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Diese schallisolierte Telefonzelle hatte der Entführer in seiner Wohnung.

Hier wollte Entführer die Liebste gefangenhalten

Hamburg - Er soll eine Austauschstudentin entführt haben, um mit ihr eine Familie zu gründen. Seine Wohnung hatte der 30 Jahre alte Angeklagte zu einer Festung umgebaut - mit einer unheimlichen Zelle.

Sie war nur nett zu ihm gewesen, hat sich mit ihm unterhalten und ihm zugehört. Das war er nicht gewohnt von Frauen. Deshalb wollte er sie ganz für sich haben, sie in seiner festungsähnliche Wohnung samt Telefonzelle einsperren. Knapp neun Monate später sitzt der 30-Jährige auf einer Anklagebank im Hamburger Landgericht und gesteht, im August 2011 mit einer Pistole und Handgranaten bewaffnet zu der jungen israelischen Austauschstudentin gegangen zu sein und sie in seine Wohnung entführt zu haben. Er redet an diesem zweiten Verhandlungstag nicht selbst, lässt stattdessen seine Verteidigerin Auszüge aus seiner Stellungnahme vorlesen.

Noch nie hatte er eine Freundin oder überhaupt eine Beziehung zu Frauen. Nach dem ersten und einzigen gemeinsamen Abend mit der jungen Israelin steht für ihn fest: Sie ist es. Er versucht, über Facebook Kontakt herzustellen, schickt ihr eine Freundschaftsanfrage. Er versteht es nicht, dass sie keinen Kontakt zu ihm haben möchte. Auch nicht, als sie erklärt, dass sie einen festen Freund in ihrer Heimat Israel hat.

Auf mehreren Seiten hat er seine Sicht der Geschehnisse aufgeschrieben. Während er mit gesenktem Kopf auf den Tisch vor sich starrt, erklärt Leonore Gottschalk-Solger, ihr Mandant habe aus Liebe und Angst gehandelt.

Es ist nicht das erste Mal, dass ihr Mandant durch seinen Umgang mit Frauen der Justiz aufgefallen ist. Offiziell ist der 30-Jährige zwar unbestraft. “Bei der Staatsanwaltschaft sind mehrmals Ermittlungsverfahren wegen Nachstellung geführt worden“, erklärt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Wilhelm Möllers. Diese seien aber alle eingestellt worden, es kam zu keiner Verurteilung. Darunter auch ein Verfahren, in dem die Schauspielerin Eva Habermann das Stallking-Opfer war. Neun Jahre ist das her. In einem Verfahren stand ihm seine heute Verteidigerin bereits einmal als Anwältin zur Seite. Deswegen habe sie heute auch ein schlechtes Gewissen: “Ich habe nicht so gemerkt, wie tief er eigentlich in seiner Störung drinsteckt.“

Das zeigt sich in aller Deutlichkeit, als er die junge Israelin trifft und später entführt. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft will er sie zu einem gemeinsamen Leben zwingen. Irgendwann nach dem ersten Treffen fasst er offenbar einen perfiden Plan: Er baut seine Wohnung zu einer Art Festung um, spannt Stacheldraht vor die Fenster und hortet Lebensmittelvorräte, die für mehrere Wochen reichen könnten. Es soll der Wunsch nach einer Beziehung, einer Familie und Zuneigung sein, der ihn antreibt, beschreibt die Anklagebehörde das Motiv.

Mit zwei selbst gebastelten Handgranaten und einer Pistole machte er sich im August auf den Weg zum Studentenwohnheim der 26-Jährigen. Als er sie vor sich sah, sei er überwältigt gewesen von seiner Liebe zu ihr - und gleichzeitig habe er Angst gehabt, durch ihre Abreise nach Israel den Kontakt zu ihr zu verlieren. “Nun kannst du sehen, was passiert, wenn ein Mann ganz einsam ist, niemals eine Freundschaft zu einer Frau hatte und zurückgewiesen wird“, soll er der jungen Frau gesagt haben.

Sein Opfer beschreibt ihn später bei der Polizei als einen wohl intelligenten, aber merkwürdigen Mann. Er habe ihr beim ersten Treffen ungewöhnliche viele Fragen gestellt. “Jeder kann sehen, dass er Probleme hat“, sagt sie bei ihrer Vernehmung nach der Geiselnahme. “Er war hoffnungslos in sie verliebt und hat anscheinend überhaupt nicht bedacht, dass da zwei dazu gehören“, versucht die Verteidigerin das Verhalten ihres Mandanten zu erklären.

dpa

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