Irak setzt auf Aussöhnung

- Bagdad/Berlin - Am Tag nach der Wahl im Irak wurde auf der ganzen Welt ein zufriedenes Fazit gezogen. Sogar Kritiker wie der russische Präsident Wladimir Putin sprechen nun von einem "positiven Ereignis". Der irakische Ministerpräsident Ajad Allawi rief sein zerrissenes Land zur Aussöhnung auf. "Alle Iraker, ob sie nun gewählt haben oder nicht, sollten ihre Zukunft gemeinsam aufbauen", appellierte Allawi. Das Ausland mahnte, die Sunniten, die den Urnengang großteils boykottiert hatten, sollten in den Entwicklungsprozess eingebunden werden.

Schwerfällig erwachte Bagdad am Montagmorgen aus der Lähmung der massiven Sicherheitsmaßnahmen, die ihr wegen der Wahlen am Vortag auferlegt worden waren. Kaum Autos, geschlossene Geschäfte und Restaurants. Iraks Übergangsregierung hatte auch den Montag noch zum Feiertag erklärt. Die Ruhe war sinnbildlich: Unter den Bürgern der Hauptsstadt herrschte Erleichterung, dass die Gewalt am Wahltag nicht eskalierte. Zwar starben 44 Menschen - doch die befürchtete Großattacke blieb aus, die Wahlbeteiligung lag bei knapp 60 Prozent. "Vielleicht ist dieser Albtraum jetzt überhaupt zu Ende", hofft ein Geschäftsbesitzer im Innenstadt-Viertel Karrade. Und auch der Zeitungsherausgeber Ismail Sajer, der auf der Liste des Übergangspräsidenten Ghasi al-Jawer kandidierte, ist optimistisch "Dass so viele Menschen wählen gingen, bedeutet doch, dass sie sich von den Terroristen nicht mehr einschüchtern lassen."

In den USA und Europa wurde das irakische Wählerverhalten gelobt. "Es ist ein mutiger Akt gewesen für die Demokratie", sagte Außenminister Joschka Fischer. Die EU sicherte dem Irak Unterstützung zu, forderte aber eine Einbeziehung von Minderheiten in die Irak-Politik.

Die einseitige Wahlbeteiligung entlang ethnischer und konfessioneller Linien wirft einen Schatten auf den im regionalen Maßstab ungewöhnlich demokratischen Wahlablauf. Schiiten und Kurden feierten den Urnengang als letzten Abgesang auf die Saddam-Diktatur Hussein, unter der sie schwer gelitten hatten. Dagegen boykottierten die Sunniten den Urnengang weitgehend, weil sie keine Wahl unter US-Besatzung akzeptieren. Um die Sunniten dennoch mit einzubeziehen, kündigte die schiitische Dawa-Partei an, einige der errungennen Sitze sunnitischen Politikern zu überlassen.

Wichtigste Aufgabe des neuen Parlamentes ist die Ausarbeitung einer Verfassung, die im Herbst verabschiedet werden soll. Auf ihrer Grundlage sind für Dezember erneut Wahlen geplant. Mindestens genauso wichtig dürfte die Organisation des Alltags werden: Noch immer sind Wasser, Strom und Benzin Mangelware.

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