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Impfstoff-Mangel in Deutschland und Europa: Kommen jetzt die Exoten-Vakzine aus Russland und China? 

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Von: Marcus Mäckler

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In Deutschland und Europa fehlt es an Corona-Impfstoff. Vakzine aus Russland und China könnten nun helfen. Doch die Datenlage ist mehr als dürftig.

München - Die Rechnung ist einfach: Die Corona-Impfstoffe sind da, aber es gibt zu wenig von ihnen. Beim Impfgipel in Berlin sind EU, Bund, Länder und Pharmabranche deshalb nun aufeinandergeprallt. Nun öffnet sich die Diskussion auch für den Einsatz von Exoten-Vakzinen aus Russland und China. Die Zulassungsbehörden sollten sie „schnellstens“ prüfen, fordert Markus Söder. Auch die Kanzlerin und der Gesundheitsminister sind offen. Nur: Was können sie?

Impfstoffe aus China und Russland: Kaum Daten zu Wirksamkeit und Risiken

Die ehrliche Antwort ist ernüchternd: Man weiß es nicht genau. Zwar werden sowohl der russische Impfstoff Sputnik V als auch die chinesischen Mittel der Firmen Sinovac und Sinopharm bereits millionenfach eingesetzt – gesicherte Daten zu Wirksamkeit und Risiken gibt es aber bisher nicht. Die Zulassungen wurden jeweils vor Abschluss der entscheidenden Phase-3- Studien erteilt, in denen Impfstoffe an tausenden Freiwilligen getestet werden.

Sputnik V - erster zugelassener Corona-Impfstoff: Skepsis groß

Als Sputnik V im August als erster Corona-Impfstoff überhaupt zugelassen wurde, war die weltweite Skepsis deshalb groß. Die Entwickler des Moskauer Gamaleya-Instituts haben angekündigt, die Daten aus einer noch laufenden Phase-3-Studie mit angeblich etwa 40.000 Probanden bald im Fachblatt „Lancet“ zu veröffentlichen. Zwischendaten, erklärten sie, zeigten aber eine Wirksamkeit von 91,4 Prozent. Schwere Krankheitsverläufe verhindere das Mittel gar zu 100 Prozent

Corona-Impfstoff aus Russland - So funktioniert die Vakzine

Anders als die noch etwas wirksameren Vakzine von Biontech und Moderna arbeitet Sputnik V nicht mit der neuen mRNA-Technologie, sondern beruht auf dem Vektor-Prinzip. Dabei provozieren unschädlich gemachte Adenoviren im Körper eine Immun-Reaktion. Auch der britische Astrazeneca-Impfstoff arbeitet im Prinzip so, es gibt aber einen Unterschied: Die Entwickler von Sputnik V setzen bei der zweiten Impfung ein anderes Erkältungsvirus ein. Das soll verhindern, dass der Körper Antikörper gegen das Trägervirus bildet und so die Impfwirkung schwächt. Sollte sich die Wirksamkeit von Sputnik V bewahrheiten, wäre er eine interessante Alternative: Er braucht keine aufwändige Kühlung und soll vergleichsweise billig sein: weniger als zehn Dollar (etwa 8,30 Euro) pro Dosis.

Impfstoff aus China: Konfuse Datenlage der „Totimpfstoffe“

Die Datenlage zu den chinesischen Kandidaten ist indes konfus. Das Sinovac-Mittel (CoronaVac) zeigte bei kleiner angelegten Phase-3-Studien Wirksamkeiten von 65 Prozent (in Indonesien) bis zu 91 Prozent (in der Türkei). Brasilianische Forscher gehen von einem nur 50-prozentigen Schutz aus. Das SinopharmVakzin soll nach Firmen-Angaben zu 80 Prozent wirken.

Beide Stoffe funktionieren auf die gleiche Weise: Sie sind „Totimpfstoffe“, setzen also auf deaktivierte Sars-CoV-2-Viren. Ein Nachteil: Da die Viren tatsächlich tot sind, muss das Immunsystem des Körpers durch Zugabe anderer Substanzen provoziert werden. Außerdem hält der Impfschutz bei dieser Wirkweise erfahrungsgemäß nur kurz.

Weil noch keine Studienergebnisse vorliegen, sind Virologen bei der Bewertung der Impfstoffe zurückhaltend. Der SPD-Politiker und Mediziner Karl Lauterbach, der aktuell die Corona-Mutationen als besonders gefährlich einstuft, nannte das Wirk-Prinzip von Sputnik V bei Twitter „interessant“, das chinesische „sehr eingeschränkt“. Ohne Daten seien Zulassungen durch die Arzneimittelagentur EMA „unwahrscheinlich“. Allzu schnell dürften Sputnik und Co. also nicht nach Deutschland kommen.

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