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Gastro-Shutdown als Infektionstreiber? Top-Virologe Streeck kritisiert - „Haben es einfach versäumt“

  • Andreas Beez
    vonAndreas Beez
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Der Top-Virologe Hendrik Streeck gilt seit Beginn der Corona-Pandemie als einer der führenden Experten. Der Chef-Virologe der Uniklinik Bonn spricht eine bittere Wahrheit aus.

  • Professor Dr. Hendrik Streeck (43) zählt zu Deutschlands bekanntesten Virologen.
  • Sein Wort hat Gewicht bei führenden Politikern, in TV-Talkshows ist er regelmäßig zu Gast.
  • Im großen Interview mit dem Münchner Merkur* spricht Streeck unter anderem darüber, welche Lehren wir aus der Corona-Krise ziehen sollten.

München - Den kommenden harten Lockdown in Deutschland hält Top-Virologe Hendrik Streeck grundsätzlich für den „richtigen Weg“ - warnt aber im Gespräch mit dem Münchner Merkur: „Drohkulissen und Verbote losgelöst von einer langfristigen Strategie reichen nicht aus.“ Was dagegen nötig sei: „Permanent erklären, erläutern, und begründen, warum es so wichtig ist, den Empfehlungen zu folgen“. Möglicherweise habe in der aktuellen Pandemie noch nicht jeder Bürger den Ernst der Lage erkannt.

Virologe Streeck zieht ein bitteres Fazit über den Lockdown Light (Archivfoto).

Corona: Virologe Streeck im Exklusiv-Interview - „Das Bisherige an Schutz reicht nicht aus“


Dass der Teil-Lockdown vom November nicht wie erwünscht wirkt, könne Streeck zufolge zum einen an einer hohen Dunkelziffer und zum anderen daran liegen, dass man „im Dunklen tappe“, an welchen Orten sich tatsächlich die meisten Menschen infizieren. Die Schließung von Restaurants und Bars habe die Infektions-Dynamik jedenfalls lediglich verlangsamt, und in dem Argument der Kritiker, gerade der Gastro-Shutdown könne die Menschen in private Treffen getrieben haben, stecke „schon ein Körnchen Wahrheit“, glaubt Streeck. 


„Es ist wahrscheinlich ebenso sicher, sich mit Masken draußen zu treffen – beispielsweise auf einem Weihnachtsmarkt mit Hygienekonzept – als drinnen in Privatwohnungen ohne Masken und ohne ein Hygienekonzept“, führte Streeck gegenüber dem Münchner Merkur aus. Zur Infektions-Wahrscheinlichkeit an Orten mit funktionierendem Hygienekonzept lägen zurzeit allerdings nicht genügend Daten vor: „Wir haben es einfach versäumt zu untersuchen.“


Streecks wichtigste Empfehlung, um nun die Opferzahlen zu senken: „Risikogruppen endlich besser schützen.“ Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI)* belegten, dass die Maßnahmen zwar das Infektionsgeschehen bei den Jüngeren bremsten, nicht aber bei den Alten. Mehr als die Hälfte aller Covid-19-Todesfälle in Deutschland seien aktuell in Alten- und Pflegeheimen zu verzeichnen - und „das Bisherige an Schutz reicht nicht aus“

Streeck über Corona-Lockdown in Deutschland: „Wir dürfen sie nicht isolieren“


„Wir dürfen sie nicht isolieren“, warnt Streeck indes mit Blick auf ältere Menschen. Hingegen müssten Pflegekräfte und Besucher häufiger Corona-Tests* machen und konsequent FFP2-Schutzmasken tragen. „Ebenso könnte man Schleusen vor den Altersheimen aufbauen, und mit Hilfe von Schnelltests dafür sorgen, dass praktisch niemand mit dem Virus in das Gebäude hineingehen kann“, so Streeck.


Ein harter Lockdown bereits im Sommer bei niedrigen Fallzahlen wäre seiner Meinung nach „sehr effizient“ gewesen, um die Zahlen „auf ein Minimum“ zu drücken und wieder jede Kontaktperson nachverfolgen zu können. Es sei bestimmt nicht einfach, so etwas dann den Menschen zu kommunizieren - aber das sei der Punkt: „Es geht darum, besser zu vermitteln, warum bestimmte Maßnahmen sinnvoll sind.“ Das komplette Münchner-Merkur-Interview mit Streeck finden Sie hier. (frs) *Merkur.de gehört zum Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk.

Rubriklistenbild: © Jonas Güttler/dpa

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