Haiti: Cholera breitet sich weiter aus

Haiti - Die Cholera auf Haiti breitet sich weiter aus. Die WHO schätzt, dass mehr als 4770 Menschen infiziert sind. Die Vereinten Nationen haben einen Verdacht, wo der Ursprung der Seuche liegt.

Eine stinkende, schwarze Brühe rinnt aus einem lecken Rohr direkt hinter den Latrinen der nepalesischen UN-Soldaten und weiter einen Hang hinab in Richtung eines Flusses. Inspektoren der Vereinten Nationen nahmen dort am Mittwoch Wasserproben. Der Verdacht: Die Friedenstruppen könnten die Cholera nach Haiti gebracht haben. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AP lief den Inspektoren bei einem Besuch vor Ort über den Weg. Auf dieses Treffen angesprochen bestätigte Vincenzo Pugliese, Sprecher der UN-Hilfsmission, dass sie nach Spuren des Cholera-Erregers suchten. Damit räumten die Vereinten Nationen zum ersten Mal öffentlich ein, dass die Rolle des nepalesischen Stützpunkts beim Ausbruch der Seuche untersucht wird.

Die Krankheit breitet sich unterdessen weiter aus. Aus zwei bislang nicht betroffenen Departements im Norden der Insel seien neue Infektionen gemeldet worden, teilte Imogen Wall, Sprecherin des UN-Büros zur Koordinierung der humanitären Hilfe, mit. Mindestens 303 Menschen seien der Krankheit bereits erlegen und über 4.700 seien in Krankenhäusern behandelt worden.

Keine Cholera seit Anfang des 20. Jahrhunderts

Die gesamte Aufmerksamkeit der internationalen Helfer und der Vereinten Nationen richtet sich derzeit auf die Eindämmung der Seuche. Doch viele Haitianer fragen bereits nach dem Ursprung des Erregers. Die am 20. Oktober erstmals gemeldeten Cholerainfektionen waren die ersten auf der Insel seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Dass einer der Stützpunkte ihrer Truppen der Ausgangspunkt der Epidemie sein könnte, stritten die UN vehement ab. Zivile Techniker hätten am Freitag bereits Proben in dem Lager entnommen, und darin seien keine Cholera-Erreger gefunden worden, sagte Pugliese.

Der Befehlshaber des Stützpunkts habe außerdem zusätzliche Tests angeordnet. Außerdem sei kein Mitglied des Anfang Oktober eingerückten nepalesischen Bataillons infiziert, sagte er. Politiker vor Ort halten dennoch den nepalesischen Militärposten für den Ursprungsort des Erregers. Das Camp liegt direkt oberhalb des Flusses Meille, der in den Fluss Artibonite mündet. Der Artibonite gilt als Hauptinfektionsquelle. Die meisten Ansteckungen wurden in den ländlichen Gebieten entlang des Flusses verzeichnet, hauptsächlich flussabwärts der Einmündung des Meille. Das nepalesische Camp “liegt direkt dort, wo die Krankheit ihren Anfang nahm“, sagte Laguerre Lochard, Bürgermeister des unterhalb des Stützpunkts gelegenen Orts Mirebalais.

“Das Wasser ist überhaupt nicht gut“

Nach Aussage der Menschen vor Ort laufen die Tanks und Gruben regelmäßig über und ergießen sich in den Fluss in dem sie baden, waschen und aus dem sie trinken. “Das Wasser ist überhaupt nicht gut“, sagt Anwohner Jean-Paul Chery. “Man sollte darin nicht waschen“, rät er. Bürgermeister Lochard berichtet, er habe die nepalesischen Offiziere aufgefordert, die Sickergruben nicht dort anzulegen. Bis heute habe er keine Antwort aus dem Hauptquartier der 12.000 Mann starken UN-Truppe in Port-au-Prince erhalten.

Bei der Brühe handele es sich nicht um menschliche Exkremente, sagte Pugliese. Bei den untersuchten Flüssigkeiten habe es sich nur um Küchen- und Duschabwässer gehandelt. Die Rohre hätten darüber hinaus nur für die Tests frei gelegen. Warum aus ihnen Flüssigkeit in Richtung des Flusses austrat, konnte er nicht erklären. Uniformierte Soldaten füllten die Proben der schwarze Brühe in durchsichtige Plastikflaschen mit himmelblauem UN-Symbol.

Eine halbe Stunde später begannen nepalesische Soldaten, die Rohre wieder zuzuschütten - ohne sie vorher zu flicken. Ein Tanklaster des Entsorgers rückte an und begann die Tanks abzupumpen. Das schwarze, stinkende Rinnsal versiegte.

Jonathan M. Katz (ap)

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