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Eine Originalaufnahme von Adolf Hitler in seiner Zelle in Landsberg.

Aus der Zeit als Gefangener in Landsberg

Hitlers Hoden: Enthüllende Krankenakte aufgetaucht

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München - Adolf Hitlers Krankenakte galt lange Zeit als verschollen, bis sie dem Historiker Peter Fleischmann in die Hände fiel. Darin: Sehr intime Details über Hitlers körperliche Konstitution.

Der Schutzhäftling Nummer 45 war bei der Einlieferung in die Strafanstalt Landsberg am 11. November 1923 „gesund, kräftig“, doch habe er eine ausgekugelte Schulter und einen rechtsseitigen Kryptorchismus – eine Lageanomalie eines Hodens also.

Zur Person wurde notiert: „Schriftsteller, ledig, Braunau“, dazu noch folgende Daten: 175 Zentimeter groß, 73 Kilo schwer – wobei der Häftling Adolf Hitler, der nach dem gescheiterten Putsch in München nach Landsberg eingeliefert worden war, in den nächsten Wochen aus Frust fünf Kilo abmagerte.

Diese Angaben finden sich in dem Gefangenenakt Hitlers, den der Nürnberger Archivdirektor Peter Fleischmann nun editiert hat. „Hitler als Häftling in Landsberg am Lech 1923/24“ ist eine willkommene Ergänzung zu kritischen Edition von „Mein Kampf“, Hitlers in Landsberg verfasste Propagandaschrift, die das Münchner Institut für Zeitgeschichte am 8. Januar veröffentlichen wird. Fleischmanns Edition gründet auf einem Zufallsfund, denn die Gefangenenakte war lange Zeit verschwunden.

Wo sie war, kam 2010 heraus. Da wollte sie ein Fürther Auktionshaus für 25 000 Euro versteigern. Fleischmann griff ein, denn dass zeitgeschichtlich wertvolle Dokumente einfach auf dem grauen Markt verhökert werden, geht nun gar nicht. „Es war ein Wettlauf mit der Zeit“, berichtet Fleischmann. Eilends wurde die Akte unter das Gesetz zum Schutz deutschen Kulturguts gesetzt, er selbst habe diese Verfügung, so Fleischmann, „dem Auktionator unter die Nase gehalten“.

Wie später herauskam, hatte der damalige Chef des Landsberger Gefängnisses die Archivalie in den 1960er-Jahren entwendet. Über einen Räumungsverkauf des gesamten Hausrats nach seinem Tod kam die Akte dann auf einen Flohmarkt, von dort zum Auktionshaus. Wie die Geschichte so spielt. Hitler war in Landsberg erst Schutzhäftling, dann Untersuchungshäftling, schließlich (nach der Verurteilung) Festungshäftling. Dass er vor allem als Festungsgefangener in Landsberg viele Freiheiten hatte, ist bekannt – sonst hätte er nicht so viele Besucher empfangen und sein Buch schreiben können.

Festungshaft klingt martialisch, war aber in Bayern mit vielen Erleichterungen verbunden. Die Gefangenen mussten mit „Herr“ angeredet werden, statt in Zellen wohnten sie in Stuben, auch die Verpflegung war besser – sogar Bier stand ihnen zu. Skandalös war im Falle Hitlers sowohl die kurze Haftstrafe (fünf Jahre Festungshaft), als auch die rechtswidrig zugebilligte Bewährungsfrist.

Wie Fleischmann zeigen kann, wäre Hitler sogar beinahe schon am 1. Oktober 1924 entlassen worden (statt am 1. Dezember). Der Plan zerschlug sich nur, weil herauskam, dass er Briefe hatte herausschmuggeln lassen. Die gesamte Akte wirft ein äußerst schlechtes Licht auf den Anstaltsleiter Otto Leybold, der großzügig Besucher durchwinkte – sogar ohne Aufsicht. „Hitler hatte sehr großes Glück, er traf auf eine parteiische Justiz“, stellt Fleischmann fest.

Akribisch listet der Historiker die Besucher auf, insgesamt 330 Namen, zu denen er zum größten Teil biographische Angaben und auch die Länge der Besuchszeit ermitteln konnte. Als erstes kam, wenig erstaunlich, Hitlers Rechtsanwalt Lorenz Roder, danach ausweislich der im Akt liegenden „Sprechkarte“ ein nationalsozialistischer Redakteur namens Josef Stolzing-Cerny. Helene Bechstein von der gleichnamigen Klavierfabrik war eine glühende Verehrerin Hitlers und kam gleich zwölf Mal vorbei. Mit seinem Neffen, dem erst 16 Jahre alten Leo Raubald, redete Hitler geschlagene vier Stunden lang.

Viele Hitler-Anhänger der ersten Stunde fuhren nach Landsberg: Hermann, Esser, Alfred Rosenberg, Erich Ludendorff und viele andere, etwa völkisch gesinnte Professoren sowie Abgesandte aus dem Dunstkreis des Wagner-Clans in Bayreuth. Die Besucherliste liest sich wie ein „Who is Who“ des nationalsozialistischen Deutschlands der 1920er-Jahre. Wobei auffällt, dass der Großteil der Besucher (80,5 Prozent) aus Bayern stammte.

Fleischmann folgert daraus, dass Hitler bis 1923/24 ein regionales – bayerisches – Phänomen war. Bis zur Freilassung „ist er bayerische Zeitgeschichte, danach erst deutsche und schließlich Weltgeschichte“. Die Gefangenenakte gibt das Staatsarchiv München nicht mehr heraus. „Sie liegt jetzt im Tresor“, sagt Fleischmann. Vermisst werden übrigens noch weitere Schriftstücke – so der Gefangenenakt des Mörders von Kurt Eisner, Graf Arco-Valley. Vielleicht bietet der graue Markt eines Tages noch weitere Überraschungen.

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