Bluttat in Idar-Oberstein

Tödlicher Angriff an Tankstelle: Twitter-Profil besorgnisserregend

  • Marcus Giebel
    VonMarcus Giebel
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Dieser Fall schockt ganz Deutschland. Ein junger Aral-Mitarbeiter wird mit einer Pistole erschossen. Nun weckt das mutmaßliche Twitter-Profil des Verdächtigen das Interesse der Polizei.

Update vom 22. September, 14.00 Uhr: Der Tatverdächtige war vor der tödlichen Attacke auf einen Tankstellen-Mitarbeiter weder der Polizei noch dem Verfassungsschutz bekannt. Das betonte auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer auf einer Pressekonferenz. Daher stellen wir hiermit unser Update von 13.10 Uhr richtig, in dem es geheißen hatte, der SPD-Politikerin zufolge sei der Mann dem Verfassungsschutz bereits bekannt gewesen.

Update vom 22. September, 13.10 Uhr: Wie die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer auf einer Pressekonferenz erklärte, war der Tatverdächtige der tödlichen Attacke auf einen Tankstellen-Mitarbeiter dem Verfassungsschutz bekannt. Für Idar-Oberstein kündigte die SPD-Politikerin eine erhöhte Polizeipräsenz an. Zudem würden Wahlhelferinnen und Wahlhelfer vor der Bundestagswahl am Sonntag Empfehlungen erhalten, wie sich in einer ähnlichen Bedrohungslage zu verhalten haben.

Erstmeldung vom 22. September:

München - In diesen Tagen wird Deutschland von diversen Gewalttaten mit tödlichem Ende erschüttert. Am helllichten Tag wird eine Schülerin in Sachsen auf einem Garagenhof leblos aufgefunden - erstochen. Mitten in der Nacht nimmt die Polizei in Hessen eine 20-Jährige fest, weil sie im Verdacht steht, ihre Partnerin mit einem Messer getötet zu haben. Und im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein tötet ein Kunde einen Aral-Mitarbeiter mit einem Kopfschuss.

Die Bluttat in der Tankstelle bestimmt seit Anfang der Woche die Schlagzeilen. Wegen der mutmaßlichen Hintergründe, die schier fassungslos machen. Der 49-jährige Tatverdächtige gab laut Staatsanwaltschaft als Motiv an, ihn hätten die aktuellen Lebensumstände - also die Einschränkungen infolge der Corona-Pandemie - dazu getrieben, „ein Zeichen setzen“ zu wollen. Weil ihn der junge Mann an der Kasse offenbar aufgrund des fehlenden Mund-Nasen-Schutzes nicht bedienen wollte, habe er keinen anderen Ausweg gesehen.

Tankstellen-Mitarbeiter erschossen: Bei Täter muss sich Unmenge an Wut aufgestaut haben

Keinen anderen Ausweg, als sich mit einer Pistole zu bewaffnen, erneut vor den 20-jährigen Studenten hinzutreten und ihn wohl ohne Vorwarnung zu erschießen. Auch wenn ein Kriminal-Experte an diesem Beweggrund zweifelt, ist klar: Da muss sich eine Unmenge an Wut aufgestaut haben. Denn allem Anschein nach kannten sich Täter und Opfer gar nicht, waren sich vielleicht noch nie zuvor begegnet. Was wiederum bedeutet, dass es jeden hätten treffen können. Wenn er oder sie zum falschen Zeitpunkt auf den Schützen getroffen wäre. In einem Moment, als dieser seinen Aggressionen freien Lauf ließ.

Auch wenn der Verdächtige bislang nicht polizeibekannt war, lassen erste Recherchen darauf schließen, dass er bereits in der Vergangenheit alarmierende Signale ausgesendet haben könnte. So ordnen der Spiegel und das auf Verschwörungsideologien spezialisierte Thinktank „CeMAS“ dem Mann ein Twitter-Profil zu, auf dem schon vor zwei Jahren - und damit vor der Corona-Krise - Gewaltfantasien verbreitet wurden.

In der Trauer vereint: Am Tatort haben unzählige Menschen Blumen und Kerzen niedergelegt.

Tankstellen-Mitarbeiter erschossen: Polizei geht Hinweisen auf Twitter-Profil nach

Die für den Fall zuständige Polizei Trier bestätigte bereits, dass sie sehr viele Hinweise zur Aktivität des Verhafteten in den sozialen Medien erhalten habe. Auf Twitter schrieben die Behörden selbst: „Es gibt Hinweise auf das Twitter-Profil des Tatverdächtigen. Wir gehen diesen Hinweisen nach.“

Unter anderem wurde von dem Account offenbar bereits im September 2019 getwittert: „Ich freue mich auf den nächsten Krieg.“ Als Reaktion auf Kommentare folgte: „Zivilisationen steigen auf, werden dekadent und zerfallen wieder.“ Laut „CeMAS“ habe eine erste Analyse gezeigt: „Der mutm. Täter teilt rechtsoffene Kanäle, kommentiert bei Trump, glaubt, dass der Klimawandel eine Lüge ist.“ Insgesamt seien über das Profil 183 Tweets abgesetzt worden, die meisten davon im Jahr 2019.

Tankstellen-Mitarbeiter erschossen: Twitter-Profil folgte AfD-Politikern und Maaßen

Auch Entertainer Jan Böhmermann schaute sich das Profil anscheinend genauer an und nahm dabei vor allem in den Blick, wem der User bei Twitter folgte. Neben diversen AfD-Spitzenpolitikern entdeckte der ZDF-Mann in der Liste auch CDU-Bundestagskandidat Hans-Georg Maaßen und Julian Reichelt, Chefredakteur der Bild. Diesen Fund kommentierte auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach: „Sehr beeindruckend und beängstigend. Die Hetze im Netz ging so lange, bis geschossen wurde.“

Derweil werden die Ermittlungen zu dem tödlichen Angriff wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Davon geht zumindest die Polizei aus. Ein Rätsel bleibt vorerst auch die Herkunft der Waffe. (mg)

Rubriklistenbild: © Thomas Frey/dpa

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