Eine Frau in Israel erhält ihre Drittimpfung gegen das Coronavirus
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Eine Frau in Israel erhält ihre Drittimpfung gegen das Coronavirus.

Ein Experte erklärt das Problem

Israel-Paradox: Vorsicht Missverständnis! - Warum die Krankenhaus-Zahlen trotz hoher Impfquote so hoch sind

  • Veronika Silberg
    VonVeronika Silberg
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Schwerer Corona-Verlauf trotz Impfung: Beweisen die Zahlen in Israel eine nachlassende Wirksamkeit gegen Delta? Ein Statistiker warnt vor Fehlinterpretationen.

New York/Tel Aviv - Was ist denn jetzt mit Israel? Dass in der Coronavirus-Pandemie mit dem Finger auf andere Länder gezeigt wird, ist nicht neu. Um über den Impfstoff und seine Wirksamkeit zu urteilen, ist Israel dabei ein besonders beliebtes Ziel. Das ist nicht ganz unbegründet. Speziell in Sachen Impfungen galt das Land lange als Vorreiter. Während in Deutschland und Europa noch über die Verteilung der Impf-Dosen gestritten wurde, brach der Neun-Millionen-Staat mit seiner Impfkampagne bereits alle Rekorde. Ende April war über die Hälfte der Bevölkerung vollständig geimpft.

Nun steigen die Corona-Fälle im Vorzeigeland wieder, trotz hoher Impfquote. Offiziellen Daten zufolge sind über die Hälfte der am 15. August behandelten Covid-Patienten in Israel geimpft. Über 50 Prozent klingt drastisch. Ist das jetzt der Beweis für eine sinkende Wirksamkeit der Impfstoffe? War der ganze Rummel umsonst? Nicht ganz. Forscher warnen davor, sich von solchen Statistiken in die Irre führen zu lassen.

Forscher erklärt Israel-Paradox: Vorsicht! - die Impfquote kann zu falschen Annahmen führen

Biostatistiker Professor Jeffrey S. Morris rechnet es auf seinem Twitter-Account vor und schreibt: „Viele sind von den Angaben verwirrt, dass mehr als die Hälfte aller Krankenhauspatienten in Israel geimpft sind und denken damit einhergehend, dass die Impfungen nicht wirken.“ Er habe die offiziellen Daten des Landes allerdings analysiert und sie zeigen: Eigentlich beweisen die Daten, genau das Gegenteil, nämlich dass die Corona-Vakzine „sehr wirksam gegen einen schweren Verlauf sind.“

Ausschlaggebend ist dabei unter anderem die hohe Impfquote in Israel. Je höher der Anteil von Geimpften in der Bevölkerung, desto höher ist auch der Anteil an Menschen, die trotz Impfung an Corona erkranken. Wären alle geimpft läge die Quote schließlich auch bei 100 Prozent. Berücksichtigt man den hohen Anteil der vollständig Geimpften in Israel muss man die Daten neu interpretieren.

Israel-Paradox erklärt: Geimpfte oder Ungeimpfte - Wer erleidet häufiger einen schweren Corona-Verlauf?

Morris macht es vor. Er rechnet die offiziellen Corona-Zahlen Israels herunter und vergleicht die Zahl der schweren Covid-Krankenhausfälle bei Menschen mit und ohne Impfung. (jeweils ab 12 Jahren). Er will herausfinden: Welche Gruppe hat prozentual mehr schwere Verläufe - Geimpfte oder Ungeimpfte?

Wäre der Impfstoff nicht wirksam müsste das Ergebnis bei beiden Zahlen genau gleich sein. Ist es aber nicht. „Man sieht, dass der Anteil an schweren Covid-Fällen bei Ungeimpften dreimal so hoch ist.“ Aber damit ist die Rechnung noch nicht zu Ende. Denn auch das Alter spielt eine erhebliche Rolle.

Israel-Paradox erklärt: Corona-Statistik trügerisch - Impfstoff-Wirksamkeit bei mindestens 85 Prozent

Denn: Der Großteil aller Ungeimpften ist jung. Ältere Risiko-Patienten sind beinahe alle geimpft. Hier ergibt sich laut Morris ein Paradox, das auch „Simpson‘s Paradox“ genannt wird: Obwohl die Wirksamkeit bei unter 50-Jährigen 91 Prozent ergibt und bei über 50-Jährigen 85 Prozent, liegt sie insgesamt nur bei 67 Prozent. (Siehe Tabelle) Schuld ist die Gruppe der Älteren: Hier ist der Anteil an Geimpften deutlich höher, das Risiko eines schweren Verlaufs aber auch. Das drückt die gesamte Statistik nach unten.

Das Beispiel Israel zeigt, „dass der Biontech/Pfizer-Impfstoff bei der Verhinderung schwerer Erkrankungen sehr gut gegenüber Delta abschneide“, erklärt der Biostatistiker in einem ausführlichen Artikel zu seiner Rechnung. Die Wirksamkeit liegt am Ende schließlich bei 85 bis 90 Prozent, trotz der irritierenden Krankenhaus-Zahlen. Das bestätigen auch bisherige Studien und Erkenntnisse. Schwerwiegende Impfdurchbrüche bleiben auch in Israel vergleichsweise selten.

Viel größer sei das Problem der sinkenden Impfbereitschaft. Die sinkt auch in Israel. Seit Mai ist die Impfquote kaum gestiegen. Die Delta-Variante hat leichtes Spiel. Das Beispiel zeigt zudem, wie schwierig es sein kann, statistische Daten zur Corona-Krise differenziert zu betrachten, ohne vorschnelle Schlüsse zu ziehen. (vs)

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