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Flatterband und städtische Siegel an den Türen versperren in Wuppertal den Eingang zu dem geräumten Hochhaus. Foto: Caroline Seidel

Wuppertaler Haus wird saniert

Deutsche Behörden suchen nach gefährlichen Hochhäusern

Folge der britischen Katastrophe mit 80 Toten: Mieter eines geräumten Hochhauses in Wuppertal dürfen vorerst nicht zurück. Feuerwehren klagen, dass Gefahren von Dämmstoffen viel zu lange ignoriert wurden.

Berlin/London (dpa) - Damit eine schreckliche Brandkatastrophe wie in London nicht auch in Deutschland passieren kann, sollen örtliche Behörden jetzt bundesweit verdächtige Hochhäuser unter die Lupe nehmen.

Die Bauministerkonferenz werde "kurzfristig erheben, wo es solche Bauten geben kann", sagte Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD). Der bisherige Takt von sechs Jahren, in dem Dämm- und Brandschutzvorgaben kontrolliert werden müssen, solle kürzer werden, schlug das Bundesbauministerium zugleich den Bundesländern vor. Baurecht fällt in Deutschland in die Zuständigkeit der Länder.

Vor zwei Wochen waren bei der Feuerkatastrophe im Londoner Grenfell Tower nach neuesten Behördenangaben mindestens 80 Menschen gestorben. Die Londoner Polizei teilte am Mittwoch mit, die genaue Zahl der Toten stehe nicht vor Ende des Jahres fest. "Was ich bis hierhin sagen kann: Wir glauben, dass 80 Menschen entweder tot sind - oder sie sind vermisst und wir müssen von ihrem Tod ausgehen", sagte Fiona McCormack von Scotland Yard.

Augenzeugen des Feuers halten diese Zahl für untertrieben. "Wir sind nicht dumm, es sind Hunderte", sagte Nachbarin Sarah Colbourne. Die Suche nach Verantwortlichen dürfte schwierig werden. McCormack sagte, an der Sanierung des Grenfell Towers seien damals mehr als 60 Firmen und Organisationen beteiligt gewesen. Bei Brandschutz-Tests fielen in Großbritannien nach neuestem Stand vom Mittwoch 120 Hochhäuser durch.

Unterdessen wird die Debatte um gefährliche Dämmstoffe auch in Deutschland schärfer. "Wir können nur hoffen, dass der Warnschuss aus London endlich ernstgenommen wird", sagte der Leitende Branddirektor der Frankfurter Feuerwehr, Reinhard Ries. Drastische Folgen hat das Unglück von London für 70 Mieter eines Hochhauses in Wuppertal.

Weil die Fassadenverkleidung als feuergefährdet gilt, dürfen die Mieter dort bis auf Weiteres nicht mehr nach Hause zurückkehren. Habseligkeiten können sie unter Aufsicht noch herausholen. Die Eigentümer wollen jetzt aktiv werden. "Das Bauamt hat einen Wiederbezug zugesagt, sobald die Fassade entfernt ist und alle sicherheitstechnischen Mängel behoben sind", betonte die in Berlin ansässige Immobilienfirma Intown und versicherte: "Wir sind bereits dabei, dies in die Wege zu leiten und durchzuführen."

Der Frankfurter Branddirektor Ries forderte einen besseren Brandschutz für Häuser unterhalb der Hochhausgrenze, also zwischen 7 und 22 Metern Höhe. Bis zu dieser Gebäudehöhe reichen die Einsatzgeräte der Feuerwehr. Ab 22 Metern sind nicht-brennbare Fassaden vorgeschrieben.

Ries zufolge behauptet ein Großteil der Fachwelt einschließlich Industrie und Politik, die Wärmedämmverbundsysteme seien sicher. Dies sei aber nicht der Fall, sagte er. Die Frankfurter Feuerwehr gilt als Vorreiter für Brandschutz bei höheren Gebäuden - auch, weil in der Main-Metropole bundesweit die meisten Hochhäuser stehen.

Ries zufolge hat eine Fassadenkonstruktion im Jahr 2012 in Frankfurt und 2016 in Duisburg zu ähnlichen Vorfällen wie in London geführt, nur mit deutlich geringerem Schaden. "Unsere konkrete Forderung lautet: Das Erdgeschoss muss so verkleidet sein, dass es nicht brennbar ausgestaltet ist und dass es nach jedem Geschoss einen Brandriegel gibt." Noch unmittelbar vor dem Unglück in London hätten die Berufsfeuerwehren und der Deutsche Feuerwehrverband ein Papier miterstellt, das vor Polystyrolschaum als Dämmstoff warnt.

Die Hamburger Feuerwehr erklärte, bei Hochhäusern seien brennbare Fassadenteile seit langem verboten. Bei niedrigeren Häusern dürfe Polystyrol verwendet werden. Die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren habe das schon vor Jahren kritisiert und - bislang vergeblich - ein Verbot gefordert. Wichtig und vorgeschrieben seien zwei baulich getrennte Rettungswege, ein Treppenhaus mit Überdrucklüftung, damit es nicht verrauchen könne und ab 30 Metern Gebäudehöhe ein Feuerwehraufzug, ebenfalls mit Überdrucklüftung.

Ein solcher könne im Brandfall von der Feuerwehr separat mit einem Schlüssel geschaltet werden, damit die Retter schnell zum Brandherd in die oberen Stockwerken kommen. "Das sind alles Errungenschaften, die mit Blut bezahlt wurden", sagte Hamburgs Feuerwehrsprecher Jan Ole Unger. Auch wenn es hierzulande ebenfalls schon Fassadenbrände gegeben habe - "die Wahrscheinlichkeit tendiert gegen Null, dass so etwas wie in London in Deutschland passiert", sagte der Sprecher des Landesfeuerwehrverbandes Schleswig-Holstein, Holger Bauer.

Positionspapier der Feuerwehren

Informationen zu Reinhard Ries

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