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Akte der Ermittlungsgruppe "Kamera". Die Polizei hat acht Tatverdächtige verhaftet. Sie sollen jahrelang einen Jungen missbraucht haben.

Grausame Beweise gesichert

Im Freiburger Missbrauchsfall geraten Ermittler an Grenzen

Sie haben weltweit gefahndet, Filme ausgewertet sowie Verdächtige und das Opfer vernommen: Freiburger Polizisten ermitteln im Fall der schweren Kindesmisshandlung. Zwei Wochen nach Bekanntwerden des Verbrechens gewähren sie erstmals einen näheren Einblick.

Freiburg  - Das Grausame steckt nach vier Monaten Ermittlungsarbeit in zehn Aktenordnern. In den Büros der Freiburger Kriminalpolizei haben Beamte der Ermittlungsgruppe "Kamera" Spuren aufgenommen und Beweise gesichert.

Es ist ein Fall, der selbst erfahrene Polizisten an den Rand des Erträglichen führt und der überregional Schlagzeilen macht. Nach dem jahrelangen Missbrauch eines Neunjährigen sitzen acht Tatverdächtige in Untersuchungshaft. Die Polizei ermittelt - und arbeitet am Schlussbericht, damit die ersten Prozesse in den kommenden Monaten beginnen können.

"Es sind Bilder und Töne, die sich einbrennen im Kopf", sagt Peter Egetemaier, Chef der Freiburger Kriminalpolizei. In seinem Haus liefen und laufen die Ermittlungen in dem Fall, der nach Angaben der Beamten bisher bekannte Dimensionen sprengt. Vor zwei Wochen wurde er erstmals bekannt - und löste Entsetzen aus. Auch bei den Ermittlern, die nun Einzelheiten nennen und einen ersten Einblick gewähren.

Schockierend: Junge mehrere Tage bei seinen Peinigern

Der heute neun Jahre alte Junge wurde den Ermittlungen zufolge von seiner Mutter und deren Lebensgefährten über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren in zahlreichen Fällen Männern für Vergewaltigungen überlassen. Das Paar hat dafür Geld kassiert, so die Polizei. Und es war demnach an Vergewaltigungen aktiv beteiligt. Gezahlt wurden von Männern jeweils bis zu mehrere tausend Euro, sagt Michael Mächtel, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Dafür bekamen sie den Jungen auch für mehrere Tage. Der Kontakt zwischen der Familie des Jungen und den Männern lief über das Internet, die Taten wurden gefilmt.

"Wir haben es mit äußerst brutalen und menschenverachtenden Verbrechen zu tun", sagt Egetemaier im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur: "Die Art der Verbrechen, die Vorgehensweise der Täter sowie die Tatsache, dass eine Mutter ihr eigenes Kind verkauft und selbst misshandelt, das hat selbst erfahrene Ermittler an ihre Grenzen gebracht." Einen ähnlichen Fall habe es noch nicht gegeben. Das Auswerten der auf Computern und Mobiltelefonen gefundenen Videos, auf denen Taten zu sehen und hören sind, sei besonders belastend.

Die 47 Jahre alte Mutter des Kindes und ihr 39-jähriger Lebensgefährte sind die beiden Hauptbeschuldigten, sagt einer der Ermittler, die namentlich nicht genannt werden wollen. Zum Motiv ermittelt die Polizei noch, Details nennt sie nicht. Doch die Beweise seien eindeutig, vor allem wegen der vielfach gespeicherten und von den Polizisten gefundenen Bildern und Filmen. Sie werden noch immer ausgewertet, die Polizei erhofft sich davon weitere Hinweise.

"Aufnahmen, die Kindesmissbrauch dokumentieren, werden in der Szene massenweise gespeichert, gesammelt und getauscht. Sie gelten manchen auch als eine Art Trophäe", sagt Egetemaier. Ein Großteil der Ermittlungen laufe im Internet. Spezialisten der Abteilung Cyber-Crime kümmerten sich darum. Das weltweite Netz erlaube es Verbrechern, anonym und grenzenlos zu agieren, ein Tastendruck genüge. Die Polizei dagegen müsse sich an nationale Grenzen und Zuständigkeiten halten. Das mache die Strafverfolgung schwierig.

Der 39-jährige Lebensgefährte, der wegen schweren Kindesmissbrauchs vorbestraft ist und dem Gerichte ein Kontaktverbot zu dem Jungen auferlegt hatten, spricht mit den Ermittlern. Viele Stunden lang ist er bereits vernommen worden. "Doch die Arbeit läuft weiter", sagt Polizeisprecherin Laura Riske. Es könnten sich Verbindungen zu möglichen weiteren Taten, Opfern und Verbrechen ergeben.

Die Szene, sagt der ermittelnde Beamte, sei über das Internet weltweit gut vernetzt. In vielen Fällen habe es die Polizei mit Tätern zu tun, die immer wieder in Erscheinung träten - und die genau wüssten, wie sie Spuren verdeckten und trotz schwerer und vielfacher Straftaten im Verborgenen bleiben könnten: "Die Täter bleiben meist auch untereinander anonym." Frauen seien selten dabei. Und wenn, schauten sie in der Regel weg und ließen Täter gewähren. Dass sie selbst vergewaltigen und misshandeln, wie in diesem Fall, sei neu.

Was brachte die Ermittler auf die Spur?

Ausgelöst wurden die Ermittlungen im September durch einen anonymen Hinweis. "Es war damals nicht absehbar, welche Ausmaße dieser Fall annimmt", sagt der Kripo-Chef. Es habe schnell gehandelt werden müssen. "Oberstes Ziel war, das Martyrium des Jungen so schnell wie möglich zu beenden und gleichzeitig genügend Beweismaterial zu haben, um die mutmaßlichen Täter aus dem Verkehr ziehen zu können."

Sechs Tage nach dem Hinweis klickten die Handschellen, der Junge wurde befreit. Auch er ist von den Polizisten in Freiburg mehrmals befragt worden - eine Herausforderung für alle Beteiligten. "Wir hoffen, dass er seinen Weg macht und ein möglichst gutes Leben vor sich hat", sagt der ermittelnde Beamte.

Viele der Polizisten sind Väter und Mütter. "Dieser Fall hat keinen von uns kalt gelassen", sagt einer der Beamten. Auch sie können Hilfe in Anspruch nehmen, betont der Kripo-Chef. Niemand werde für diese Arbeit gegen seinen Willen verpflichtet. Und: "Ein externer Psychologe sowie Kollegen stehen bereit, wenn Probleme auftauchen. Wir bieten regelmäßig Supervisionen an." Das sei auch notwendig: "Kindesmissbrauch oder Kinderpornografie sind Delikte, die sich mit gesundem Menschenverstand nicht erklären lassen." Das mache die Ermittlungen menschlich zur besonderen Herausforderung.

Die Debatte, die der Fall ausgelöst hat, spürt auch Egetemaier. "Ich würde mir wünschen, dass sie Impulse bringt", sagt er: "Fachkenntnis aller an solchen Verfahren Beteiligten ist enorm wichtig." Dies könne für Gefahren sensibilisieren und Verbrechen verhindern.

dpa

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