"Ich-AG" ist "Unwort" des Jahres 2002

- Frankfurt/Main - Das "Unwort" des Jahres 2002 heißt "Ich-AG". Die "Herabstufung menschlicher Schicksale auf ein sprachliches Börsenniveau" war für die Wahl ausschlaggebend, teilte der Sprecher der Jury, Horst Dieter Schlosser, am Dienstag in Frankfurt mit. "Ich-AG ist einer der zunehmenden Belege, schwierige soziale und sozialpolitische Sachverhalte mit sprachlicher Kosmetik schönzureden." Die sechs Sprachexperten rügten aber auch die "lächerliche Unlogik" der Wortbildung. "Ein Ich kann keine Aktiengesellschaft sein."

 Die so genannten "Ich-AGs" sind Teil der Hartz-Reform. Bundesregierung und die Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg erhoffen sich von der zum 1. Januar 2003 in Kraft getretenen Regelung eine Existenzgründerwelle. Über Sprache könne man sicher trefflich streiten, sagte der Sprecher der Bundesanstalt, Eberhard Mann. "Das Wort Ich-AG macht aber deutlich, um was es dabei geht: Arbeitslosen die Chance zu eröffnen, sich selbstständig zu machen." <P>Der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Klaus Reichert (Darmstadt), hatte den gerügten Begriff zuvor noch nie gehört. Er vertrat die Ansicht: Wenn damit eine neue Form der Selbstständigkeit propagiert werden solle, sei der Begriff "zynisch und menschenverachtend". Nach Auffassung des Vorsitzenden der Gesellschaft für deutsche Sprache (Wiesbaden), Rudolf Hoberg, der ständiges "Unwort"-Jurymitglied ist, zeigt die Wortschöpfung, dass Menschen "zusehends verdinglicht" werden.</P><P>Der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (Mannheim), Ludwig Eichinger, hält die "Ich-AG" auch für kritisierbar. "Ich höre die lächerliche Unlogik des Wortes", sagte der Philologe. Zum einen werde von einem Individuum gesprochen, zum anderen von einem Kollektiv in Form einer Aktiengesellschaft.</P><P>Die "Unwort"-Jury rügte auch den von Behörden geprägten Begriff "Ausreisezentrum" für ein Abschiebelager für Asylbewerber. "Dieses Wort soll offenbar Vorstellungen von freiwilliger Auswanderung oder gar Urlaubsreisen wecken", sagte Schlosser. Es verdecke damit auf zynische Weise einen Sachverhalt, der den Behörden wohl immer noch peinlich sei.</P><P>Auf Platz drei kam "Zellhaufen" als Bezeichnung eines menschlichen Embryos. "Mit dieser sprachlichen Verdinglichung von menschlichem Leben versuchen Biotechniker die ethischen Vorbehalte gegen Manipulationen an und sogar Tötungen von Embryonen zu unterlaufen", heißt es in der Begründung.</P><P>Zu der 12. Unwort-Aktion waren 1744 Einsendungen mit 806 verschiedenen Vorschlägen eingegangen - 79 mehr als im Vorjahr. Am häufigsten wurde die Formulierung des US-Präsidenten George W. Bush von der "Achse des Bösen" vorgeschlagen. "Sie wäre zweifellos das 'Unwort' schlechthin, wenn in Deutschland irgendein seriöser Politiker oder Journalist dieses Wort ohne deutliche Distanzierung benutzen würde", sagte Schlosser. Nicht die Häufigkeit eines Vorschlags, sondern "ein besonders krasses Missverhältnis von Wort und bezeichneter Sache" leitet die Juroren bei ihrer Entscheidung. Die "Ich-AG" kam mit 24 Vorschlägen - darunter waren Arbeitsloseninitiativen - auf Platz sechs.</P><P>"Bedrückend erschien der Jury die von Jahr zu Jahr wachsende Tendenz von Unternehmen, Entlassungen und Stellenabbau mit scheinseriösen Formulierungen zu verschleiern", betonte Schlosser. Er kritisierte zudem das "Unternehmensberater-Deutsch": "Die ergießen ja ihre halbverstandenen Begriffe über alles."</P><P>Die Unwort-Jury besteht aus vier ständigen und zwei wechselnden Mitgliedern. In diesem Jahr waren das der ZDF-Journalist Wolfgang Herles und der Generalsekretär des Goethe-Instituts, Prof. Joachim- Felix Leonhard. Das "Wort" des Jahres, das die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden kürt, lautete 2002 "Teuro".</P>

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