabriellis entschieden werden, wie die mehr als zwei Millionen Liter Treibstoff - vor allem Schweröl - abgepumpt werden können. Bis dahin dürfe die niederländische Spezialfirma Smit mit diesen Arbeiten nicht beginnen, sagte Gabrielli. Er wolle „den größtmöglichen Einsatz“ bringen, um den Inselbewohnern eine Umwelt-Tragödie zu ersparen.

Unterwasser-Fotos: Taucher suchen nach Kreuzfahrtunglück

Unterwasser-Fotos: Taucher suchen nach Kreuzfahrtunglück nach Vermissten

Die italienische Regierung hatte am Freitagabend für die Gegend um den Unglücksort den Notstand beschlossen. Damit sollen schnelle Hilfe und zusätzliches Geld zur Bewältigung der Krise ermöglicht werden.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) will angesichts des Unglücks neue Regeln für die Sicherheit großer Kreuzfahrtschiffe durchsetzen. Deutschland wolle die Evakuierungsrichtlinie der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO) an die Größenentwicklung der Schiffe anpassen, teilte Ramsauers Ministerium der Nachrichtenagentur dpa mit. Beim Weltverkehrsforum Anfang Mai in Leipzig werde Ramsauer dafür erneut werben.

Noch mehr deutsche Touristen wollen Schadenersatz

Weitere deutsche Passagiere des Unglücksschiffes wollen jetzt Schadensersatzforderungen geltend machen. Zu den fünf Touristen, die bereits Ansprüche in Höhe von rund 100.000 Euro gestellt hätten, würden in der kommenden Woche wohl noch weitere hinzu kommen, sagte Opfer-Anwalt Hans Reinhardt am Samstag der dapd.

In den nächsten Tagen führe er Gespräche mit mehreren Touristen, die beabsichtigen, sich Geld zurückzuholen. Die bisherigen Forderungen kämen von zwei Ehepaaren und einer Frau aus Nordrhein-Westfalen. „Allein für die psychische Beeinträchtigung werden 2.500 Euro Schmerzensgeld pro Person geltend gemacht“, sagte Reinhardt.

Auf Kreuzfahrten hätten viele Touristen ihr gesamtes Hab und Gut dabei. „Schmuck, Kreditkarten, wichtige Dokumente - nach so einem Unfall ist alles weg“, erläuterte der Anwalt das Zustandekommen der Gesamtforderung von 100.000 Euro. Generell müssten Passagiere ihre Ansprüche innerhalb von vier Wochen nach einer Reise geltend machen. „Wer das verpasst, geht leer aus“, sagte er.

Umfrage: Knappe Mehrheit würde jetzt keine Kreuzfahrt buchen

Die Buchung einer Kreuzfahrtreise kommt derzeit indes für knapp die Hälfte aller Deutschen nicht infrage: 51 Prozent würden wegen des Unglücks vor der italienischen Küste im Augenblick darauf verzichten, ergab eine Umfrage des Emnid-Instituts im Auftrag der „Bild am Sonntag“. 61 Prozent der weiblichen und 40 Prozent der männlichen Befragten gaben laut Vorabmeldung der Zeitung vom Samstag an, derzeit nicht an Bord eines Kreuzfahrt gehen zu wollen. Befragt wurden insgesamt 500 Personen.

Kommandant warnt vor immer größeren Kreuzfahrtschiffen

Der frühere „Gorch-Fock“-Kommandant Immo von Schnurbein warnt angesichts der Havarie der „Costa Concordia“ davor, immer größere Kreuzfahrtschiffe in Dienst zu nehmen. „Ich frage mich, ob es richtig sein kann, Tausende Menschen auf ein Schiff zu pferchen und zu hoffen, dass alles gut geht“, sagte er in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Focus“ laut Vorabmeldung vom Samstag.

Kapitän teilweise entlastet?

Unterdessen sind Aussagen des unter Hausarrest stehenden Kapitäns Francesco Schettino bekannt geworden, die ihn teilweise entlasten könnten. Nach Medienberichten vom Samstag sagte Schettino bei einer Anhörung vor Gericht, er habe unmittelbar nach der Kollision mit einem Felsen beim Kreuzfahrt-Unternehmen angerufen und sowohl ein Schlepperboot als auch Hubschrauber zur Rettung gefordert.

„Mir ist ein Malheur passiert“, soll Schettino in dem Telefonat gesagt haben. Die Reederei wies die Darstellung zurück. „Er hat uns belogen und auch die Besatzung des Schiffes“, betonte der Chef von Reederei „Costa Crociere“, Pierluigi Foschi.

dpa/dapd

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