Nach Kritik

Virologe Streeck über Corona-Prognose: „Es war eine Fehleinschätzung und dazu stehe ich“

  • Maximilian Kettenbach
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Virologe Hendrik Streeck wird öffentlich schwer angegangen. Im Merkur.de-Interview wehrt er sich, spricht von ‚Character killing‘ des Spiegels und eigenen Fehleinschätzungen.

Virologe Prof. Dr. Hendrik Streeck* gilt unter den Corona*-Experten als streitbar, er muss Morddrohungen über sich ergehen lassen und sieht sich vermehrt auch medialer Kritik ausgesetzt. Das Medienmagazin Übermedien hat kürzlich eine Liste seiner vermeintlichen Falschaussagen veröffentlicht, der Spiegel schickte dem Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung der Uni Bonn eine Liste mit 15 Fragen. Diese interpretierte Streeck laut der Welt als „Anklagepunkte“.

Im Interview mit Merkur. de (Das Interview in voller Länge finden Sie hier) wird er deutlich: „Was manche Medien wie der Spiegel machen, ist absichtliches ‚Character killing‘. Es wurde bewusst versucht, vermeintliche Falschaussagen zu finden und diese dann umzudrehen.“ (Auch fr.de* berichtete darüber)

Hendrik Streeck wehrt sich gegen Kritik an Corona-Vorhersagen: „Ich finde den WHO-Tweet ein super Beispiel“

Das Problem sei, dass Aussagen häufig verkürzt dargestellt würden „und manche meine Aussagen einfach nicht verstehen, oder missverstehen wollen, um damit Politik zu betreiben. Die Problematik ist, sobald man differenziert, ist es schwerer, deutlich zu machen, wo die Grenzlinien verlaufen und dass man verschiedene Wege aufzeigen möchte“. Es wäre tatsächlich viel einfacher, sich auf das Mahnen zu beschränken und möglichst radikale Maßnahmen zu fordern, so Streeck weiter. Er wolle jedoch weiter den Weg der Mitte gehen.

Der Virologe gesteht sich aber auch Fehler ein: Eine drastische WHO-Warnung befand er etwa ganz zu Beginn der Pandemie via Twitter als „falsch“. Heute sagt er: „Ich finde den WHO-Tweet ein super Beispiel, den hätte ich ja auch irgendwann löschen können. Es war eine Fehleinschätzung und dazu stehe ich. Ich habe das Virus am Anfang nicht so gefährlich eingeschätzt und habe es ein paar Wochen später revidiert.“ In der Wissenschaft sei es eben so, „wenn die Meinung am Ende revidiert wird, ist das kein Zeichen von Scheitern, sondern von Fortschritt“.

Virologe Streeck: „Mir wurde unterstellt, ich hätte die sogenannte zweite Welle nicht gesehen“

Auch den Einfluss von Masken habe er zu Anfang anderes eingeschätzt: „Das sehe ich heute anders als vor einem Jahr. Als Virologe schaute man sich die Masken an und sagte, ‚ist nicht signifikant‘, weil bis zu 80 Viren durch die Öffnungen auf einmal durchpassen. Aber: Wir haben aus der Erfahrung gelernt.“

Dennoch hätte er in der Nachbetrachtung einiges anders gemacht: „Bei anderen – vermeintlichen Fehlprognosen – hätte ich wohl deutlicher machen sollen, was gemeint ist. Dass es beispielsweise keine zweite, dritte oder vierte Welle, sondern eine Dauerwelle* gibt, die auch jahreszeitenbedingt höher oder niedriger ist, das sehe ich weiterhin so, aber es ist - absichtlich oder nicht - von bestimmten Medien falsch verstanden worden – unterstellt wurde mir, ich hätte die sogenannte zweite Welle nicht gesehen.“

Im langen Interview mit Merkur.de, spricht Streeck auch über die Rivalität zu Karl Lauterbach, die neue Öffnungsstrategie der Bundesregierung und macht Hoffnung für den Sommer.

*Merkur.de und fr.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Federico Gambarini

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