Irans Atomuhr läuft rückwärts

- Teheran - Nachdem auch Russland und China den Atomstreit mit Teheran im Einklang mit den USA und der Europäischen Union im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen behandeln wollen, steht Iran praktisch alleine gegen die Großen der Welt. Die iranische Uhr bei der internationalen Atombehörde läuft jetzt rückwärts. Aber der schiitische "Gottesstaat" sieht sich im Recht.

"Was soll denn eine Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO), wenn einem ihrer Mitgliedsländer die Förderung von ziviler Nukleartechnologie untersagt wird", meint der iranische Chefunterhändler Ali Laridschani. "Schlimmer noch, jetzt wollen uns die Europäer über die IAEO vor den Sicherheitsrat bringen. Ist das nicht eine Schande", empört sich Laridschani.

Ungeachtet aller Rhetorik - "Wir lassen uns nicht klein kriegen und werden unser legitimes Recht realisieren", so Präsident Mahmud Ahmadinedschad - möchte Teheran den Disput ganz offensichtlich ohne Einschaltung des Sicherheitsrats lösen. Iranische Drohungen in solch einem Fall wie etwa die Einstellung der Kooperation mit der IAEO oder gar Austritt aus dem Atomwaffensperrvertrag - könnten zwar andere Länder, aber auch Iran selbst treffen. "Der Iran will kein zweites Nordkorea werden", sagte einmal der ehemalige iranische Staatspräsident Chatami.

Falls China und Russland mit ihren wirtschaftlichen und strategischen Interessen im Iran dem Westen folgen sollten, dann droht der Islamischen Republik eine überaus schmerzhafte Isolierung. "So etwas will auch Ahmadinedschad nicht", sagt ein politischer Beobachter in Teheran. Man könne zwar mit Ländern wie Syrien ideologisch zusammenarbeiten, aber keine Geschäfte machen.

Auch die Ölwaffe, zu der Iran bei Sanktionen greifen könnte, dürfte von OPEC-Mitgliedern wie Saudi Arabien letztendlich durch Erhöhung von Förderquoten stumpf gemacht werden. Eine eventuelle Blockade der Straße von Hormus am Persischen Golf würde zwar den weltweiten Ölexport behindern und auch den Westen treffen. Andererseits aber müsste Iran mit Feindschaft aus den Golfstaaten rechnen.

Es gibt unterdessen keinerlei Anzeichen, dass sich die iranische Führung in der Atomfrage nicht auf die Unterstützung des Volkes verlassen kann. Viele Iraner - auch die, die Ahmadinedschad und das gesamte islamische System ablehnen - sind nicht nur für Atomenergie, sondern auch für den Bau der Atombombe. "Was machen wir, wenn unsere Enkel kein Öl und Gas mehr haben? Sollen sie sich zu Tode frieren, nur weil es den Europäern nicht passt, dass wir an Alternativen für die Zukunft arbeiten", sagte eine Iranerin in einem TV-Interview. In privaten Kreisen wird offen über die iranische Bombe gesprochen. "Warum Pakistan, Indien und Israel und wir nicht", heißt es häufig.

Iran setzt zunächst weiter auf die diplomatische Karte. "Die Türen zur Diplomatie stehen offen, es wäre ratsamer für die Europäer zu reden als radikale Initiativen zu ergreifen", sagt Laridschani. Als Ausweg mag letztlich der russische Vorschlag gelten, Uran für eine friedliche iranische Nutzung der Kernenergie in Russland anzureichern. Dies wird derzeit als die einzige für alle Seiten akzeptable Lösung im Atomstreit angesehen. "Die Regierung in Teheran kriegt langsam Angst vor der eigenen Courage", meinte ein europäischer Diplomat.

Auch interessant

Kommentare