Nach Trennung von Ehemann

"Ich lebe in ständiger Angst"

München - Katja Schneidt trennte sich von ihrem gewalttätigen Freund, trat in die Öffentlichkeit – und fürchtet seither die Blutrache seiner Familie.

„Gefangen in Deutschland“ – so hieß das erste Buch von Katja Schneidt, 42, das vor zwei Jahren die „Spiegel“-Bestsellerliste anführte. Nun hat sie eine Fortsetzung veröffentlicht. „Befreiung vom Schleier“ (mvg-Verlag, 208 Seiten; 17,99 Euro) erzählt die Geschichte einer Frau, die sich nach unzähligen Schlägen und Demütigungen von ihrem türkischen Freund Mahmud trennt, die der islamischen Parallelwelt entkommt und sich eine neue Existenz aufbaut – in Freiheit. Heute, mehr als 20 Jahre später, lebt Katja Schneidt mit ihrer Patchwork-Familie in der Nähe von Frankfurt am Main. Sie hat zwei Kinder, ihr Partner ebenfalls. Katja Schneidt steht immer noch unter Polizeischutz. Doch obwohl sie die Blutrache von Mahmuds Familie fürchten muss, versteckt sie sich nicht mehr, sondern hilft anderen Frauen, die von gewalttätigen Partnern gefügig gemacht werden.

Haben Sie große Angst vor Mahmuds Familie?

Absolut. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass sie sich irgendwann an mir rächen wird. Einige aus der Familie sind einflussreiche Geschäftsleute – die haben durch meine Bücher ihr Gesicht verloren. Das werden sie nicht auf sich sitzen lassen. Ich lebe also in ständiger Angst. Vor kurzem erst habe ich eine Freundin niedergeschlagen, natürlich aus Versehen. Sie hatte sich auf einem Supermarktparkplatz herangeschlichen, um mich zu überraschen. Ich habe sofort reagiert, den Ellbogen ausgefahren. Ich bin immer in Alarmbereitschaft.

Was befürchten Sie konkret?

Ich traue Mahmuds Familie alles zu. Ich weiß, dass ein Cousin Mahmuds seine deutsche Ex-Freundin mitten in der Stadt mit einem Lieferwagen umgefahren hat. Diese Frau hatte es gewagt, sich von ihm zu trennen. Sie hat überlebt, aber sie ist behindert. Mahmud selbst hat einer anderen deutschen Frau, mit der er nach mir zusammen war, die Zähne ausgeschlagen. Die Frau ist irgendwann sogar nach Polen geflüchtet, nur um ihm zu entkommen.

Sie waren dreieinhalb Jahre mit Mahmud zusammen. Er prügelte Sie immer wieder fast zu Tode ...

Ja, das war die schlimmste Zeit meines Lebens.

Wieso haben Sie sich nicht schon nach der ersten Prügelattacke getrennt?

Er versprach mir: „Es kommt nie wieder vor.“ Er schenkte mir Blumen und Schmuck. Ich habe ihm geglaubt – ich wollte ihm glauben. Ich war ja am Anfang sehr verliebt in Mahmud, fühlte mich bei ihm und seiner Familie unheimlich geborgen. Ich hatte Mahmud mit 18 Jahren kennengelernt. Ich war jung. Wir zogen schnell zusammen, ich gab meine Wohnung auf ...

Und Schritt für Schritt auch Ihre Unabhängigkeit.

Mahmud hatte mir damals gesagt: „Wenn Du mit mir zusammen sein willst, dann musst Du Dein ganzes Leben ändern.“

Und das taten Sie?

Ich dachte, wenn wir uns aufeinander zubewegen, dann funktioniert die Beziehung. Es ist nicht einfach für zwei Menschen aus zwei unterschiedlichen Kulturkreisen.

Sie waren es, die sich bewegte – nicht Mahmud.

Das habe ich erst spät erkannt, zu spät. Ich hatte längst meinen Job in der Kneipe aufgegeben, bin abends nicht weggegangen, habe keinen Tropfen Alkohol angerührt. Ich hatte aufgehört, mich zu schminken, ich trug keine Miniröcke mehr, sondern Kopftücher und lange Klamotten. Irgendwann verlor sich der Kontakt zu meinen deutschen Freunden, meine Mutter sah ich auch fast nie. Ich sprach nur noch Türkisch, aß kein Schweinefleisch. Ich lebte in einer Parallelwelt. Ich hatte keine Identität mehr, kein Selbstwertgefühl – null.

Aber warum holten Sie sich keine Hilfe?

Mahmud drohte mir: „Wenn Du gehst, werde ich Dich finden und töten.“ Ich habe ihm geglaubt. Ich habe gesehen, zu was diese Familie fähig ist.

Zum Beispiel?

Ich war bei einer Hochzeit dabei. Die Braut war erst zwölf Jahre alt – und wurde öffentlich vergewaltigt. Und was passierte? Alle applaudierten! Weil dieses arme Kind angeblich so den Beweis seiner Jungfräulichkeit erbracht hatte. Furchtbar!

Kritiker machen für solche Grausamkeiten den Islam verantwortlich.

Der Islam ist eine friedliche Religion – die Frauen in keiner Weise benachteiligt. Was da passiert, hat einen ganz anderen Hintergrund, nämlich gelebte Tradition.

Wie schafften Sie es, am Ende doch zu fliehen?

Es gab einen Auslöser. Die Frau von einem Cousin Mahmuds – sie war damals die Einzige, der ich noch vertraut habe – klaute mir einen Ring. Da machte es bei mir „Klick“. Ich ging auf sie los, schlug zu, danach schnappte ich mir den Autoschlüssel und fuhr zu meiner Mutter. Ich dachte mir: Schlimmer als die letzten dreieinhalb Jahre meines Lebens kann sowieso nichts sein – nicht einmal der Tod.

Sie reisten dann quer durch Deutschland, versteckten sich bei Freunden. Mahmud spürte Sie immer wieder auf ...

Er drohte mir aber nie mehr Gewalt an. Er sagte nur, er glaube an die Beziehung.

Inzwischen sind mehr als 20 Jahre vergangen. Woran glauben Sie heute?

Daran, dass es sich lohnt zu kämpfen. Dass es immer einen Ausweg gibt – und dass man über sehr viel mehr Kraft verfügt, als man oftmals meint.

Das Gespräch führte Barbara Nazarewska.

Rubriklistenbild: © dpa

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