Zu viele Fragen offen

Corona: Wird die Herdenimmunität niemals erreicht? Forscher liefern Gründe für diese Annahme

  • Momir Takac
    vonMomir Takac
    schließen

Impfungen und die daraus resultierende Herdenimmunität gelten als Schlüssel zur Überwindung der Corona-Pandemie. Doch Forscher halten sie für unrealistisch.

München - Wie Herr der Lage werden? Diese Frage hatten sich Wissenschaftler auf der ganzen Welt gestellt, als sich die Corona-Pandemie vor gut einem Jahr Bahn brach. Der Ansatz damals: Wenn 60 Prozent der Menschen in einem Land gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 geimpft sind oder die Erkrankung durchgestanden haben, ist die Herdenimmunität erreicht und das Virus kann nicht weiter übertragen werden. Heute schätzen Experten die Herdenimmunitätsschwelle sogar eher bei etwa 80 Prozent ein.

Die Hoffnung, dass sie erreicht wird, und die Menschen wieder ein normales Leben führen können, wächst mit jedem Tag. Grund dafür ist die weltweite Impfkampagne, die in manchen Ländern - wie Deutschland - eher schleppend, in anderen - wie etwa Israel - schnell vorangeht.

Corona: Wissenschaftler zweifeln am Postulat der Herdenimmunität

Doch womöglich werden wir niemals Herdenimmunität erreichen. Einige Wissenschaftler verabschieden sich bereits von dem Gedanken. Der unabhängige Datenwissenschaftler Youyang Gu, bekannt für sein Covid-19-Prognosemodell, benannte es laut Nature kürzlich um, von „Der Weg zur Herdenimmunität“ in „Weg zur Normalität“.

Die Epidemiologin Lauren Ancel Meyers von der Universität von Texas in Austin wird in dem Fachblatt wie folgt zitiert: „Wir verabschieden uns gerade von der Vorstellung, dass wir die Schwelle der Herdenimmunität erreichen und dass die Pandemie dann endgültig verschwindet.“ Fünf Gründe werden in Nature angeführt, warum die Herdenimmunität bezweifelt werden kann.

Forscher: Selbst das Vorzeige-Impfland Israel hat Probleme, Herdenimmunität zu erreichen

Erstens sind Corona-Impfstoffe ungleich verteilt. Während Israel beim Impfen beispielsweise führend ist, sind in den umliegenden Ländern Ägypten, Libanon oder Syrien nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung geimpft. Diese Diskrepanz führe dazu, dass es auch in Israel ständig Potenzial für neue Ausbrüche gebe, sagt Shweta Bansal, Fachfrau für Mathematik in der Biologie an der Georgetown University in Washington DC. Erschwerend hinzu komme laut dem Datenanalysten Dvir Aran vom technologischen Institut in Haifa, dass sich junge Leute weigerten, sich impfen zu lassen. Somit müssten mehr Erwachsene geimpft werden.

Zweitens könnte eine für die Herdenimmunität notwendige Immunität nicht lange genug anhalten. Im zweiten Jahr der Pandemie könne man nicht sagen, wie lange man nach einer überstandenen Infektion immun ist. Ebenso weiß man noch nicht, wie lange ein Schutz durch die Impfung anhält.

Coronavirus: Varianten können Herdenimmunität gefährden

Drittens könnten neue Virusvarianten Herdenimmunität gefährden. Die Wissenschaftler führten das Beispiel in Manaus an. In der brasilianischen Stadt waren bereits 60 Prozent der Menschen infiziert, ehe sich die Variante P1 ausgebreitete.

Viertens würden sich Menschen aufgrund der fortschreitenden Impfkampagne in trügerischer Sicherheit wähnen und die AHA-Regeln zunehmend missachten. Fünftens und letztens weiß man noch nicht, ob Impfungen eine Weiterverbreitungen des Coronavirus überhaupt verhindern. (mt)

Rubriklistenbild: © Frank Rumpenhorst/dpa

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare