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Das Gladbecker Geiseldrama dauerte drei Tage.

54 Stunden mit vielen Pannen

Gladbeck: Geiseldrama hielt Republik in Atem

Gladbeck - Das Geiseldrama von Gladbeck vor 25 Jahren hat Kriminalgeschichte geschrieben. 54 Stunden hielt die Geiselnahme die Bundesrepublik in Atem.

Gladbeck - seit 25 Jahren steht der Name der Ruhrgebietsstadt für die spektakulärste Geiselnahme in der Geschichte der Republik. Zwei Gangster, die mit wechselnden Geiseln in mehreren Fluchtautos tagelang durchs Land rasen und dabei Interviews geben dürfen - das hatte es in Deutschland noch nicht gegeben. Die Geschichte des Gladbecker Geiseldramas erzählt von brutalen Verbrechern, Polizeipannen und Journalisten, die auf der Jagd nach Neuigkeiten alle Grenzen überschritten.

54 Stunden dauerte die Geiselnahme - am Ende waren zwei Geiseln tot, ein Polizist starb während des Einsatzes bei einem Verkehrsunfall. Begonnen hatte das Verbrechen am 16. August 1988: An jenem Dienstagmorgen betreten die Ganoven Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski mit Maschinenpistolen bewaffnet die Deutsche-Bank-Filiale in Gladbeck-Rentfort. Als die beiden 31 und 32 Jahre alten Bankräuber draußen Polizisten entdecken, nehmen sie zwei Bankbeschäftigte als Geiseln.

Am Abend lässt die Polizei die Kidnapper mit den Geiseln und umgerechnet gut 200.000 Euro in einem Auto abziehen. Die Gangster holen Rösners Freundin Marion L. in Gladbeck ab. Weiter geht die Fahrt durch Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen nach Bremen.

In Bremen-Huckelriede kapern die Geiselnehmer am darauf folgenden Tag einen Linienbus. Vor dem Bus stellt sich Rösner mit der Waffe vor die Kameras. Er und sein Komplize hätten mit dem Leben abgeschlossen, sagt der Gangster. "Vor allem mein Kumpel ist brandgefährlich."

Die Kidnapper setzen ihre Flucht mit rund 30 Geiseln in dem Bus fort - erneut verfolgt von zahlreichen Presseautos. Bei einem Halt auf der Raststätte Grundbergsee an der Autobahn 1 lassen die Täter die beiden Gladbecker Bankangestellten frei. Dann spitzt sich die Lage zu: Als Polizisten an der Raststätte Marion L. in ihre Gewalt bekommen, erschießt Degowski im Bus den 15-jährigen Italiener Emanuele de Giorgi.

Die Polizei lässt L. wieder frei, der Bus mit Tätern und Geiseln fährt weiter in die Niederlande. Dabei drängt sich ein Pulk von rund 20 Journalistenautos zwischen Gangster und Polizei. In den Niederlanden steigen die Täter mit den Bremer Geiseln Ines Voitle und Silke Bischoff in eine von der Polizei bereit gestellte Limousine um. Die anderen Geiseln sind frei.

Rösner, Degowski und Marion L. fahren mit den beiden jungen Frauen nach Köln und steuern dort am dritten Tag des Geiseldramas die Fußgängerzone an. Umringt von Journalisten und Schaulustigen geben die Täter Interviews - Köln wird zum Schauplatz der wohl berüchtigsten "Pressekonferenz" der deutschen Kriminalgeschichte. Später steigt sogar ein Journalist vorübergehend in den Fluchtwagen, um den Kidnappern den Weg aus der Stadt zu zeigen. Als die Limousine sich wieder in Bewegung setzt, drängen Presseautos die Polizei ab.

Wenig später entschließt sich die Polizeiführung zum Zugriff. Er endet in einem Desaster: Bei der Festnahme der Gangster auf der Autobahn 3 nahe Bad Honnef kommt es zu einem unkontrollierten Schusswechsel. Die 18-jährige Silke Bischoff wird von einer Kugel aus Rösners Waffe tödlich getroffen.

Rösner und Degowski werden am 22. März 1991 in Essen zu lebenslanger Haft verurteilt, Rösner zudem zu anschließender Sicherungsverwahrung. Bis heute sitzen beide im Gefängnis.

Für viele war die Geiselnahme ein Trauma - für die Menschen in der Gewalt der Kidnapper, für Journalisten, die den Tätern als Sprachrohr dienten, und für die Polizei, die auf einen solchen Einsatz nicht vorbereitet war. Doch seither hat sich vieles verändert: Die Polizei zog Konsequenzen bei Ausrüstung und Strukturen, Medien und Presserat zogen enge Grenzen für die Berichterstattung bei Geiselnahmen. Heute könnte sich das Drama von Gladbeck wohl so nicht mehr wiederholen.

Die Chronologie:

DIENSTAG, 16. AUGUST 1988: Wenige Minuten vor 8.00 Uhr nehmen die Bankräuber Hans-Jürgen Rösner (31) und Dieter Degowski (32) in der Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck-Rentfort eine Kundenberaterin und einen Kassierer als Geiseln.

Um 21.47 Uhr verlassen die Gangster mit ihren beiden Geiseln und einer Beute von umgerechnet gut 200.000 Euro den Tatort. In der Folgezeit wechseln sie mehrfach die Fluchtautos.

MITTWOCH, 17. AUGUST: Kurz nach Mitternacht holt Rösner seine 34-jährige Freundin Marion L. in der Wohnung seiner Schwester in Gladbeck ab. Bei ihrer weiteren Irrfahrt landen die Gangster schließlich in Bremen. Kurz nach 19.00 Uhr kapern sie dort einen Linienbus, mit dem sie um 21.50 Uhr ihre Flucht fortsetzen.

Bei einem Stopp an der Raststätte Grundbergsee an der Autobahn A1 nimmt die Polizei um 22.46 Uhr Rösners Freundin fest, die Geiseln aus Gladbeck kommen frei. Aus Wut erschießt Degowski im Bus den 15-jährigen Italiener Emanuele de Giorgi. Löblich wird daraufhin wieder freigelassen.

DONNERSTAG, 18. AUGUST: Um 2.28 Uhr überquert der Bus die niederländische Grenze. Die Geiselnehmer steigen mit den beiden Businsassinnen Ines Voitle und Silke Bischoff aus Bremen in einen BMW um, mit dem sie nach Deutschland zurückkehren. Über Wuppertal fahren sie nach Köln und von dort auf die A 3 Richtung Frankfurt.

Um 13.39 Uhr blockieren Polizei-Einsatzwagen in der Nähe der Ausfahrt Bad Honnef das Auto. Polizei und Gangster liefern sich eine wilde Schießerei. Ines Voitle kann sich retten; die 18-jährige Silke Bischoff wird von einer Kugel aus Rösners Pistole tödlich getroffen. Die Geiselnehmer werden überwältigt.

Am 22. März 1991 werden die Geiselnehmer vom Landgericht Essen verurteilt: Rösner und Degowski zu lebenslänglicher Haft, Rösners Freundin zu neun Jahren Gefängnis. Rösner und Degowski sitzen noch heute hinter Gittern - in Aachen und Werl.

AFP

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