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Unglück in Italien: Wurde die Seilbahn bereits seit Jahren manipuliert?

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Von: Richard Strobl

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Ein Verdächtiger nennt bittere Details zum Seilbahn-Unglück in Italien. Der überlebende Junge fragt nach seinen Eltern. Filmaufnahmen bringen neue Erkenntnisse.

Update vom 2. Juni 2021, 12 Uhr: 14 Personen hat das tragische Seilbahn-Unglück in Italien das Leben gekostet, bereits kurz nach dem Unglück war ein furchtbarer Verdacht in den Fokus gerückt. Wurde die Seilbahn manipuliert? Nun prüft die Staatsanwaltschaft in Verbania Videoaufnahmen, die aus den Jahren 2014 und 2018 stammen sollen. Das bestätigte die ermittelnde Staatsanwältin, Olimpia Bossi, den Nachrichtenagenturen Adnkronos und Ansa in der Nacht zum Mittwoch.

Das ZDF hatte am Dienstagabend in der Fernsehsendung „Frontal 21“ über die Aufnahmen berichtet, wonach sich der Verdacht erhärtet, dass schon vor dem Unglück am Pfingstsonntag Gabeln genutzt wurden, um die Notbremse an den Gondeln zu blockieren.

Demnach soll ein Zufall nun Material liefern, das zeigt, dass die Seilbahn schon viel länger als bislang angenommen manipuliert worden sein könnte. Die Aufnahmen stammen laut dem TV-Bericht von einem Mann aus der Schweiz, der aus Interesse an der Technik die Seilbahn filmte. Nach dem Absturz habe der Mann, der selbst in der Branche tätig gewesen sei, in seinen Aufnahmen gestöbert und darauf die Gabeln entdeckt. Für Wartungsarbeiten dürfen diese Vorrichtungen eingesetzt werden. In dem Bericht wurde jedoch auch eine Aufnahme gezeigt, auf der Menschen in der Gondel zu sehen sind. Bossi wollte die Aufnahmen zunächst
nicht bewerten, wie Ansa die Staatsanwältin zitierte.

Die Seilbahn westlich des Lago Maggiore in der Region Piemont war zunächst abgestürzt und dann zerschellt. 14 Personen starben bei dem Unglück, nur ein kleiner Junge überlebte das Unglück schwer verletzt (siehe Update vom 2. Juni, 7.35 Uhr). Aus bislang ungeklärter Ursache war das Zugseil der Seilbahn gerissen. Eigentlich hätten in diesem Moment die Notbremsen am Tragseil greifen und den Absturz verhindern müssen.

Ein technischer Leiter befindet sich in häuslichem Arrest. Laut Medienberichten hatte er zugegeben, zuletzt schon die Notbremsen
deaktiviert zu haben. Diese sollen für Störungen im Betrieb der Seilbahn gesorgt haben.

Seilbahn-Unglück in Italien: Zustand von einzig Überlebendem bessert sich weiter

Update vom 2. Juni, 7.35 Uhr: Der Zustand des kleinen Jungen, der als einziger das Seilbahn-Unglück in Italien überlebte, bessert sich weiter. Das Kinderkrankenhaus in Turin teilte bereits am Montagabend (31. Mai) mit, dass der Fünfjährige am Dienstag (1. Juni) von der Intensivstation auf eine andere Station verlegt werden könne. Seine Brust- und Bauchverletzungen besserten sich. Die Tante des Jungen sei bei ihm, hieß es weiter.

Am Sonntag vor einer Woche war am Monte Mottarone westlich des Lago Maggiore in der Region Piemont aus bislang ungeklärter Ursache eine Gondel abgestürzt. Die Notbremse wurde offenbar manipuliert (siehe Erstmeldung). Das Seilbahn-Unglück riss insgesamt 14 Menschen mit in den Tod. Der fünfjährige Junge verlor dabei seine Eltern, seinen Bruder und seine Urgroßeltern. Er und ein anderes Kind waren damals schwer verletzt per Hubschrauber nach Turin geflogen worden. Das andere Kind überlebte nicht.

Seilbahn-Unglück in Italien: Wurde Seilbahn bereits seit Jahren manipuliert?

Update vom 1. Juni, 17.11 Uhr: Die Ursachen des tragischen Seilbahn-Unglücks in Italien werfen weiter Fragen auf. Offenbar wurde bewusst an der Notbremse manipuliert. Doch hatte diese Manipulation System und geschah bereits seit vielen Jahren?

Ein Hobbyfilmer legt mit seinen Aufnahmen aus den Jahren 2014, 2016 und 2018 diesen Verdacht nahe. Der Schweizer Michael Meier filmte mehrfach die Seilbahn nahe des Lago Maggiore und bemerkte, dass sich Wartungs-Gabeln am Seil befinden. Diese verhindern im Regelbetrieb ein ordnungsgemäßes Funktionieren der Notbremse, sind aber auf allen drei Videos der besagten Jahre zu erkennen.

Seilbahn-Unglück in Italien: Zwei Verdächtige wieder frei - einem glaubt die Richterin nicht

Im ZDF schilderte Meier seine Eindrücke: „Mir ist dann aufgefallen, dass auf diesen Fotos diese Forchettone (ital. für Gabel; Anm. d. Red.) schon zu sehen sind. Schon im Jahr 2014 wurden diese Forchettone mit Personen in der Kabine eingesetzt.“

Wurde also seit mindestens sieben Jahre am Sicherheitssystem der Seilbahn herumgespielt? Gabor Oplatka, ein Spezialist für Seilbahnen, befürchtet dies. „Offensichtlich hat man das praktiziert. Und bis jetzt Glück gehabt, weil ein Zugsachschaden ja relativ selten vorkommt“, befand Oplatka. Die Gabeln seien eigentlich dazu bestimmt, bei der Wartung der Seilbahnanlage ein zu leichtes Zuschnappen der Notbremse zu verhindern.

Seilbahn-Unglück in Italien: Manipulation an den Notbremsen schon seit vielen Jahren?

Erstmeldung vom 1. Juni, 14.18 Uhr: Turin - Weiter sind viele Fragen zu dem Seilbahn-Unglück in Italien* nahe des Lago Maggiore offen. Die Notbremse wurde offenbar manipuliert - doch eine Erklärung, warum das Seil reißen konnte, fehlt bislang. Ein freigelassener Verdächtiger nennt nun bittere Details zu einer möglichen Reparatur, während der einzige Überlebende weiter auf der Intensivstation ist.

Zwei der drei im Zusammenhang mit dem Unglück festgenommenen Männer sind mittlerweile wieder frei. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa entließ die Untersuchungsrichterin in Verbania am Lago Maggiore den Geschäftsführer des Betreiberunternehmens und den Betriebsleiter aus der Haft. Die Beweise für eine Täterschaft der beiden seien nicht ausreichend gewesen. Nur der Dienstleiter muss vorerst in häuslichem Arrest bleiben. Die Richterin hielt seine Aussage demnach für nicht glaubwürdig genug.

„Es waren sehr schwere sechs Tage: Diese Anschuldigung ist verheerend. Jetzt bin ich endlich ein wenig erleichtert. Ich gehe zurück zu meiner Familie“, sagte einer der Mitarbeiter der Betreiberfirma nach seiner Freilassung gegenüber der italienischen Zeitung La Stampa. Er beteuert nichts von den Klammern gewusst zu haben, mit denen offenbar das Notbremsen-System der Gondel bewusst außer Kraft gesetzt worden war. So wollte man den Betrieb nach der langen Corona-Pause offenbar sicherstellen, obwohl es zuvor Störungen gegeben hatte.

Gondel-Unglück in Italien: Betreiber nennt bittere Details zu möglicher Reparatur

„Wenn ich davon gewusst hätte, hätte ich diese Entscheidung nicht unterstützt“, sagte der technische Leiter der Betreiberfirma, Enrico Perocchio nun der Zeitung. Daneben nannte er bittere Details, denn: Für die Reparatur hätte es seiner Meinung nach gereicht, den Betrieb ein bis zwei Tage auszusetzen. Es sei ein Fehler gewesen, mit den Klammern ein Problem zu umgehen, das man hätte lösen können, so Perocchio.

Auch mit Blick auf das gerissene Seil sagte er jedoch, dass alle Wartungen gemacht worden seien und alles in Ordnung gewesen sei.

Überlebender Junge des Seilbahn-Unglücks in Italien fragt Tante nach toten Eltern

Unterdessen verbessert sich der Zustand des einzigen Überlebenden - einem fünfjährigen Jungen - weiter. Er habe zum ersten Mal leichte Nahrung zu sich nehmen können, teilte das Kinderkrankenhaus in Turin am Sonntag mit. Er bleibe vorsichtshalber weiter auf der Intensivstation - seine Tante und seine Großmutter seien 24 Stunden am Tag bei ihm.

Sie haben auch die schwere Aufgabe dem Jungen vom Tod seiner Eltern bei dem Unglück zu berichten. Als er das Bewusstsein wiedererlangt hatte, fragte das Kind die Tante sofort, warum er im Krankenhaus sei und wo seine Eltern seien, berichtet das Portal ilgiornale.it. Bislang wurde der Junge offenbar nicht über das tragische Schicksal seiner Familie aufgeklärt. Mit Blick auf seinen Gesundheitszustand soll offenbar ein Team aus Psychologen und Ärzten entscheiden, wann er vom Tod seiner Eltern erfahren wird.

Der Junge verlor bei dem Unglück neben seinen Eltern auch seinen Bruder und seine Urgroßeltern. Der Junge überlebte offenbar nur, weil seine Eltern ihn beim Sturz umarmten und so schützten.

Am Sonntag vor einer Woche hatten 14 Menschen ihr Leben verloren als am Monte Mottarone westlich des Lago Maggiore in der norditalienischen Region Piemont das Zugseil der Seilbahn riss und die Gondel talwärts abstürzte und zerschellte. Die Notbremse, die in diesem Moment am Seil hätte greifen müssen, war den Ermittlungen zufolge mit den Klammern deaktiviert worden. Nur der kleine Junge überlebte. Die Justiz will in weiteren Untersuchungen klären, warum das Zugseil riss und wer noch von den Klammern wusste. Diese dürfen eigentlich nur bei Wartungsarbeiten eingesetzt werden. (rjs/dpa) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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